Ganz selbstverständlich schöpfen wir in unserem Wahrnehmen und Erfassen aus den Gegebenheiten von Alltag und Gegenwart. Das ist so normal, dass es uns nur ganz selten bewusst wird. In einer sozialistischen Gesellschaft zum Beispiel, wo man das Menschsein aus Arbeit und Produktion definierte, galten deren Begleiterscheinungen von vornherein positiv und gaben Erkennen und Deuten Grundlage und Maßstab. Anderswo in der Welt war man längst auf das gestoßen, was wir als "nachhaltig" kennzeichnen: Unser Tun hat Folgen, und die müssen ins Auge gefasst und hinreichend berücksichtigt werden; denn auch unsere Kinder und Kindeskinder sollen noch Lebensraum haben. Dementsprechend wird hier anders gesehen und gewertet; ich muss das nicht breittreten.
Unsere Wahrnehmung ist bedingt, unser Wahrnehmen hängt von Voraussetzungen ab. So war es stets und so wird es auch bleiben. Manche Verstehensschwierigkeiten zwischen den Generationen etwa beruhen zuerst einmal darauf, dass die Vorstellungswelten hüben und drüben unterschiedlich sind. Sie stecken Horizonte ab und markieren Grenzen. Im Blick nun auf allgemeine Weisen der Wahrnehmung sprechen wir von einem "Weltbild". Je nach dem Weltbild sind Deutungen spezifisch unterschiedlich.
Alle Deutungen spiegeln das Weltbild wider, dem sie zugehören, dem sie entsprechen und dem sie sich verdanken, somit auch die Passionsdeutungen. Das bekommt in dem Augenblick Gewicht, wo Weltbilder vergangen sind, aber noch in die Gegenwart hereinragen, wie wir dies erleben. Wir kennzeichnen unsere Zeit als "postmodern". Sie hat sich grundsätzlich gelöst von der geläufigen abendländischen Tradition, die wir als "metaphysisch" bezeichnen; diese aber ist durchaus noch präsent. - Was ist Metaphysik?
Diese Frage lässt erinnern an den griechischen Philosophen Parmenides; er lebte ca. 540-470 in Italien. In seinem (nur fragmentarisch erhaltenen) Werk findet sich ein Satz, der den traditionellen abendländischen Weltbildern zugrunde liegt: "Dasselbe nämlich ist das Denken und das Sein." Was er im Einzelnen meint, mag dahinstehen; jetzt geht es um zweierlei.
Zum einen ist damit gesagt, dass unser Denken nur das enthält und wiedergibt, was auch tatsächlich ist - und umgekehrt also allein real ist und Bestand hat, überhaupt haben kann, was sich denken und denkend nachweisen lässt. Heißt: Welt und Zeit und Leben und Mensch und Gott sind denkbar, und zwar umfassend denkbar. Das schlägt sich nieder in Begriff und Definition. Sie sind hier die abschließenden Größen; was sie festlegen, das ist, und es ist exakt so. Zum anderen ist mit dem zitierten Satz ausgesagt, dass die Übereinstimmung von unserem Denken und der Wirklichkeit sozusagen programmiert ist. Die Instanz, die diese Übereinstimmung garantiert, wurde philosophisch als Urprinzip, als Grund alles Seins, als Sein-Selbst u. dgl., d.h. als Gott bestimmt; in der christlichen Überlieferung identifizieren wir es mit Gott.
Innerhalb eines metaphysischen Zusammenhangs liegen also die Gegebenheiten mit den Begriffen fest - etwa die Freundschaft: Was sie ausmacht, für sie bestimmend sei, woran sie sich erweise usw., gibt der Begriff vor. Hieraufhin kann ich klar feststellen, ob z.B. A tatsächlich mein Freund ist. Was Begriffe enthalten, wird durch Definitionen abschließend geklärt, z.B.: Impliziert "Menschenleben" auch die volle Ausbildung des Verstandes? In dem Fall nämlich könnte man Föten oder Debile hier nicht subsumieren. Da Definitionen ihrerseits begrifflich gefasst sind, komplizieren sich die Dinge, z.B.: Was sagt "gnädiger Gott"? Lässt sich eine Hungersnot oder eine Erdbebenkatastrophe mit ihm in Übereinstimmung bringen oder nicht - und was heißt das, so oder so? Wie kann man trotz der Naturkatastrophen vom gnädigen Gott reden? - Und so immer weiter fort.
Ich bleibe beim Beispiel. Wenn Gott tatsächlich gnädig ist, dann gilt innerhalb des metaphysischen Rahmens: Somit ist er das stets und allenthalben - gestern und heute und morgen und in Afrika und in Asien, kurz: jederzeit, überall und uneingeschränkt. Wenn man zu einem klaren Begriff gelangt ist, dann gilt entsprechend: Gott muss bzw. kann also nicht... Und wenn Gott dies oder jenes täte, dann würde er nicht mehr gnädig... ...würde er nicht mehr Gott sein... usw. Derartige Erwägungen sind dann unausweichlich, solange sich Fragen stellen. Dabei geraten wir in Denkschwierigkeiten, müssen etwa ausweichen, "Gnade" neu definieren, Definition und Erfahrung miteinander versöhnen und dergleichen mehr. Mit alledem sind wir mitten in der Theologiegeschichte mit ihren hoch abstrakten Erörterungen z.B. darüber, inwieweit und ob überhaupt Gnade Unheil einschließen könne.
Ich breche ab; die Andeutungen mögen einen ausreichenden Eindruck gegeben haben. Die Metaphysik versetzt mich in einen geschlossenen Raum. Möglicherweise fühle ich mich in ihm wie eingesperrt durch Begriffe. Aber diese Begriffe geben mir Sicherheit; denn hier ist die Welt im Grundsatz durchschaubar und lässt sich unterbringen in 1001 Dateien mit jeweils 1001 Unterdateien. Das gewährt Verlässlichkeit und Orientierung. Wenn z.B. dies oder jenes geschieht, dann ist ggf. bereits durch die Definition ausgeschlossen, dass es mit Gottes Gnade zu tun haben kann. Es ist eine im Einzelnen zwar komplizierte, doch prinzipiell übersichtliche Welt; was ich nicht erkenne oder begreife, kann ich durch konsequentes und sauberes Denken einsichtig machen bzw. endgültig ausschließen. Wir sprechen dort, wo auf diese Weise ein Gesamtzusammenhang konstruiert wird, von einem "System".
Heute freilich begegnet "System" in völlig anderen Zusammenhängen: Wir kennen "Waffensysteme", "Gesundheitssysteme", "Schulsysteme", beim Computer "Systemfehler" usw. "Systeme" gibt es für uns beinahe nur mehr innerhalb klar begrenzter Felder. Wir begegnen täglich einer unübersehbaren Fülle von "Einzelsystemen" mit zahlreichen "Subsystemen"; letztlich erfassen wir uns selbst und jeden Menschen als ein eigenständiges "System", und dieses "System" mengt sich ständig mit anderen - vom Heizungssystem bis zum Wertesystem. Die haben nichts miteinander zu tun, aber sie schneiden sich gleichsam im System meiner Person und beeinflussen es; ich muss gleichzeitig in oder mit ihnen leben und also mich auf sie einstellen, auch wenn sie nicht zueinander passen. So erfahren wir alltäglich unmittelbar, was vor etwa 30 Jahren der Wissenschaftstheoretiker Paul K. Feyerabend (er lehrte in Berkeley, CA) provokativ zusammenfasste: "Alles ist möglich" ("Anything goes"). Er verdeutlichte das, indem er wissenschaftliches Ergebnis, Traum und Aussage eines Mythos als gleichwertig nebeneinander stellte. Denn es gebe keine Instanz, die da gültig festlegen könne, dass das eine mehr Realität hätte als das andere.
In unserer metaphysischen Tradition hätte die Weltanschauung vorgegeben: Nur das wissenschaftliche Ergebnis ist ernst zu nehmen; alles andere fällt aus dem System einer streng gedachten Wirklichkeit heraus, ist also irreal. In unserer "Postmoderne" hingegen steht trotz der Betonung, ja Überbetonung der Wissenschaften faktisch alles gleichberechtigt nebeneinander - sogar die metaphysischen Traditionen haben noch ihren Ort, auch wenn sie sich allmählich überleben. Sie verlieren darum kontinuierlich Sinn und Brauchbarkeit, weil sie immer deutlicher an der Wirklichkeit zuschanden werden. Immerhin, noch haben sie Wirksamkeit.
Das sind im Großen die Rahmen der Deutungen der Passion Jesu Christi. In der metaphysischen Epoche ging es darum, denkend miteinander gültig zu verbinden: Gott - Welt - Mensch - Leiden - Tod - das Böse. Das ergab bestimmte Deutungsmuster, die in diesem einen Punkt vergleichbar sind: Sie sagen ganz allgemein, wie es ist - ist so, dass man hieraus Schlüsse ziehen und das System entsprechend erweitern kann. Demgemäß geht es durchgängig um etwas, was unlösbar in den metaphysischen Zusammenhang gehört: um Offenbarung. "Offenbarung" meint, dass Gott das, was bei ihm ewig gültig festliegt, uns eröffnet hat. Hieraufhin können wir es erkennen, wissen, lernen und danach handeln - bruchlos geht dabei Theologie in Moral über.
Wir freilich sind postmodern; unser Zugang und unsere Wertungen liegen auf ganz anderen Ebenen, und die sind so uneinheitlich und verschieden wie unsere gesamte Lebenswirklichkeit. Das scheint darauf hinauszulaufen, dass jeder von uns mindestens eine, wo nicht mehrere Passionsdeutungen haben müsste. Welches dabei die sozusagen "richtige" wäre, ließe sich nicht entscheiden - das legte zumal nicht die Theologie mit einer abschließenden, wissenschaftlich begründeten Erklärung fest. Sondern - ? An diesem Punkt wird es offensichtlich spannend. Denn dieser Sachverhalt ergäbe konsequenterweise: Dann kann die Theologie allenfalls weitere Deutungen zu den vorhandenen hinzufügen. Doch wer sollte für sie, wer könnte überhaupt für eine der unzähligen Deutungen einstehen? Frömmigkeit droht darüber bodenlos zu werden, Gott zu einem leeren Wort und der am Kreuz Hängende zu einem bloßen armen Kerl. Oder zöge ich jetzt einen übereilten Fehlschluss?
Ich werde zeigen, dass die Deutungen der metaphysischen Zeit Grundmodelle erbracht haben, die die Fülle der Gehalte und Möglichkeiten prägnant zusammenfassen und in übersichtlicher Form vorlegen. Das ist ihre Stärke und lässt sie nach wie vor hilfreich sein beim Erfassen der Dimensionen und beim Ausdifferenzieren der Nuancen. Die Deutungen der Postmoderne hingegen sind naturgemäß durch das Ziel bestimmt, unserer aufgesplitterten und zerplatzenden Zeit ohne die Stütze gültiger metaphysischer Sätze die Passion Jesu Christi in ihrer alles umschließenden Bedeutsamkeit darzutun. Dabei ist ihre Stärke gerade ihre Angreifbarkeit als nur eine und zudem a priori relative Stimme in einem Riesenchor: als diese eine Stimme den Einen auszusagen und darin so übergangen und abgetan werden zu können wie dieser selbst.
1931 schlug der schwedische Theologe Gustaf Aulén mit seinem Aufsatz Die drei Haupttypen des christlichen Versöhnungsgedankens (ZSTh 8, 1931, 501-538) eine Schneise in das Dickicht der Deutungen. Die von ihm in diesem Zusammenhang herausgearbeiteten drei Typen verbinden sich mit drei Namen: Athanasios, Anselm und Abaelard. Ich gehe ihnen in historischer Reihenfolge nach und ziehe dabei Auléns Darlegungen auf meine Weise aus.
Athanasios (295-373), seit 328 Metropolit von Alexandrien, d.h. Bischof dieses damals weltpolitisch bedeutenden Großbezirks, war ein bis an sein Lebensende vielfach umstrittener, unbequemer Kämpfer für das eindeutige christliche Bekenntnis. Er wurde wiederholt verbannt, u.a. 335-337 nach Trier, denn seine Lehre entsprach nicht der "political correctness". Nie freilich war es ihm um diese zu tun, sondern stets darum, dass Jesus Christus angemessen ausgesagt werde. Man verstehe: In einer Zeit, in der man versuchte, Jesus Christus, seine Person und sein Werk mit Begriffen und Ausdrucksweise damaliger Wissenschaft und Philosophie gedanklich zu klären und sprachlich festzuhalten, ging es um zweierlei zugleich: um zutreffende Wahrnehmung und um Exaktheit in den Begriffen. Athanasios steht ganz wesentlich für das, was später das sog. Nizänische Glaubensbekenntnis (genau: das Bekenntnis von Nicäa-Konstantinopel; EG 805) wurde. Wie deutete er die Passion?
Er deutet sie als ein dramatisches Geschehen von kosmischen Dimensionen: Mit seinem Tod überwindet Christus den Teufel und alle gottwidrigen Mächte, die uns in Sünde und Tod geknechtet halten. Ein Motiv im Hintergrund ist dabei die bereits lange vor Athanasios entstandene Auffassung vom so genannten Teufelsbetrug: Der Teufel freute sich, einen Gerechten durch Folter und Hinrichtung quälen und sich errauben zu können, ohne zu ahnen, dass dieser vermeintliche Mensch Gott selber sei. Indem er sich an ihm vergriff, sind ihm alle ihm bis dato noch eingeräumten Rechte entzogen. Statt der Beute hat er leere Hände und ist abschließend besiegt - der Anfang von seinem Ende. In dieser Tradition hat man also insbesondere die Linie des Johannes-Evangeliums aufgenommen, des Evangeliums, das im Blick auf die Kreuzigung in bewusster Doppelsinnigkeit von Jesu "Erhöhung" spricht. Indem der, der mit dem himmlischen Vater eins ist, zur Erlösung der Welt sich preisgibt und sein Leben verliert, ist er doppelt erhöht: durch die Art der Hinrichtung und durch die Rückkehr zum Vater. Damit ist sein Wirken vollendet ("Es ist vollbracht").
Viele Altarbilder zeigen Jesu Niederfahrt zur Hölle, wie er die Gerechten des alten Bundes oder auch Adam und Eva befreit. In derlei Darstellungen wird die Passion, wie Athanasios sie lehrte, für uns gut anschaulich: Hier, in der Hölle, beginnt Christi Sieg; hier befreit er die Verstorbenen. Bis heute gilt in der Christenheit Christi Höllenfahrt durchgängig als Anfang seines Triumphs, leitet also gleichsam bereits über zu seiner endgültigen Verherrlichung in der Auferstehung.
Diese Passionsdeutung ist hoch dramatisch und stellt klar: Der metaphysische Rahmen ist völlig verändert. Nunmehr steht Gott nicht einfach mehr dem Bösen, sondern dem überwundenen Bösen gegenüber, das nur noch bis zur Vollendung der Zeit seine gebrochene Existenz fristen darf, doch über die Glaubenden keine Macht mehr hat. Streng genommen also ist dieser Rahmen aufgesprengt; in die metaphysische Konstruktion ist ein bleibender Fremdkörper eingegangen. Kein Zufall, dass einer der wenigen großen Theologen, die sich der Metaphysik und ihrem Weltbild entzogen haben, Martin Luther, grundlegend diese dynamisch-dramatische Deutung aufnahm. Bezeichnenderweise hat er unter seinen vielen Chorälen kein Passionslied gedichtet. Denn nicht die Passion als solche stand für ihn im Vordergrund, sondern dies: dass und wie wir einbezogen werden in die Überwindung der gottfeindlichen Mächte durch Jesus Christus.
Anselm (1033-1109), seit 1093 Erzbischof von Canterbury, richtete seine gedankliche Arbeit vor allem darauf hin aus, den christlichen Glauben argumentativ zu vermitteln. In diesem Zusammenhang ist sein berühmtes, 1093-1098 entstandenes Buch Cur deus homo (Warum Gott Mensch wurde) zu sehen. Hier verbindet ein weit gespannter, im Grunde seelsorgerlicher Dialog die metaphysische Spekulation mit etwas, was sie eigentlich aufsprengt.
Warum wurde Gott Mensch? Weil die Menschheit in Adam Gottes Ehre verletzt hat, die Ehre dessen, der unendlich ist. Damit hat sie eine unendliche Schuld auf sich geladen, die sie, weil endlich, nicht zu sühnen vermag. Die Würde Gottes und mit ihr die Weltordnung bleiben beschädigt, solange diese Ehrverletzung nicht gesühnt ist. Also stellt sich für Gott die Alternative: entweder Strafe - die freilich würde die Vernichtung seiner menschlichen Kreatur bedeuten, kann also nicht in Gottes Interesse sein - oder Genugtuung - zu ihr jedoch ist der endliche Mensch nicht fähig (aut poena aut satisfactio). Darum wurde Gott selber Mensch in Jesus Christus. Als wahrer Gott war er imstande, die unendliche Schuld zu sühnen; als wahrer Mensch aber konnte er für die Menschheit einstehen. Also gab sich Christus als Mensch für die Sünden der Menschen hin und leistete Gott die seiner - verletzten - Ehre schuldige Genugtuung.
So weit der metaphysische Rahmen, der in diesem kurzen Referat natürlich noch abstrakter klingen muss, als er sich im Original liest. Im Entscheidenden allerdings bricht Anselm ihn auf, und das gut biblisch, also nachgerade revolutionär. Denn Anselm zögert nicht, mit seinem Diskurs festzustellen: Zu Golgatha, an jenem Ort und an jenem Karfreitag, also räumlich und zeitlich fixiert, da geschieht etwas, was für die Ewigkeit und in ihr wirksam ist. Da geschieht Gottes Versöhnung. Da wird seiner verletzten Ehre die abschließende volle Genugtuung zuteil. Der von Sünde Beladene und vor Gottes Ewigkeit Erschauernde - man denke an mittelalterliche Darstellungen des Jüngsten Gerichts - kann nun auf einen für ihn zugänglichen, weil in Raum und Zeit spielenden Vorgang verweisen: Dort! Dort wurde Gott Genugtuung geleistet. Dort, am Kreuz zu Golgatha, ist meine Schuld gesühnt und meiner Sünde genug getan. Also kann ich hoffen, und meine Hoffnung hat eine unbezweifelbare Grundlage.
Man bemerke: Die Achse der Ewigkeit hat nun gleichsam ihr Lager in der Zeit! Mit dieser Deutung greift Anselm seiner Zeit um Jahrhunderte vor. Denn zu seiner Zeit - bis ins 15. Jahrhundert - galten Ereignisse in Raum und Zeit, jedenfalls grosso modo, gleichsam als Hinweise auf oder Signale für Gegebenheiten der Ewigkeit; das war es, was ihnen Gewicht und Bedeutsamkeit verlieh, wohingegen die Vorgänge selber, als "Bewegung" (genauer: "Veränderung", kínesis), lediglich beiläufig waren. Und nun der geschundene und ans Kreuz genagelte Christus: Er, mit seinem Leben, seiner Passion und seinem Tod, dieser gequälte und ermordete Mensch, der zugleich Gott ist, mit seinem Leben und Sterben leistet er Gott die schuldige Genugtuung und steht dafür gut, dass wir Menschen hoffen können! Denn durch dieses Geschehen wurde das Verhältnis Gottes zu uns von Grund auf und bleibend verwandelt, so dass ich mich nicht länger vor dem himmlischen Richter fürchten muss, obschon ich dazu Grund habe.
Hier ist also in der Gestalt einer abstrakten allgemeinen Erwägung realisiert, dass in Jesus Christus "Gottheit und Menschheit vereinen sich beide" (EG 66,1), dass folglich die Zeit für die Ewigkeit und der Einzelne für den ewigen Gott Gewicht hat.
Petrus Abaelard (1079-1142), der in Paris seit 1108 Dialektik und Theologie lehrte, mag manchen ein Begriff sein wegen seiner Affäre mit Héloise. Ihre Liebe - sie hatten einen Sohn miteinander - wurde jäh zerbrochen, als er, obschon zur Heirat bereit, Héloise in ein Kloster verbrachte, woraufhin ihr Onkel ihn entmannen ließ. Danach folgten durch zahlreiche Ortswechsel und Zerwürfnisse geprägte Jahre; das muss uns nicht beschäftigen. Wie deutet er die Passion?
Er ist von den Genannten wohl am meisten mit der Metaphysik verwachsen. Seine Fragestellung leuchtet sofort ein, wenn man den Horizont der Metaphysik in Rechnung stellt: Wie wäre es mit Gottes Vollkommenheit und Güte vereinbar, dass er ein Opfer, gar ein grausames verlangte, um sich versöhnen zu lassen? Die Antwort kann natürlich nur negativ sein. Aber - warum dann Golgatha? Zur Antwort nimmt Abaelard einen Zug aus der Tradition auf und stellt ihn in den Vordergrund: Hier offenbare Gott seine Liebe. Das ist kurz auszuführen.
Gott ist die Liebe. Daran ändert auch die menschliche Sünde nichts; demgemäß bedarf er keiner Genugtuung oder blutiger Versöhnungsopfer. Umgekehrt: Seine Liebe ist unendlich und hat Bestand. Sie ist so grenzenlos und real, dass er in Jesus Christus sich selbst dahingibt, um sie zu erweisen und - ich sag's einmal sehr salopp - gegen alle Zweifel wetterfest zu machen. So wahr Jesus Christus litt und am Kreuz starb, so wahr ist Gottes Liebe zu uns gültig und real. Indem wir auf den Gekreuzigten blicken, werden wir von dieser Liebe überwältigt, so dass wir gar nicht anders können, als unsererseits uns von ihr gleichsam mitnehmen zu lassen zu einem Leben in Liebe zu Gott und im Tun seines Willens.
In einer von Umbrüchen und erfahrener Vergänglichkeit geprägten Epoche war einst Augustin Gottes Ewigkeit aufgeleuchtet: Gott ist unerschütterbarer Grund für alles, was ist; er bleibt, und aus seiner Ewigkeit heraus schafft und gewährt er uns Zeit. Vergleichbar hier: Was immer uns widerfährt oder in der Welt geschieht, Gottes Liebe zu uns hat Bestand und immer währende Geltung; sie übersteigt jedes Maß.
So weit diese drei klassischen Modelle. Sie setzen einen metaphysischen Rahmen voraus. Das Modell des Abaelard verleiht ihm eine neue Qualifikation: Wir leben in einer Welt, die bleibend umspannt ist von Gott, der schlechthin und überbordend Liebe ist. Modern geredet, ist das "kontrafaktisch" und darin an ihm selber Aufhebung aller - möglichen - Statik. Das Modell des Anselm weitet den Rahmen unerhört aus: Das raumzeitliche Kreuzesgeschehen hat als solches Gewicht und ist für die Ewigkeit gültig. In der Folgezeit freilich wurde das immer wieder reduziert auf eine Art metaphysisches Rechenexempel. Das Modell das Athanasios in seiner Dynamik sprengt den Rahmen nahezu auf; er ist gleichsam im Zerbrechen. Seit der Überwindung der gottwidrigen Mächte sind Welt und Zeit in der Bewegung einer umfassenden Umwälzung. Dieser Zug freilich wurde bei der Aufarbeitung dieses Modells weithin ins Metaphysische zurückgebogen: Also ist seither alles Widergöttliche erledigt; und wenn es sich dennoch muckt und regt, denn sind das nur mehr letzte Zuckungen. Doch es lohnt nicht, dass man sich mit ihnen befasse: "Ein kurzer, scharfer Blick" (Karl Barth) ist alles, was sie wert sind.
Das Fazit also ist, dass wir in einer rundherum von dem liebenden, versöhnten und machtvollen Gott umschlossenen und durchwalteten Welt leben. Alles, was das in Frage stellen könnte oder zu erschüttern droht, muss somit entweder als mit alledem verträglich bewiesen werden, oder man übergeht es. Oder es ist Anlass dazu, dass man Gott ausdrücklich für tot erklärt oder faktisch als gestorben nimmt.
Abschließend sei die fortwährende Resonanz dieser drei Modelle mit dem Hinweis auf Gesangbuchlieder angedeutet: Zu dem des Athanasios nenne ich EG 75 (Ehre sei dir, Christe), 101 (Christ lag in Todesbanden) und 341 (Nun freut euch, lieben Christen g'mein); zu dem des Anselm EG 76 (O Mensch, bewein dein Sünde groß), 79 (Wir danken dir, Herr Jesu Christ) und 83 (Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld); zu dem des Abaelard EG 78 (Jesu Kreuz, Leiden und Pein), 81 (Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen) und 88 (Jesu, deine Passion will ich jetzt bedenken). Es handelt sich nicht um unmittelbare Entsprechungen, sondern vielmehr um Akzente.
Das metaphysische Weltbild ragt noch in unsere Zeit herein, nicht zuletzt in Theologie und Kirche. Doch es ist längst zerbrochen. Spätestens im Dezember 1900 war es erledigt, als Max Planck nachwies, dass die Natur Sprünge macht. Denn wenn die Natur Sprünge macht, dann gibt es in der für uns realen Welt nichts Feststehendes mehr. Nun stellte zwar Planck selbst konstante Größen heraus, und Albert Einstein fügte mit der Lichtgeschwindigkeit eine weitere hinzu. Nur: Mit alledem bewegen wir uns in einem so abgehobenen Raum, dass Unmöglichkeit oder Vorhandensein von Konstanten für uns buchstäblich gleichgültig wurden. Denn in Leben, Erfahrung und Wissenschaft erwies sich alles als möglich. Ich muss nicht ausführen, dass unsere Lebenswelt widersprüchlich, zerrissen und undurchsichtig ist. Natürlich wirkt sich das auf alle unsere Deutungen aus.
Auch auf die Passionsdeutungen! Die unserer Epoche sind von Grund auf anders als die klassischen. "Alles ist möglich", und alles läuft nebeneinander her. Somit begegnet eine unabsehbare Fülle von Passionsdeutungen; etwas bissig gesagt: mindestens doppelt so viele, wie es Theologen gibt. Ich greife drei Deutungen heraus, die ich für besonders gewichtig, weiterführend und wegweisend halte, auch wenn sie kaum Beachtung gefunden haben: die von Eugen Rosenstock-Huessy, von Gerhard O. Forde und von Friedrich Mildenberger.
Eugen Rosenstock-Huessy (1888-1973), ein protestantischer Jude, war von Haus aus Jurist, doch er hat im Laufe seines Lebens in nahezu allen Fakultäten gelehrt oder zumindest gearbeitet; in der Theologie hat er zusammen mit (dem später exkommunizierten katholischen Kirchenhistoriker) Joseph Wittig ein fünfbändiges Quellenwerk zu den großen Theologen der Alten Kirche herausgegeben; im Übrigen war er lebenslang stets auf dem Stand der theologischen Diskussion. Seine Passionsdeutung hat er in seinen zahlreichen Schriften, vor allem in seiner zweibändigen Soziologie (Bd. 1, 2. Auflage, Stuttgart u.a. 1956; Bd. 2, Stuttgart u.a. 1958) vorgelegt. Sie ist völlig ungewöhnlich und ohne Parallelen.
Rosenstock-Huessy ist kein Dogmatiker; doch was die altkirchlichen Bekenntnisse aussagen, ist ihm gleichsam Lebenselement, in dem er sich mit zuweilen geradezu befremdlicher Freiheit bewegt. So ist ihm Jesus Christus in einer Selbstverständlichkeit und Radikalität sowohl wahrer Gott als auch wahrer Mensch, dass man zuweilen glaubt, die Inhalte gerieten ihm aus den Händen. Hat man sich eingelesen, so ist deutlich: Er geht aus von Christi Passion und Kreuz als dem Ereignis in der Geschichte und der Revolution überhaupt.
Einen ersten Eindruck des Gemeinten gewinnen wir durch den Abdruck zweier Bilder in seinem Buch über die europäischen Revolutionen (Die europäischen Revolutionen und der Charakter der Nationen, 3. Auflage, Stuttgart 1960): dem José Clemente Orozcos von dem sein Kreuz mit der Axt überwindenden Christus (Tafel 1) und einer franziskanischen Kreuzigungsdarstellung, in der die Tugenden Barmherzigkeit, Weisheit und Demut die Nägel einschlagen und die Braut, die Gemeinde, mit dem Speer die Seite öffnet (Tafel 9). Sein Kommentar: Beide Bilder "heben sich buchstäblich gegenseitig auf"; sie "sagen zusammen die wirkende Wahrheit" (568). Der überrumpelte Leser schluckt: Was heißt das? Das ist die Wahrheit der Passion und des Kreuzestodes von Jesus Christus, dass sie die Überwindung des Todes und aller Teufeleien und die Einsetzung der Christenheit und der sog. christlichen Tugenden wirken, und zwar so, dass das Geschehende jeweils unter seinem Gegenbild sich vollzieht. Hier geht also nichts plan auf in dem, was man sehen kann. Sondern im Obenaufliegenden drückt sich etwas Umfassendes aus, das sich der einlinigen Darstellung entzieht.
In seiner Soziologie hat er das präzisiert: Im Kreuz Jesu Christi hat "das Kreuz der Wirklichkeit" Grund und Modell. "Kreuz der Wirklichkeit" - ? Nun, indem wir sprechen, befinden wir uns unter dem doppelten Druck von Vergangenheit und Zukunft, aus denen die Gegenwart hervorgepresst wird, und von Innen und Außen, auf die wir uns angemessen beziehen müssen. Fehlt etwas von alledem oder gerät es aus dem Gleichgewicht, dann verzerrt sich die Wirklichkeit und wir zerbrechen. (Wir können's uns durchspielen an einem Menschen, der ganz in der Vergangenheit oder der ganz in seinem Inneren lebt, oder an einer Gesellschaft, die ganz auf die visionäre Zukunft setzt.) Es ist das Kreuz Jesu Christi, in dem sich das in alles umgreifenden Dimensionen zusammenfasst. Rosenstock-Huessy entfaltet es anhand von räumlichen Ordnungen, die zugleich verschiedene Zeiten markieren.
Da ist zunächst der Stamm. Er erscheint uns urtümlich, vorzivilisatorisch. Was macht ihn aus? Es ist die bindende, die nicht diskutierbare, von den Ahnen errichtete und von ihren Geistern überwachte Tradition: So war es, darum muss es so sein; so hielt man's, und also gilt's für alle Zeit. Man verbleibt auf den einmal gebahnten Pfaden.
Da ist sodann das Volk, das die Stämme vereint und in eine Geschichte hinausträgt, die es prägt, ihm den Charakter gibt und sein Bewusstsein bestimmt. Das Volk hat klare, feste Grenzen; wer ihm zugehört, gehört ihm ganz zu - modern geredet: So etwas wie doppelte Staatsbürgerschaft ist hier wesensmäßig ausgeschlossen.
Da ist des Weiteren das Reich, das Sozialgebilde, das die göttlichen, die alles Leben tragenden Gesetze und Ordnungen als ihm zugrunde liegend und in ihm realisiert beansprucht. Indem ich das referiere, muss ich - Kriegsgeneration - daran denken, wie oft ich das als Schulbube gehört habe: "Ein Volk! Ein Reich! Ein Führer!" Nun - die Matrix dieses Rufes steht im Neuen Testament: "Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater..." (Eph. 4,5f). Diese Reminiszenz mag das Wesen von Reichen illustrieren.
Und schließlich ist da die Kulturgemeinschaft, die, unabhängig von staatlicher Verfassung und Einheit, sich kraft der gemeinsamen Sprache, Kunst, Geschichte, Philosophie und Lebensart als exklusive Einheit empfindet.
Was das mit dem Kreuz Jesu Christi zu tun habe? Ich musste so weit ausholen. Denn das sind die Dimensionen, die Christus nach Rosenstock-Huessy umschließt oder vielmehr: aufschließt! In ihm nämlich sei "die Vollzahl der Zeiten" Realität, und zwar so, dass die vier genannten Raumordnungen mit den ihnen eigenen Zeiten durch ihn verschmolzen sind. Nunmehr stehen sie alle für alle offen und können und sollen darum auch grundsätzlich von allen angenommen werden, auch wenn man hier oder dort wurzelt und sein Zuhause hat. Doch nur in einem Raum und seiner Zeit zu leben, gar exklusiv - im Leben, Denken, Sprechen und nicht zuletzt auch in Politik und Wirtschaft -, das sei vorchristlich; damit bleibe man in der Gebundenheit an Räume gefangen, statt die Freiheit der neuen Zeit anzunehmen.
Das klingt abenteuerlich und abstrakt zugleich. Zur Illustration zwei kleine Beispiele! Deutschland seit der Reichsgründung unter Wilhelm I. bis 1945 oder auch das gegenwärtige Israel gegenüber seinem arabischen Umfeld sind mit ihrem Verhalten ersichtlich im Vorraum der "Vollzahl der Zeiten", sind vor der Erfüllung des "Kreuzes der Wirklichkeit" stehen geblieben; sie lebten und verhielten sich (bzw. tun's derzeit) gemäß dieser Sicht vorchristlich. Und: Die Angst vor der Ungleichheit der Gesellschaftsschichten, der Kulturen, der Völker, der Staatssysteme bzw. deren Kehrseite: die Neigung oder der zwanghafte Eifer, alle und alles nach dem zu bürsten, was einem selbst vertraut und selbstverständlich ist, - bloße vorchristliche Raumverhaftung, die die Freiheit der einen erfüllten Zeit noch nicht einmal schnuppert. Dabei geht es nicht um "Multikulti", sondern darum, die Fülle des Menschseins anzunehmen, die Gott uns erschlossen hat. Woraufhin? Aus Glauben, Glauben an Gott und sein Wirken, genauer: die Wahrheit, Gültigkeit und Kraft des Gekreuzigten.
Gerhard O. Forde (* 1927) lehrte in St. Paul, MN, Systematische Theologie. Ihm ist es darum zu tun, Luthers Erbe aufzunehmen und weiterzutragen, und das nicht, indem auch er einmal mehr dessen Aussagen beschreibt, sondern indem er versucht, das, worum es Luther ging, neu zu realisieren. Das aber ist zunächst dies, dass es in der Begegnung mit Gott nicht gemütlich zugeht, sondern unser Leben zur Frage steht; bezeichnend insoweit der Titel eines seiner Bücher: Justification by Faith - a Matter of Death and Life (1982). Ihm ist es gerade an dieser Stelle sehr ernst: Begegnung mit Gott schließt den Tod ein. Gott ist mitnichten der liebe Gott; wo wir mit ihm zu tun bekommen, erfolgen herbe, tödliche Einschnitte. Wieso?
Damit sind wir beim Thema: der Passion Jesu Christi. Warum eigentlich musste er leiden und sterben? Forde denkt ohne jede metaphysische Konstruktion von den schieren Geschehnissen von Kreuz und Auferstehung aus zurück. D.h. er vermag nur die Notwendigkeit des Faktischen vorzubringen: Es ist eben geschehen, und es musste so kommen, weil es offenbar unausweichlich war. Das klingt uns schal; doch Forde zielt weit.
Zum einen bleibt er streng bei der reinen Faktizität von Christi Leben, Passion und Auferstehung und stützt hier weder etwas durch hintergründige Metaphysik ab noch zieht er von hier aus allgemeine Schlüsse, die dann selbstverständlichen Anspruch auf Geltung erhöben. Zum anderen bewegt ihn die Frage: Was um alles in der Welt hat Menschen dazu gebracht und hat sie in Christenverfolgungen immer wieder dazu getrieben, Jesus Christus und die, die sich zu ihm bekennen, zu verfolgen, zu quälen und zu töten? Das ist nicht einfach Zufall noch bloße aufflackernde Stimmung.
Es hat in der Tat einen anderen Grund: Jesus Christus verkörpert in unserer Welt und Zeit Gott und bringt seinen Willen zur Geltung, und zwar Gott, wie er ist und sich gibt, nicht Gott, wie wir ihn wollen oder gerne hätten - und schon gar nicht den Gott, über den man zur Tagesordnung übergehen kann. Nein, mit ihm ist Gott präsent und - bürstet alles quer, mit Einschluss frommer Erwartungen und theologischer Grundsätze. Das stört. Wir haben uns ohne ihn oder mit unseren Wunschbildern von ihm eingerichtet und leben dabei gut - wieso lässt er uns nicht? Und wenn schon nicht: warum dann seine Kompromisslosigkeit? Das wird nicht hingenommen. Denn nähme man es hin, so würde man eingestehen: Unsere Welt mit all ihren Einrichtungen ist verkehrt, und wir selber müssten von Grund auf umdenken und umlernen. Das akzeptiert man nicht; da ist unsererseits kein Kompromiss möglich. Da gilt: er oder wir, unsere Zusammenhänge oder die von ihm repräsentierten. Da er nicht weicht, muss man ihn eben eliminieren.
Das also ist hier der Grund: Wir setzen uns selbst, unsere Vorstellungen und das von uns und unter uns Eingelebte gegen ihn durch und lassen nicht zu, dass er uns das zerstöre. In Fordes Worten:
Er musste hingerichtet werden, weil er unsere Ordnung verletzte, und zwar nach dem Maßstab unserer Gerechtigkeit. In diesem Sinne hatte er den schwersten Fluch zu tragen, den Fluch des Gesetzes. Es musste streng rechtlich und korrekt zugehen. Wir müssen uns darüber im Klaren sein: Er wurde nicht wegen unserer Übertretungen der Ordnung gekreuzigt. Er wurde [vielmehr] von der Ordnung selbst gekreuzigt, dass er damit eine neue Ordnung heraufführe. (Christian Dogmatics, hg. v. Carl E. Braaten und Robert W. Jenson, Bd. 2, Philadelphia 1984, 90f)
In Christi Passion also erweist sich nicht allein, dass wir in einer Welt und Ordnung leben, die mit Gott, jedenfalls dem, der er ist, nichts zu tun haben will, sondern ihn auch nicht erträgt und - das ist hier entscheidend - um jeden Preis und mit allen Mitteln zurückweist. Christi Passion und Kreuz verkörpern sozusagen, was das heißt. Die Fortsetzung für Forde liegt auf der Hand: Wir verbleiben in den bestehenden Zusammenhängen, wenn wir's nicht wagen, uns im Blick auf sie töten zu lassen, uns dem Gekreuzigten und Auferstandenen zu öffnen und ihm zu folgen - was immer das heißt, und es heißt auf jeden Fall einen radikalen Schnitt im eigenen Leben; und der tut weh.
Hier also ist dies die Passionsdeutung: Durch Christi Leiden und Kreuz erweist das Bestehende - mit Einschluss aller Weltanschauungen und metaphysischer Horizonte - sich darin als gerichtet, dass es Gott - faktisch oder bewusst - eliminiert. Das führt Frage und Anstoß an uns mit sich, aus dem Bestehenden aufzubrechen und uns Christus und seinem Willen zu überlassen.
Friedrich Mildenberger (* 1929) lehrte Systematische Theologie in Erlangen und legte in den Jahren 1991-1993 eine dreibändige Biblische Dogmatik vor, die mit den traditionellen Formen der Dogmatik radikal bricht und nach meinem Urteil ein epochales Werk ist. Zweierlei kennzeichnet diese Dogmatik, - negativ: Sie streift bewusst und konsequent alle Metaphysik ab samt allen aus ihr sich ergebenden, scheinbar zeitlosen allgemeinen theologischen Sätzen; - positiv: Sie übt ebenso eindringlich wie energisch ein, Gegenwart und Bibel mit Blick auf Gott wie auf uns selbst angemessen miteinander zu verbinden. Wieder und wieder begegnet man hier der doppelten Aufgabe: einmal, das, was bei uns ansteht, unter Anleitung der Schrift auf Gott zu beziehen, der - so Mildenbergers Ausdruck - zu uns hereinsteht, das aber, zweitens, so, dass wir - nein, nicht Bescheidwissen erwerben, sondern in einen Kommunikationszusammenhang mit Gott gelangen, jedenfalls, insoweit Gott seinerseits ihn uns eröffnet. Das aber ist nicht selbstverständlich - ich füge hinzu: so wenig selbstverständlich wie bereits dies, dass auch wir nicht 24 Stunden am Tag und völlig uneingeschränkt zu sprechen sind oder für die Unseren zur Verfügung stehen.
Was heißt das im Blick auf die Passion Jesu? Die Antwort kann nach dem Gesagten natürlich nicht sein: Sie ist oder enthält das und das. Das ergäbe abermals nur mehr ein Bescheidwissen und scheinbar gültige Sätze, die jedoch zur Realität in keiner Beziehung stünden und damit unerheblich wären. Also lautet hier der erste - unausgesprochene - Satz der Passionsdeutung: Nicht darauf warten, dass mir eine, gar die Deutung der Passion Jesu Christi vorgeführt werde, vielmehr sich hineinbegeben in die mit Christi Leiden und Tod aufgerufenen Zusammenhänge, um gerade in ihnen und durch sie selber, in meiner vollen Subjektivität, zu Gott und von ihm reden zu können. Darin werden mir mein Leben und meine Welt und Zeit deutlich, nämlich als - von ihm erfasst, von ihm bedacht, unter seinem Urteil stehend. Das hat Konsequenzen. Erst indem ich mich auf diese einlasse, deute ich die Passion tatsächlich; anderenfalls verarbeite ich sie nur mehr zu Feuilleton.
Ich verdeutliche. Mildenberger schreibt einmal, "was Gott eigentlich heißt: jenes dem ins welthafte Außen hinausstehenden Lebenswillen begegnende freundliche Entgegenkommen" (Bd. 2, 145), das gegebenenfalls unendliche Schätze zu unseren Gunsten aufbringt (152). Freilich belehren Schrift wie korrespondierende Erfahrung: Fraglich ist uns Gott stets - im Guten wie im Schlechten, als Helfer wie als Verderber (vgl. 153). Und hier, gerade hier, angesichts dieser Fraglichkeit, kann und darf nicht ausgewichen werden in fromme Richtigkeiten. Sondern hier gilt es, in die Kommunikation mit gerade diesem fraglichen Gott zu gelangen. Wenn ich das referierend so trocken sage, mag man einwenden: "...können vor Lachen!" Nun, bei Mildenberger selbst geht es denn doch nicht so knapp zu; aber ich muss hier raffen.
Mildenberger stellt, durch Paulus auf die Spur gesetzt, die Frage nach dem, was Christus eigentlich durch seine Hingabe in den Kreuzestod bewirkt habe, und antwortet: "Das Miteinander, ein heilsames Miteinander des heiligen Gottes und der sündigen Menschen zu ermöglichen" (177). Diese wenigen Wörter enthalten viel und mögen ebendarum ein wenig rasch und allgemein klingen; ich kann nur empfehlen, auf ihnen zu kauen.
Implizit ist auch die zweite Aussage; sie fiel bereits, muss nur noch vollzogen werden: Gott begegnet mit so freundlichem Entgegenkommen, dass er sich selbst für uns gibt. Das aber, so der weitere Zusammenhang, weder aus der freundlichen Laune eines himmlischen Tyrannen heraus noch in Erfüllung abstrakter Prinzipien. Sondern faktisch und darin für uns ebenso glaubhaft wie zuverlässig, weil er gemäß dem Zeugnis der Bibel von Anfang an und durch die Geschichte hindurch in vielen Etappen sich so erwiesen hat - dabei immer wieder anders, neu, auch befremdlich, aber durchgängig.
Durchgängig auch die Linie, dass er es ist, der uns Menschen definiert, und zwar souverän und gültig. Unsere Eigendefinition und zumal als Gott wohlgefällig ist Selbsttäuschung; "vielmehr ist diese Definition im Christusgeschehen begründete Tat Gottes" (181). Das heißt mit anderen Worten: Im Gekreuzigten und Auferstandenen erkennen wir Gott so, dass wir uns ihm vertrauensvoll ganz und gar anheim geben können und darin ihn erfahren als den, der uns freundlich entgegenkommt.
"Erfahren"? Nun, nicht einfach individuell und im Blick aufs eigene Wohlergehen oder Heil; das griffe zu kurz (vgl. 184). Erfahren vielmehr im Sinne der Wahrnehmung, dass und wie - auch in Hartem, nicht Einsehbarem, Bedrückendem - unsere Welt geprägt ist von Gottes gegenwärtiger Lebensmacht (vgl. 180), bis dahin, so ziehe ich aus, dass der am Kreuz Liquidierte nicht im Tode blieb. Hieraufhin werden wir auch unserer selbst gewiss.
Ich breche ab. Ein weiteres Mal eine Deutung, die uns gerade nicht beim "Haupt voll Blut und Wunden" als solchen festhält, sondern in dem und durch den, der hier am Kreuz hängt, den Gott erfasst, den der Gekreuzigte in unsere Welt hereintrug und dessen Willen er vollzog. Auch hier nicht die Beschränkung auf das, was uns durch die Jahrhunderte hindurch bildende Kunst und Dichtung vor Augen stellen und gleichsam ins Bewusstsein rieben, sondern - ... Ich setze anders an: Den Leidenden, Blutenden, Schreienden, Sterbenden und am Ende dann Gestorbenen haben damals alle gesehen, die dabei waren; ihn kann man malen, beschreiben, auch verfilmen - und natürlich (nicht zu vergessen) so oder anders auffassen und deuten. Daraufhin kann man irgendwann daherkommen - und man ist immer wieder dahergekommen - und sagen: Schrecklich, gewiss; aber im Laufe der Geschichte hat es dergleichen millionenfach gegeben. Damit ist dann aus dem Kreuz nur mehr ein Kreuz geworden - bedauerlich zwar, doch so geht's halt zu.
Darin sind sämtliche von mir referierten Deutungen gleich: dass sie gerade nicht vor dem Kreuz, dem Gekreuzigten, dem Leidenden als solchen stehen bleiben. Sie betrachten ihn nicht als solchen, isoliert gegen alle Bezüge; sie verharren nicht in Anschauung und korrespondierender Deutung. Sondern sie kommen zum Erfassen der Passion Christi gerade dadurch, dass sie sie in ihrem genuinen Zusammenhang wahrnehmen: dem Zusammenhang, den die Schrift bezeugt, wahrnehmen heraus aus dem Zusammenhang unseres Lebens und unserer Geschichte und wahrnehmen zumal im Zusammenhang der unlösbar zu ihr gehörenden Auferstehung des Gekreuzigten.
Was aber hebt die Deutungen angesichts der Sprunghaftigkeit unserer Postmoderne über bloßes Aufflackern und Aufblitzen der jeweiligen Situation oder des jeweiligen Augenblicks hinaus? Ich antworte auf einem Umweg. Als ich einmal von einem physikalischen Gesetz (dem Pauli-Prinzip) las, wurde mir nicht recht deutlich: Gilt es für jeweils ein Atom, für ein Molekül oder für das ganze All? Ein von mir befragter Physiker lachte und sagte, das könne ich alles sagen; alles sei angemessen. Denn - und das ist hier das Entscheidende: "Wann immer wir messen, verhält es sich so." Verstehen wir? Wer Gott in und an sich ist, wir wissen es nicht, und den göttlichen Zusammenhang von Leben und Sterben Jesu Christi kennen wir nur bruchstückhaft. Das entwertet unsere Aussagen, unsere Theologie und die Erfahrungen des Glaubens nicht einfach zu zufälligen Beobachtungen. Denn: Wann immer wir mit Gott zu tun haben, erweist sich, was in Passion und Kreuz Jesu Christi und seiner Auferstehung verbürgt ist - in der Fülle der Auslegungen und sie alle überbietend.
[1] Überarbeitete Fassung eines Vortrags am 6. April 2004 in der Akademie Sankelmark (bei Flensburg) im Zusammenhang der Tagung »Passionen«.
Prof. Dr. Klaus Schwarzwäller, Göttingen
E-Mail: hweissenfeldt@foni.net