Die Publikation theologischer Basis-, Studien- und Fachliteratur ist ungebrochen, der Umfang einzelner Werke umfasst teils viele hundert Seiten. Literaturüberblicke und -empfehlungen müssen daher ständig neu überarbeitet werden. Auch dieser Überblick stellt selbstverständlich nur einen Ausschnitt zu aktuellen Forschungstendenzen, zudem in unvermeidbar subjektiver Auswahl dar.
Zuvorderst ist dabei auch das Thema Internationalisierung anzusprechen. Die Zeiten, in denen die deutschsprachige Wissenschaft zum Neuen Testament als weltweit führend gelten durfte, sind vorbei. Analog zur bereits wesentlich weiter fortgeschrittenen Internationalisierung in den Naturwissenschaften werden auch in der neutestamentlichen Forschung mittlerweile wesentlich häufiger englischsprachige Originalwerke in deutschsprachigen Publikationen rezipiert als umgekehrt. Deutschsprachige Monographien, die die englischsprachige Forschung nicht berücksichtigen, haben es in der Anerkennung der scientific community schwer. Forschung in französischer, italienischer, spanischer Sprache etc. - dringt insgesamt nur selten in die internationale scientific community, weswegen mittlerweile auch in der Theologie Schritte in Richtung einer gewissen Anglisierung des Publikationswesens zu beobachten sind.
Ein Kurzüberblick über aktuelle Entwicklungen der neutestamentlichen Wissenschaft, die für ein deutschsprachiges Publikum konzipiert ist, steht daher vor der Herausforderung, trotz überwiegend (nicht ausschließlich) deutschsprachiger Literaturempfehlungen auch die englischsprachige Forschung im Blick zu behalten. Gleichzeitig ist freilich zu beobachten, dass englischsprachige Literatur, so unvermeidbar sie für den Wissenschaftsbetrieb ganz ohne Zweifel ist, für eine Orientierung im Fach doch häufiger eine Hürde als eine Hilfe darstellt. Dass die folgenden Literaturempfehlungen hilfreich sein mögen, jeder/jede Literatursuchende aber darüber hinaus noch eigene Schätze in digitalen Suchmaschinen und Bibliotheken finden möge, ist die Hoffnung des Autors.
Für gebündelte Orientierung, vielleicht auch Erstorientierung über die einzelnen neutestamentlichen Bücher bleibt die Buchgattung der Einleitung in das Neue Testament maßgeblich. Sie stammt ursprünglich aus dem pietistischen Spektrum des 18. Jahrhunderts. Ihr Zweck war, den Lesern/Leserinnen durch historische, sprachliche und kontextuelle Hintergrundinformationen ein besseres Verständnis der biblischen Bücher zu ermöglichen. Schnell hatte sich diese Gattung samt der mittlerweile klassischen sog. Einleitungsfragen (Wer schreibt wann, wo, wem, warum?) auch im wissenschaftlichen Lehrbetrieb etabliert und gilt heute als Standard, Lernenden der exegetischen Fächer Grundlageninformationen zu den biblischen Büchern zu vermitteln. Es handelt sich bei den Einleitungen in das Neue Testament um eine ausgesprochene Lern- und Basisliteraturgattung. Sie dienen gewissermaßen als Skelett zu den einzelnen Büchern, das dann aber durch eigene Bibellektüre oder inhaltlich-theologische vertiefende Aufsätze u.a. angereichert werden muss.
Gegenwärtig konkurrieren vier einigermaßen gleich lange und gleich intensiv gearbeitete Einleitungswerke den Studienbetrieb, die alle denselben Titel tragen: Einleitung in das Neue Testament.
U. Schnelle hat insgesamt eine Reihe von probaten und hilfreichen Studienwerken vorgelegt. Seine Einleitung in das Neue Testament erschien zuerst 1994 und existiert mittlerweile in der 9. Auflage (2017, UTB 1830, Göttingen). Auch wenn der Autor von Auflage zu Auflage nicht immer den Forschungsstand und die Literatur aktualisiert, besticht dieses Werk nach wie vor durch ausführliche Detailangaben und ausgewogene, vorsichtige und nachvollziehbare Urteile.
Etwas eigener ist demgegenüber die Einleitung von P. Pokorný/Th. Heckel (2007, UTB 2798, Tübingen); sie stand gegenüber derjenigen von Schnelle immer etwas in zweiter Reihe.
Auch die beiden großen katholischen Geschwisterwerke erfreuen sich zu Recht großer Beliebtheit und werden immer wieder in recht rascher Abfolge neu aufgelegt: Die Einleitung in das Neue Testament von I. Broer (ab der dritten Auflage gemeinsam mit H.-U. Weidemann) erschien ursprünglich als zweibändiges Ergänzungswerk zur Neuen Echter Bibel (Würzburg 1998.2001), momentan liegt einbändig die vierte, erneut überarbeitete Auflage vor (2016). Über Forschungsdiskussionen informiert dieses Werk weniger als Schnelle und Pokorný/Heckel, und wo dies erfolgt, erfolgt es im Haupttext (der Band hat keine Fußnoten). Der Band zeichnet sich v.a. durch zwei Meriten aus: zum einen durch regelmäßige, knappe, grau hinterlegte Zusammenfassungen und zum anderen durch häufigere Zitationen außerchristlicher antiker Literatur (etwa von Eusebius, Irenäus, Cicero etc.), die ebenfalls im Druckbild kursiv kenntlich gemacht sind. Ein kleines unschönes Detail dieses Buches, das aber nichts mit dem Inhalt zu tun hat, liegt darin, dass das Papier derart dünn ist, dass die schwarze Schrift durch die Seiten hindurchscheint und die Lesbarkeit etwas beeinträchtigt.
Die vierte Einleitung in das Neue Testament schließlich ist von M. Ebner/St. Schreiber herausgegeben. Sie ist der einzige Sammelband der in diesem Abschnitt besprochenen Werkgattung. Spezialisten und Spezialistinnen haben Beiträge zu jeweils einem neutestamentlichen Buch (ggf. auch mehreren) beigetragen. Diese Einleitung erschien zuerst 2008 und existiert gegenwärtig in dritter Auflage (Stuttgart 2020). Forschungsdiskussionen sind hier i.d.R. intensiver aufgenommen als bei Broer/Weidemann, liegen aber ebenfalls im Haupttext.
Inhaltlich überschneiden sich alle diese Einleitungswerke deutlich, Extrem- oder Sonderpositionen werden durchgängig vermieden. Es ist schwierig, sich zwischen diesen Werken zu entscheiden, sie sind alle mit Gewinn zu verwenden. Auch wenn man sie i.d.R. "nur" zu Lern-, Studien- oder Informationszwecken nutzt, arbeitet man meiner Einschätzung nach am besten mit mindestens zwei dieser Einleitungen parallel, um sich einen besseren Stereoeindruck zu schaffen.
Während die bislang besprochenen Einleitungswerke alle relativ umfangreich sind, liegen kürzere, niedrigschwelligere Einleitungen mit folgenden Titeln vor:
Beide Werke sind deutlich weniger umfassend als unter 1.2 genannten und sind ursprünglich für Quereinsteiger für den Pfarrberuf bzw. Prädikanten u.ä. konzipiert.
Gegenüber noch kürzeren Einleitungen [1] wären aus Sicht des Autors eher Bedenken anzumelden: Sie mögen aufgrund ihres knappen Umfangs reizvoll sein (auch zur Anschaffung), informieren aber an vielen Stellen so reduziert, dass der Leser/die Leserin die Argumentationen kaum noch selbstständig nachvollziehen kann.
Theologien des Neuen Testaments haben nach meinem Eindruck in der gegenwärtigen akademischen Exegese einen eher schweren Stand. Sie unterliegen leicht dem Vorwurf theologischer Vorvereinnahmung und mangelnder Differenzierung zwischen den einzelnen neutestamentlichen Büchern. Sie sind aber eine große Informations- und vielleicht auch Inspirationsquelle, wenn weniger historische Hintergrundinformationen, sondern theologische Schwerpunkte und Interessen der neutestamentlichen Bücher gesucht sind.
Seit F. Hahns großer zweibändiger Theologie (Tübingen 12002; 32011) sehe ich wenig neue Ansätze in Richtung einer "neutestamentlichen Theologie". Hahns Werk verdient hingegen m.E. nach wie vor hohe Beachtung. Sein Spezifikum liegt darin, in seinem ersten Band Die Vielfalt des Neuen Testaments darzustellen und damit auch eine Geschichte der urchristlichen Literatur abzubilden, und im zweiten Band zu einer Einheit des Neuen Testaments, also einer thematisch-synchronen Darstellung zusammenzuführen. Beide Bände bestechen durch ihren äußerst klaren und übersichtlichen Aufbau (Paragrapheneinteilung), sind aber trotz des Untertitels des ersten Bandes eher theologisch als theologiegeschichtlich interessiert.
U. Schnelles Theologie des Neuen Testaments (UTB 2917, Göttingen 12013, mittlerweile 32016) wiederholt in vielen Teilen - teils wörtlich - Abschnitte aus seiner Einleitung sowie seiner großen Paulus-Monographie (s.u. unter Abschnitt 8). Dennoch ist sie ein ungemein material- und hilfreiches Lehrbuch. Nach einführenden allgemeinen Kapiteln zum Charakter einer Theologie des Neuen Testaments beginnt Schnelle mit einem Kapitel zu Jesus von Nazareth und ordnet die Entstehung der frühchristlichen Theologie sodann vier chronologischen "Transformationen" zu: 1.) der Entstehung der Christologie durch Erscheinungen des Auferstandenen und Geisterfahrungen, 2.) dem Problemkreis um die beschneidungsfreie Mission, 3.) dem Tod der Gründergestalten und der Verzögerung der Parusie sowie 4.) der Stabilisierung des frühen Christentums v.a. im Mittelmeerraum sowie der Entstehung neuer Fragen wie dem Umgang mit sozialen Vielschichtigkeiten und der Selbstvergewisserung/Ethik im Inneren sowie dem Verhältnis zum römischen Staat. Alle diese vier Transformationen schlagen sich für Schnelle auf spezifische Weise nieder: 1.) durch die christologische Lektüre der jüdischen Schrift sowie die ersten christologischen Formeln und Traditionen, 2.) durch die Probleme und Debatten hinter den paulinischen Schriften, 3.) durch die Abfassung von Jesus- und Jüngernarrativen, also die Evangelien sowie die Apostelgeschichte und 4.) durch das Phänomen der Pseudepigraphie, also die Deuteropaulinen, katholische Briefen und johanneische Schriften.
Der ziemlich konsequent schematische Aufbau der einzelnen Kapitel erleichtert das Zurechtfinden und thematisches "Querlernen", z.B. was das Charakteristische der Anthropologie, der Pneumatologie, der Ethik etc. von Paulus, der Logienquelle, des Markus, Matthäus etc. ist.
Deutlich weniger materialreich als Schnelle, dafür stärker narrativ ist L. Bormanns Theologie des Neuen Testaments (UTB 4838, Göttingen 2017). D. Dormeyers noch knappere Einführung in die Theologie des Neuen Testaments (Darmstadt 2010) will nur eine Einführung sein, dennoch ist schade, dass sich dieser Band nur Paulus, Q, den Synoptikern (einschl. Apg) und Joh widmet, während alle anderen neutestamentlichen Bücher ganz ausgeklammert bleiben.
Eine andere Perspektive auf denselben Untersuchungsgegenstand wie die Theologie des Neuen Testaments, nämlich die ersten ca. 100 Jahre des sich entwickelnden Christentums, aber gewissermaßen von spiegelbildlich umgekehrter Seite, ist die religionsgeschichtliche. Sie strebt eine konsequent historische Betrachtung der Texte und versucht damit, den Vorwurf der theologischen Vereinnahmung durch Theologien des Neuen Testaments zu vermeiden.
Im deutschsprachigen Bereich auf dem Gebiet der Geschichte des Urchristentums führend ist gegenwärtig das gleichnamige Werk D.-A. Kochs (Göttingen 22014). In diesem Werk wird man präzise und umfassend zu allen Teilthemen des Sujet informiert. Auch zu etlichen Teilgebieten der antiken Sozial- und Religionsgeschichte, ökonomischen Gegebenheiten und Archäologie informiert dieser Band in etlichen Exkursen. Karten und Abbildungen vervollständigen diesen umfassenden Band.
U. Schnelle, der ja schon seine Theologie des Neuen Testaments nicht ohne Berücksichtigung der historischen Entwicklung konzipiert hat, hat die historische Perspektive noch deutlicher in Die ersten 100 Jahre des Christentums 30-130 n. Chr. Die Entstehungsgeschichte einer Weltreligion (Göttingen 32019) herausgearbeitet. Deutlich kürzer ist M. Öhlers Geschichte des frühen Christentums (Göttingen 2018). Besonders konsequent, ja teils schon polemisch verfolgt den Weg der "Theologievermeidung" H. Räisänen, The Rise of Christian Beliefs. The Thought World of Early Christians (Philadelphia 2009).
Aus dem englischsprachigen Bereich auffällig ist die große dreibändige Reihe Christianity in the Making von J. D. G. Dunn (Grand Rapids/London 2003.2009.2015). Jeder dieser Bände umfasst jeweils ca. 1000 Seiten. Der erste (Jesus Remembered), thematisiert die Jesusgeschichte (s.u. unter Abschnitt 5), der zweite (Beginning from Jerusalem) bespricht die früheste Phase des Ausbreitens einer jesusgläubigen Botschaft und endet mit dem Tod der ersten Führungsgeneration Paulus, Petrus und Jakobus, der dritte Band (Neither Jew nor Greek) behandelt die Entstehung der ersten Evangeliensammlungen, dem Erstarken der Gnosis, dem Prozess des "Parting of the Ways" von "Christen" und Juden und der Entstehung neuer Identifikationsrollen eines "Christentums". Dieses Werk war das große Alterswerk des auch ansonsten publikationsintensiven J. D. G Dunn und ist im Grunde alles in einem: eine Abhandlung zum "historischen Jesus" (auf seine Weise, s.u. unter Abschnitt 5), eine Religions- und Literaturgeschichte der frühen Bewegung der Jesusgläubigen, und zu alledem auch eine Einleitung in die neutestamentlichen Schriften, die jeweils in ihre Epoche eingegliedert werden. Zu alledem ist dieses Werk elegant, teils humorvoll geschrieben, vermeidet Extrempositionen - ist aber eben ein sehr langes Lese-, weniger ein Lernbuch.
Eine Geschichte des Urchristentums kann sich nie ausschließlich mit den kanonisch gewordenen biblischen Texten beschäftigen. Es geht vielmehr darum, diese Texte, die dort vorgefundenen Inhalte und Motive sowie die vielfältigen Prozesse, die zu ihrer Kanonisierung geführt haben, vor dem Hintergrund und gemeinsam mit den unterschiedlichen Teilgebieten der außerkanonischen Geschichte in griechisch-römischer Zeit - Politik, Justiz, Wirtschaft, Kultur, Literatur, Philosophien, Religionen, Kulte, Sozialleben etc. - zu verstehen. Eine Kenntnis der vielschichtigen Lebensumstände dieser Zeit ist daher für ein besseres Verständnis des Neuen Testaments unabdingbar. Nicht selten ergeben sich dadurch überraschende Korrekturen im Verständnis vermeintlich "eindeutiger" Bibeltexte. Gleichzeitig ist die Beschäftigung mit der für das Neue Testament relevanten Geschichte in griechisch-römischer Zeit ungeheuer vielseitig.
Insbesondere für einen niedrigschwelligen Studiengebrauch hilfreich ist die fünfbändige Sammlung Neues Testament und antike Kultur (NTAK), herausgegeben von K. Erlemann u.a. (Neukirchen-Vluyn 2004-2011). Es sind in diesen überaus hilfreichen Bänden viele, zum größten Teil kurze Artikel zu zahlreichen Themen der Umwelt des Neuen Testaments gesammelt (in die sich gelegentlich sachliche Fehler und auch Widersprüche zwischen einzelnen Artikeln geschlichen haben): zu unterschiedlichen Aspekten der griechischen, römischen und jüdischen Kultur, Literatur, Recht, Familien- und Sozialwesen, Bildung, Philosophie und Weltanschauung usw. Der 4. Band ist ein reiner Karten- und Registerband, der 5. Band bietet eine repräsentative Auswahl an antiken Quelltexten. Zur Anschaffung ist diese Sammlung en bloc vergleichsweise kostengünstig, daher auch von diesem Aspekt her zu empfehlen.
Weniger umfassend, ebenfalls informativ zur Erstinformation, aber beschränkt auf a) die Zeitgeschichte von Alexander d. Gr. bis zum Bar-Kochba-Aufstand sowie b) philosophische und c) religiöse Strömungen ist B. Kollmann, Einführung in die neutestamentliche Zeitgeschichte (Darmstadt 32014).
Unumgänglich für die Arbeit zur urchristlichen Religionsgeschichte und damit auch zur Kontextualisierung der neutestamentlichen Texte ist die antike Quellenkunde, die die Verhältnisbestimmung der Autoren des Neuen Testaments zu ihrem kulturellen, sozialen, geistigen und religiösen Umfeld erst ermöglicht.
Mittlerweile sind viele antike Quellen in Originalsprache und/oder deutscher/englischer Übersetzung digitalisiert, häufig jedoch trotzdem nur mühsam zu finden bzw. konkreten neutestamentlichen Stellen zuzuordnen. Das bislang sechsbändige Mammutwerk Neuer Wettstein. Texte zum Neuen Testament aus Griechentum und Hellenismus, hg. v. G. Strecker/U. Schnelle (Berlin/New York 1996-2019), ist eine Sammlung von Paralleltexten aus der griechisch- und lateinischsprachigen Umwelt des Neuen Testaments, geordnet nach biblischen Büchern, Kapiteln und Versen. Die Vergleichstexte werden meist in ihrem Kontext eingefügt auf deutsch zitiert, die zentralen Parallelen sind jeweils im griechischen bzw. lateinischen Originaltext beigefügt. Dieses Werk ist ein ausgesprochenes Bibliothekswerk, Privatpersonen werden es sich aufgrund des hohen Ladenpreises kaum anschaffen. Die Bände zu Lk und Apg stehen noch aus.
Wesentlich kleiner, dafür aber auch für den schmalen Geldbeutel erschwinglich ist die Sammlung Texte zur Umwelt des Neuen Testament, hg. v. J. Schröter, J./J. Zangenberg (UTB 3663, Tübingen 2013). Dies ist das Nachfolgewerk von C. K. Barrett/C. J. Thornton (Hgg.), Texte zur Umwelt des Neuen Testaments (zuletzt 1991). In diesem Band sind ebenfalls etliche Quellen in deutscher Übersetzung und enger Auswahl gesammelt, anders als im Neuen Wettstein allerdings nicht kanonisch, sondern thematisch rubriziert. Insbesondere zum Studien-, weniger zum Forschungsgebrauch sei dieses Buch nachdrücklich empfohlen.
Es sollen an dieser Stelle auch noch die einschlägigen antikenkundlichen Lexika genannt werden. Es sind dies:
Der Bibelkommentar ist eine Literaturgattung, die ähnlich wie ein Lexikon stark auf partielles Lesen oder Nachschlagen zum aktuellen Forschungsstand einer bestimmten Bibelstelle oder Perikope ausgerichtet ist. Alleine im deutschsprachigen Bereich sind gegenwärtig mindestens zwei Dutzend Kommentarreihen zu neutestamentlichen Büchern auf dem Markt. Sie alle weisen hinsichtlich inhaltlicher Schwerpunkte, Umfang, intendierter Leserschaft und fachlicher Expertise ihr eigenes, mehr oder weniger klares Profil auf, das allerdings in den Einzelbänden nicht immer gleich deutlich umgesetzt wird. Die ältesten dieser Reihen stammen noch aus dem 19. Jh. (der KEK [2]), in den großen Reihen werden die Einzelkommentare in unregelmäßigen Abständen durch völlige Neuabfassungen erneuert, was auch bei den alten Reihen beständige, rollierende Aktualisierungsprozesse ermöglicht. Es bedeutet aber auch, dass in keiner Reihe alle Bände gleichzeitig auch nur halbwegs dem aktuellen Forschungsstand entsprechen. In manchen stockt die Publikation gar beträchtlich. Man wird also kaum gut darin beraten sein, die Bände einer bestimmten Kommentarreihe grundsätzlich einer anderen vorzuziehen; spezifische Auswahl tut not.
Eine kuriose Beobachtung liegt ebenfalls darin, dass es neutestamentliche Bücher gibt, zu denen zu einem bestimmten Zeitpunkt kaum aktuelle Kommentare zu finden sind (im deutschsprachigen Bereich sind dies gegenwärtig etwa Mk und Past), wohingegen zu anderen biblischen Büchern Kommentare in etlichen Reihen fast gleichzeitig auf den Markt kommen, was gelegentlich zu Redundanzen führen kann.
Die wichtigsten deutschsprachigen Reihen sind folgende:
Im englischsprachigen Bereich liegt ein noch viel breiteres Spektrum an Kommentaren vor. Ich möchte mich hier auf die drei wichtigsten konzentrieren:
Die Jesusforschung hat sich in den letzten wenigen Jahrzehnten kontinuierlich ausdifferenziert, und zwar nicht nur inhaltlich mit Bezug auf vertretene Positionen, sondern auch methodisch. Im deutschsprachigen Bereich das umfassendste Sammelwerk zu Jesus liegt gegenwärtig mit dem Jesus Handbuch, hg. v. J. Schröter/Chr. Jacobi vor (Tübingen 2017). In diesem Handbuch finden sich gleich einem Lexikon praktisch sämtliche Themen der Jesusforschung in knappen, teils sehr dichten Forschungsartikeln gesammelt.
Drei methodische Hauptzweige der Jesusforschung scheinen mir gegenwärtig unterscheidbar. [3]
Viele Untersuchungen versuchen nach wie vor, dem Handeln und Wirken Jesu aus ereignisgeschichtlichem Interesse noch näher zu kommen, um es so besser zu verstehen. Die Einsichten der sogenannten Third Quest for the Historical Jesus seit den 1970er Jahren sind dabei praktisch durchgehend so selbstverständlich aufgenommen, dass diese kaum noch eigens thematisiert oder gar problematisiert werden. Es gilt als selbstverständlich, dass Jesus nur im Kontext des palästinischen Judentums der Zeit des Zweiten Tempels zu verstehen ist (s.o. unter Abschnitt 3). Das "doppelte Differenzkriterium" E. Käsemanns - als Aspekte des Wirkens des "historischen Jesus" sei mit der größten Wahrscheinlichkeit das anzusehen, was weder aus dem zeitgenössischen Judentum noch aus der frühen Kirche ableitbar sei [4] - ist aufgegeben, da dieses Kriterium fast notwendig zu einem unhistorischen und unangemessen "unjüdischen" Jesus geführt hat. Ersetzt wurde dieses Kriterium maßgeblich durch G. Theißen/A. Merz und D. Winter durch das "doppelte Plausibilitätskriterium": als historisch solle nun v.a. angesehen werden, was "sich als Auswirkungen Jesu begreifen läßt und gleichzeitig nur einem jüdischen Kontext entstanden sein kann". [5] Die Einsichten der Archäologie [6] und außerkanonischer schriftlicher Quellen sowie teils ein höheres Zutrauen in die historische Zuverlässigkeit ausgewählter Details im Johannesevangelium sind in der Exegese angekommen, Erkenntnisse zur Sozial- und Realgeschichte der Zeit haben in der Tat zu neuen, heute unverzichtbaren Einsichten verholfen.
Will man sich einen Überblick über den aktuellen Stand zum "historischen Jesus" verschaffen, gilt es zunächst, sich zwischen umfangreichen und weniger umfangreichen Arbeiten zu entscheiden.
Probates Lehrwerk ist nach wie vor G. Theißen/A. Merz, Der historische Jesus (Göttingen 11996, zuletzt 42011). Das Buch ist nicht neu, besticht aber nach wie vor durch die Ausgewogenheit der Urteile und die Unaufdringlichkeit der Positionen des Autors und der Autorin, durch die klare Anlage, insbesondere aber auch durch seine interaktive Konzeption: Jedes Kapitel endet mit Arbeitsaufgaben zum betreffenden Stoff; am Ende des Buches schlagen der Autors und die Autorin Lösungen vor.
Geradezu ein Koloss an Schriftwerk ist die bislang fünfbändige Reihe A Marginal Jew des emeritierten Professors der University of Notre Dame, Indiana, John P. Meier (New Haven, 1991-2016). In diesen Büchern fingiert Meier ein "unpäpstliches Konklave" aus einem Katholiken, einem Protestanten, einem Juden und einem Agnostiker und überlegt, zu welchen Ergebnissen zum "historischen Jesus" diese Gruppe nach rein strenger Anwendung historisch-kritischer Kriterien kommen würde (Meier selbst ist Katholik). Das Ergebnis ist eine ungeheuer belesene und informative und bei allem auch eminent lesbare (Meier ist ein brillanter Rhetoriker!), aber eben auch monumental lange Diskussion zu praktisch allen Perikopen zu Jesus: der längste Band (Band II zu "Mentor, Message und Miracles") umfasst mehr als 1000 Druckseiten. Zu Passion und Geburtserzählungen ist Meier auch in fünf langen Bänden allerdings immer noch nicht gekommen (und der entsprechende Band ist gegenwärtig auch noch nicht vom Verlag angekündigt [Stand April 2022]).
Auf eigene Weise empfehlenswert und lehrreich, aber von unübersehbarer Einseitigkeit ist W. Stegemanns Jesus und seine Zeit (Stuttgart 2010). Neben allgemeinen, teils höchst kritischen Einführungen zur Positionierung der deutschsprachigen Jesusforschung gegenüber der nordamerikanischen legt Stegemann seinen Darstellungsschwerpunkt auf Jesu Toraauslegung, Ankündigung der nahen Gottesherrschaft und sein Ende in Jerusalem. Berücksichtigung von Jesu Wunderwirken, Gleichnissen, der Nachfolgegemeinschaft, Konflikten mit Pharisäern und Sadduzäern u.a.m. treten demgegenüber deutlich zurück. Entsprechend seinem grundsätzlichen Interesse an der sozialgeschichtlichen Dimension der Jesusbewegung konstruiert Stegemann Jesus als Verkünder einer "heterotropen Gesellschaftsentwurfs" und das Evangelium als "frohe Botschaft für die Subalternen".
Gewiss aufgrund der Berühmtheit seines Autors hohe Wellen geschlagen hat zwischen 2007 und 2012 das dreibändige Werk Jesus von Nazareth des mittlerweile emeritierten Papstes Benedikt XVI./J. Ratzinger (Freiburg u.a.). Ratzinger hatte schon während seines Studiums in den 1940er und 1950er Jahren auf der einen Seite ein ernsthaftes Interesse an Exegese und Bibelhermeneutik als auch auf der anderen Seite ein deutliches Bewusstsein für die s.M.n. ungeklärte Zuordnung von historischer und systematischer Theologie entwickelt. Sein Alterswerk zu Jesus versteht er daher selbst als seinen eigenen Versuch zur Heilung dieses "Hiatus". Die fachexegetische Reaktion war damals jedoch ganz überwiegend kritisch bis vernichtend. Die Hauptkritiken richteten sich insbesondere: a) gegen mangelnde Berücksichtigung der Vielfalt einzelner Jesustraditionen zugunsten eines übergreifenden theologischen Gesamtkonzeptes (s. auch der in Abschnitt 2. referierte Vorwurf gegen "Theologien des Neuen Testaments"), b) gegen einen Eklektizismus der berücksichtigten biblischen Traditionen (häufig Johannes gegen die Synoptiker, insbes. gegen Markus) und c) ganz grundsätzlich gegen Ratzingers Nichtberücksichtigung der prinzipiellen relativen Offenheit historischer Aussagen. In der Fachexegese hat Ratzingers Werk daher im Grunde nie Berücksichtigung gefunden, es ist jedoch ein treffliches Beispiel - und nur eines von mehreren - für eine Gegenbewegung zum methodischen Agnostizismus der Jesusstudien der Third Quest. [7]
Während die bislang genannten Werke allesamt eher umfangreich sind, möchte ich als kürzere Monographien, die gerade zur Erstinformation zum aktuellen Stand der historischen Jesusforschung nützlich sind, folgende Titel nennen:
Doch nicht jeder/jede lässt sich von dem methodisch gelenkten Suchen nach dem "historischen Jesus" überzeugen. Eine Fundamentalkritik gegen den gesamten Ansatz haben Chr. Keith und A. LeDonne gesammelt (Jesus, Criteria, and the Demise of Authenticity, London/New York 2012): Alle Kriterien, den "historischen Jesus" zu exhumieren, seien unbefriedigend, zirkulär und lieferten zudem nur instabile, chaotische Ergebnisse. Auch R. Zimmermann und K. Wengst haben mehrfach ereignisgeschichtliches Fragen nach Jesus ganz grundsätzlich in Frage gestellt. [8]
Aus der Einsicht, dass Geschichtsschreibung immer eine denkerische Erinnerungs- und Konstruktionsleistung aus einem gewissen, sich ständig vergrößerndem Abstand heraus ist, hat sich daher der "mnemonische" Zweig der Jesusforschung entwickelt (oder "Jesus-Memory-Approach"). Hier will man nicht mehr "hinter die Quellen" zu einem "historischen Jesus" zurückschreiten, sondern will die Texte als Erinnerungsleistung einer gewissen Generation an die Jesusfigur aus ihrem spezifischen zeitlichen Abstand verstehen. So anerkennt man, dass der "historische Jesus" immer Ausdruck einer bestimmten Erinnerungsgemeinschaft ist. Im Anschluss an die kulturwissenschaftlichen Erkenntnisse v.a. von Jan und Aleida Assmann zum kulturellen Gedächtnis überlegt man sich daher: Wie hat man sich 40, 60, 80 Jahre nach Jesus an ihn erinnert? Welche Kommunikationsmedien hat man aktiviert bzw. standen bereits zu Verfügung? Was sind die Ziele der jeweiligen Erinnerungskonstruktion?
Freilich ist dieser "mnemonische" Zweig der Jesusforschung in sich auch wieder ausdifferenziert und grenzt sich nicht immer konsequent von der konventionellen, ereignisgeschichtlichen Jesusforschung ab. R. McIver macht sich etwa in Memory, Jesus, and the Synoptic Gospels (Atlanta 2011) auf der Basis von Erinnerungsforschung dafür stark, dass die Evangelien auf Augenzeugen zurückgehen und grundsätzlich als vertrauenswürdig anzusehen sind. Dieser Ansatz wurde von anderen Vertretern des Jesus-Memory-Approach als Rückfall in apologetische historische Forschung kritisiert.
Differenzierter geht J. D. G. Dunn in Jesus Remembered (Grand Rapids 2003) vor (s. bereits o. unter Abschnitt 3). Er knüpft an Studien Kenneth Baileys an (1991), die dieser durch Beobachtungen in vorliterarischen orientalischen Kulturen gesammelt hat: Erzählungen würden dort als "informal controlled oral tradition" weitergegeben. Konkret bedeutet das, dass zentrale Kernaussagen der Erzählungen über viele Erzählinstanzen ziemlich konstant erhalten blieben, während weniger wesentliche Ausschmückungen variabler seien. Diese Einsichten überprüft Dunn anhand der Evangelienüberlieferungen und findet in der Tat, dass bei synoptischen Parallelüberlieferungen die Kernaussagen der Perikope (häufig ein zentrales Jesuswort) häufig stabil bleiben, während die äußeren Umstände stärker variieren. Aus dem "impact", den Jesus bei den Tradenten hinterlassen habe, schlussfolgert Dunn, dass es auf diese Weise doch möglich sei, auf im Wirken Jesu liegende Impulse rückzuschließen und das Bild des "erinnerten Jesus" zu zeichnen. - Auch dieser Ansatz wurde von anderen Vertretern des Jesus-Memory-Approach als konventionelle historisch-kritische Arbeit in neuem Gewand kritisiert.
Ein Ansatz, der diese Kritik konsequent vermeiden möchte, liegt mit S. Huebenthals Markusevangelium als kollektives Gedächtnis vor (FRLANT 253, Göttingen 12014; 22018). Auch sie knüpft an J. und A. Assmann an und analysiert Mk 6,7-8,26 auf die Frage hin, wie hier Jesuserinnerung zur Identitätsbildung und -stärkung der "markinischen Gemeinde" genutzt wird. Für eine Einleitung in die gesamte Methodik ist ihr Beitrag Die Büche der Memoria. Evangelium, Erinnerung und der historische Jesus [9] zu empfehlen.
Ein dritter Zweig der Jesusforschung, der zu benennen ist, setzt wissenschaftsgeschichtlich an der Einsicht Hayden Whites an, dass Geschichtsschreibung unhintergehbar literarisch verfasst ist und deswegen auch als literarische wahrgenommen werden muss. In diesem Zweig analysiert man die Jesuserzählungen mit rein narratologischen, aus den Sprach- und Literaturwissenschaft entlehnten Analysemethoden, gewissermaßen wie Novellen, Romane o.ä. Noch wirkt dieser Zweig gelegentlich theorieüberladen und nicht selten beginnen Werke dieser Forschungszweiges mit überausführlichen theoretischen Einleitungen. Methodologisch stehen Werke aus den Literaturwissenschaften im Hintergrund wie M. Fludernik, Erzähltheorie. Eine Einführung (Darmstadt 42013); G. Genette, Die Erzählung (Stuttgart 32010); M. Martínez/M. Scheffel, Einführung in die Erzähltheorie (München 112020). Eine knappe methodische Einleitung, die speziell auf das Neue Testament ausgelegt ist und gleichzeitig Beispielanalysen einiger Evangelienperikopen bietet, liegt vor bei F. Wilk, Erzählstrukturen im Neuen Testament. Methodik und Relevanz der Gliederung narrativer Texte (UTB 4559, Tübingen 2016).
Als herausragende und wirklich nur ganz exemplarisch ausgewählte (!) Anwendungsbeispiele dieses Genres zur Jesus- bzw. Evangelienforschung möchte ich nennen:
Es scheint mir ganz unstrittig, dass alle drei der hier differenzierten methodischen Grundentscheidungen, sich der Figur/Person Jesu bzw. den Evangelientexten zu nähern, ihre eigene bleibende Berechtigung haben. Aufgabe der künftigen Exegese wird sein, diese Methoden miteinander im Gespräch zu halten.
Publikationen zu Gleichnissen unterschiedlicher Fachgenres haben in den letzten 20 Jahren zu erstaunlichen Wendungen geführt und die Forschungslage breit ausdifferenziert. Deutlich wird bei diesen neuen Ansätzen, wie dominant die alte Gleichnisforschung A. Jülichers [10] immer noch wahrgenommen wird, wie nötig und berechtigt es aber ist, über diese hinaus weiterzudenken. Die drei m.E. auffälligsten Weiterentwicklungen gegenüber Jülicher sind: a) die Anerkenntnis einer Vielfalt von Interpretations- und Vergleichspunkte in den Gleichniserzählungen, b) die viel stärkere Einbeziehung literaturwissenschaftlicher/narratologischer Analysemethoden und c) der Ausblick auf die religionspädagogische Ergiebigkeit von Gleichnissen.
An aktuellen Publikationen, an denen diese Tendenzen abzulesen sind, möchte ich folgende nennen:
Keine Forschungsliteratur, aber überaus hilfreich für die Vorbereitung für Unterricht oder Predigt ist der große Band R. Zimmermann (Hg.), Kompendium der Gleichnisse Jesu (Gütersloh 2007). Es wird hier konsequent darauf verzichtet abzuschätzen, mit welcher Wahrscheinlichkeit welche Gleichniserzählungen ("Parabeln") auf den historischen Jesus zurückgehen, konsequenterweise sind die Gleichnisse auch literarisch nach ihrem Vorkommen in Q, den kanonischen Evangelien, dem Thomasevangelium und schließlich den Agrapha geordnet. Der Aufbau der einzelnen Artikel im Kompendium sind: sprachlich-narrative Analyse (Bildlichkeit), sozialgeschichtliche Analyse (bildspendender Bereich), Analyse des Bedeutungshintergrundes (Bildfeldtradition), die zusammenfassende Auslegung (Deutungshorizonte) sowie Aspekte der Parallelüberlieferung und der Wirkungsgeschichte.
Während dieser Band weniger Forschungs-, als vielmehr probate Anwendungs- und Ergebnisliteratur ist, hat der Herausgeber R. Zimmermann parallel dazu einen Sammelband mit Fachaufsätzen vorgelegt, der auf der Basis zweier Fachtagungen zur Gleichnisforschung entstanden ist R. Zimmermann u.a. (Hgg.), Hermeneutik der Gleichnisse Jesu. Methodische Neuansätze zum Verstehen urchristlicher Parabeltexte (WUNT 231, Tübingen 2008). Es geht in diesem Band über "das Nachdenken über das Verstehen, oder genauer: um die Reflexion über die Bedingungen und Möglichkeiten des Verstehens" von Gleichnissen. "Gleichnisse erfordern Dialog, Gleichnisse erfordern Hermeneutik" (VII). An diesem Band lässt sich sozusagen der wissenschaftlich-reflektive Hintergrund mitdenken, vor dem das Gleichniskompendium entstanden ist. Wer Hintergrundforschung zu historischen, sozialgeschichtlichen, mnemonischen, semiotischen, feministischen u.a. Zugehensweisen zur Gleichnislektüre sucht, wird hier fündig. .
Ein Pendant zu Zimmermanns Ansätzen zur Gleichnislektüre liegt mit Publikationen von K. Erlemann vor. Erlemann hat sich seit den späten 1990er Jahren mit kürzeren, niedrigschwelligen Bände zu theologischen Themen einen Namen gemacht. [11] Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt aber zweifellos in der Gleichnisforschung. 1999 hat er zum ersten Mal ein Lehr- und Arbeitsbuch zur Gleichnisauslegung vorgelegt [12] und gemeinsam mit der Germanistin I. Nickel-Bacon und der Religionspädagogin A. Loose später ein stärker interdisziplinär ausgerichtetes Buch: Gleichnisse - Fabeln - Parabeln. Exegetische, literaturtheoretische und religionspädagogische Zugänge (UTB 4134, Tübingen 2014). Das Spezifikum dieses Bandes liegt in seiner Aufteilung in einen bibelexegetischen, einen literaturwissenschaftlichen und -didaktischen sowie einen religionspädagogischen Teil, in dem unterschiedliche pädagogische, aber auch rezeptionspsychologische Aspekte behandelt sind. Fenster zum Himmel. Gleichnisse im Neuen Testament (Göttingen 2017) ist wiederum eine schmale, allgemeinverständliche Abhandlung, die nichtsdestotrotz viele Aspekte der Gleichnishermeneutik in Form von Beantwortungen auf Fragen darstellt (z.B: "Was sind eigentlich Gleichnisse?", "Funktionieren alle Gleichnisse gleich?", "Was ist eine Allegorie?", "Wie entschlüsselt man die Gleichnismetaphorik?", aber auch zum Alten Testament. "Womit wird Gott verglichen?", "Was meint das Bilderverbot?" u.v.m.). Erlemanns jüngste Veröffentlichung zur Gleichnisthematik schließlich ist Gleichnisse. Theorie - Auslegung - Didaktik (UTB 5494, Tübingen 2020).
Ein entscheidender Unterschied zwischen Zimmermanns und Erlemanns neuem Ansatz ist, dass ersterer auf die Unterscheidung von gattungskritisch zu unterscheidenden Gleichnistypen wie Gleichnis im engeren Sinne, Bildwort, Parabel, Beispielerzählung u.a.m. verzichtet und er stattdessen auf die rein literarischen Textcharakteristika narrativ, fiktional, realistisch, metaphorisch, appellativ-deutungsaktiv und ko- bzw. kontextbezogen abhebt, die für eine Vielfalt von Deutungsangeboten offenstehen ("Parabel"). Erlemann hingegen unterscheidet unterschiedliche abgrenzbare textpragmatische Modelle und damit vier Gleichnistypen (Natur-, Weisheits-, Alltags- und Identitätsgleichnisse) und reguliert damit die Funktion der Gleichnisse stärker. Denn für Erlemann weisen die Gleichnisse durchaus Unterschiede hinsichtlich ihres Wegs, ihre "Lernziele" zu erreichen, auf: Gleichnisse aus dem Erfahrungsbereich der Natur wollen Vertrauen gegen die augenscheinliche Wirklichkeit schaffen, indem sie die Souveränität Gottes über der Natur betonen (z.B. Mk 4,26-29); Weisheitsgleichnisse wollen auf der Basis des allgemein anerkannten Notwendigen und Möglichen zu vernünftigen Entscheidung führen (z.B. Mk 2,21f.); Alltagsgleichnisse wollen Konventionen in Moral oder Werten kritisch in Frage stellen (z.B. Mk 13,33-37); und Identitätsgleichnisse schließlich "rücken die umstrittene Identität, Legitimität und Funktion bestimmter Personen und Funktionen in den Mittelpunkt", [13] um so Identität zu verschaffen (z.B. die johanneischen Bildreden). Auch dieser Band schließt mit didaktischen Anregungen für den Schulunterricht, Vorschläge zur Textauswahl und konkrete Musterbeispiele für Unterrichtseinheiten in unterschiedlichen Schulstufen.
Weiterführend bei beiden Ansätzen ist, dass sie einen stärkeren Fokus auf die Pragmatik, Absichten und Ziele von Gleichnistexten setzen und so die rezeptionsästhetische Dimension deutlicher in der Auslegung berücksichtigen als es in der älteren formgeschichtlichen Tradition Jülichers der Fall war.
Spätestens seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert wurden die Wundererzählungen der Bibel - zuerst des Alten, dann auch des Neuen Testaments - immer mehr zum Prüfstein der Glaubwürdigkeit der christlichen Botschaft und Lehre insgesamt. Vor dem Hintergrund der ungeahnten Erfolge der Naturwissenschaften im 18. und 19. Jahrhundert, durch die sich Alternativerklärungen zu den traditionellen supranaturalistischen Deutungsmustern immer überzeugender Bahn brachen, gerieten die Theologen zunehmend in die Verteidigungsposition. Sollte Jesus wirklich über das Wasser gelaufen sein, Tote erweckt und Kranke geheilt haben? Stein des Anstoßes war dabei weder eine prinzipielle Unwilligkeit, der Zuverlässigkeit der evangeliaren Überlieferungen Glaube zu schenken, noch die philosophische Vorannahme, dass Wunder - was auch immer genau unter diesem Begriff zu verstehen sei - "nicht möglich" seien, sondern die Beobachtung innerer und äußerer Widersprüche in der Bibel: innerer Widersprüche zwischen den Evangelien selbst und äußerer Widersprüche zwischen den Evangelien und dem tatsächlich beobachteten Leben der frommen Leser und Leserinnen. So stellte sich die Fragen immer drängender: Wieso überliefert nur Markus die Erzählung von dem missglückten Heilungsversuch Jesus (Mk 8,22-26)? Wieso bittet der Synagogenvorsteher Jesus in Mk 5,23, seine sterbenskranke Tochter zu heilen, während er in Mt 9,18 darum bittet, seine bereits verstorbene Tochter wieder zum Leben zu erwecken? Wieso sind selbst die Erzählungen und Dialoge am Ostergrab so radikal unterschiedlich?
Und ebenso: Selbst angenommen, dass diese Erzählungen historisch zuverlässig überliefert seien, wie sollten wir als gläubige Menschen mit diesen Texten umgehen, solange unsere Toten nicht auferstehen, viele unserer Kranken nicht geheilt werden, und während wir für viele Symptome, die in den Evangelien durch dämonische Belastungen erklärt werden, biologisch-medizinische Ursachen erkennen können?
Durch diese beiden Gruppen von Widersprüchen sahen sich die Theologen zunehmen zu alternativen Erklärungsmustern der Wundertexte genötigt. Immer deutlicher meinte man zu erkennen, dass die Absicht der Verfasser von biblischen Wundererzählungen nicht in ihrer ereignishistorischen ("positivistischen") Dimension liege, sondern dass damit theologische oder geistige Ansichten ("Wahrheiten") ausgedrückt werden sollten, für die sich die Erzählform der Wundererzählung als die geeignetste anbot. Als Dreh- und Angelpunkt dieser Entwicklung gilt zurecht D. Fr. Strauß zweibändiges Leben Jesu. Kritisch bearbeitet, Tübingen 1835.1836, der viele der Wundererzählungen über Jesus als Ausdruck des messianischen Glaubens der jungen Gemeinde und Überbietungserzählungen gegenüber dem Alten Testament in der Gestalt von "Mythen", also in Form quasi-historischer Narrationen gegossene religiöse Ideen, sah. Dieser neue Zugang war - mit leichten Variationen - so erfolgreich, dass mehr als 160 Jahre später - im Jahr 2002 - H. Verweyen noch schreiben konnte: "Soweit ich sehe, hat im Blick auf die von Strauß dargelegte Auslegungsprinzipien für Wundergeschichten die nach ihm folgende Exegese nur noch geringfügige Modifikationen eingebracht". [14]
Diese Aussage ist mittlerweile auch schon 20 Jahre alt ist, und seitdem hat sich analog zur Jesusforschung auch die Wunderforschung methodisch deutlich ausdifferenziert. Zum einen lässt sich zwar durchaus feststellen, dass der Trend, die Wundererzählungen gattungsgeschichtlich und historisch differenziert mit unterschiedlichem historischem Anspruch und Hintergrund zu betrachten, grundsätzlich immer noch anhält. Theißen/Merz' Historischer Jesus (s.o. unter Abschnitt 5) nimmt die Unterscheidung in sechs Wundertypen vor: Exorzismen, Heilungswunder (Therapien) und Normenwunder (wie die Verfluchung des Feigenbaums Mk 11,12-14.20ff.) seien gut als Nachwirkungen des historischen Jesus zu verstehen, während Rettungswunder (z.B. die Stillung des Sturms Mk 4,35-41), Geschenkwunder (z.B. die Brotvermehrung Mk 6,30-44) und Epiphanien (z.B. die Verklärung Mk 9,1-10) den Osterglaube bereits voraussetzten. Ereignishistorische Prüfungen der Erzählungen werden nach wie vor unternommen (s. etwa der bereits oben erwähnte Bd. 2 "Mentor, Message und Miracles" der Reihe A Marginal Jew von J. P. Meier), nur noch in sehr konservativen Kreisen meint man, die Historizität des Seewandels, der Speisung der 5000 oder 4000 usw. verteidigen zu müssen.
Ein dem Gleichniskompendium (s.o. unter Abschnitt 6) analog konzipiertes, allerdings zweibändiges Werk desselben Herausgebers R. Zimmermann liegt mit dem Kompendium der frühchristlichen Wundererzählungen vor (Gütersloh 2013.2017). Wiederum werden in diesem Doppelwerk - der erste Band bespricht die Wunder Jesu, der zweite die Wunder der Apostel - Interpretationen zu zahlreichen kanonischen und außerkanonischen (!) Wundererzählungen immer nach dem gleichen Schema vorgelegt: Übersetzung, sprachlich-narratologische Analyse, sozial- und realgeschichtlicher Kontext, traditions- und religionsgeschichtlicher Hintergrund, Verstehensangebote und Deutungshorizonte, Aspekte der Parallelüberlieferung und Wirkungsgeschichte. Unterschiedliche Interpretationsansätze sollen auf diese Weise zu einer gleichberechtigten Pluralität führen; Fragen zur Historizität bleiben wiederum konsequent ausgeklammert. Zusätzlich finden sich zahlreiche Essays zur Wunderhermeneutik, dem antiken Weltbild, Medizin-, Wunder- und Magieverständnis, dem antiken Roman, Humor, Überlegungen zu Wundererzählungen in Schule und Predigt u.a.m. Ein besonderes Charakteristikum der Bände liegt - ebenfalls analog zum Gleichniskompendium - in der Aufnahme etlicher außerkanonischer Wundererzählungen aus der "apokryphen" Literatur. Hier kann auch der/die bibelkundige Leser/ Leserin noch neue, teils amüsante und absurd erscheinende Texte kennenlernen.
Wie auch schon zum Gleichniskompendium liegt auch zum Wunderkompendium ein Sammelband mit wissenschaftlichen Begleit- und Hintergrundtexten vor: B. Kollmann/R. Zimmermann (Hgg.), Hermeneutik der frühchristlichen Wundererzählungen. Geschichtliche, literarische und rezeptionsorientierte Perspektiven (WUNT 339, Tübingen 2014). Hier finden sich wiederum zahlreiche Fachreflexionen zur allgemeinen Wunderhermeneutik sowie zu historischen, literarischen und rezeptionsästhetischen Ansätzen wie Vergleiche mit der antiken Medizin oder dem antiken Kaiserkult, zu Exorzismen im frühen Christentum, Fiktionalitätsdiskursen, ethischen, feministischen, soziologischen u.a. Perspektiven. Einen noch neueren, aber wesentlich kleineren Reflexionsband hat R. Zimmermann mit Faszination der Wunder Jesu und der Apostel. Die Debatte um die frühchristlichen Wundererzählungen geht weiter (BThSt 184, Göttingen 2020) herausgegeben.
Als kürzere, aber nichtsdestotrotz überaus hilfreiche Bände zu Wundererzählungen möchte ich nennen:
Paulus ist nach wie vor der am intensivsten diskutierte einzelne "Theologe" - oder jedenfalls Autor - neutestamentlicher Schriften. Fast jedes einzelne Wort, jedes Motiv, jede rhetorische oder denkerische Figur in seinen sieben unumstritten als authentisch akzeptierten Briefen wird regelmäßig nach allen Regeln der exegetischen Kunst und Einsicht umgepflügt, so dass es völlig unmöglich ist, in wenigen Zeilen einen repräsentativen Schnitt der gegenwärtigen Paulusforschung vorzulegen.
In den 1970er bis 1990er Jahren wirbelte die sog. New Perspective on Paul [15] die alte Paulusforschung kräftig auf (in Deutschland deutlich später als in den skandinavischen Ländern oder im angelsächsischen Bereich). Sie kritisierte massiv die jahrhundertealte, noch bei Augustin und Luther wurzelnde Interpretation der paulinischen Theologie, Paulus habe in Ablehnung einer vermeintlich jüdischen Werkgerechtigkeit seine Theologie der radikalen Gottesgnade als Weg des Menschen zu individueller Gerechtigkeit vor und Frieden mit Gott verkündigt.
Von dieser New Perspective als solcher ist mittlerweile nicht mehr viel zu hören, es ist ihr aber gelungen, den "westlichen" Blick auf den Heidenapostel und seine Mission nachhaltig zu erneuern. Die Denkstruktur "jüdische Werkgerechtigkeit vs. christliche Gnadenbotschaft" ist aus der Beschäftigung mit dem Heidenapostel zurecht vollkommen ausgemerzt. Vielmehr anerkennt man nun die bleibende Verankerung des Paulus in seinem Mutterdenken konstruktiv. Welchen Umfang, welche Bedeutung, welche Tiefe/Radikalität und welche Konsequenzen Paulus' Neubewertung der Person Jesu, seinem Kreuz und seiner Auferstehung beigemessen hat, unterliegt daher neuen Fragestellungen.
Mit diesem Perspektivenwechel geht die Frage einher, inwiefern auf der Basis der Paulusbriefe überhaupt eine kohärente paulinische "Theologie" konstruierbar ist. Vor der Provokation der New Perspective galt insbesondere im evangelischen Denken die sog. Rechtfertigungslehre als deren Zentrum, und damit der Römerbrief (gemeinsam mit dem Galaterbrief) als "Modell" für die Theologie des Heidenapostels insgesamt. Heute sieht man deutlicher, dass die doppelte Formel "gerecht nicht durch Werke des Gesetzes, sondern durch den Glauben an Jesus Christus" bei Paulus keineswegs prominent erscheint (streng nur Gal 2,16; Röm 3,28; vgl. aber auch Phil 3,9) und alleine deswegen schwer als Angelpunkt seiner "Theologie" zu begründen ist. Auch die Frage, was Paulus genau mit den "Werken" gemeint hat, derer man sich nicht "rühmen" solle, steht neu zur Debatte. In jedem Fall stehen heute die "kleinen" Paulusbriefe (1Thess, Phlm, Phil), in denen die "Rechtfertigungslehre" wenigstens nicht explizit belegt ist, deutlich prominenter in der Wahrnehmung als noch vor 30 Jahren und es ist insgesamt ein neues Suchen festzustellen nach dem rechten Verhältnis von der Betrachtung der Paulusbriefe als situative, gar punktuelle Momentaufnahmen in spezifischen Situationen (und einer etwaigen Entwicklung darin) und der Entdeckung übergreifender, mehr oder weniger kohärenter Denkstrukturen einer paulinischen "Theologie". Einigkeit im Bezug auf Antworten auf diese Fragen ist gegenwärtig kaum festzustellen.
In derselben Reihe wie das Jesus Handbuch (s.o. unter Abschnitt 5) liegt das als im deutschsprachigen Bereich gegenwärtig umfassendstes Sammelwerk zu Paulus das Paulus Handbuch, hg. v. Fr. W. Horn (Tübingen 2013) vor. Auch hier finden sich praktisch sämtliche Themen der Paulusforschung in konzisen Forschungsartikeln gesammelt: zu Aspekten und Perioden der Geschichte der Paulusforschung, zur Biographie des Paulus, zu den Briefen, der Mission sowie theologischen Themen. Dass in diesem Buch die "Rechtfertigungslehre" nur als Unterpunkt unter "Christologische Theologie" rubriziert wird, demonstriert auch äußerlich das gegenwärtige Suchen nach ihrem angemessenen Stand im paulinischen Denken insgesamt.
Überaus hilfreich ist ebenfalls der Band Paulus. Leben - Umwelt - Werk - Briefe, hg. von O. Wischmeyer (UTB 2767, Tübingen 12006; 32021 ist gemeinsam mit E.-M. Becker verantwortet). Dieser Band ist wesentlich kürzer als das Paulus Handbuch, ist aber gut strukturiert und hoch informativ. Der Band ist dreigeteilt: der erste Teil ist der Skizzierung der Umwelt und des Lebens des Apostels gewidmet mit Beiträgen zur politischen und städtischen Situation im römischen Reich, Paulus' Judentum, der religiösen Umwelt sowie Paulus' Leben, Mission und Persönlichkeit. Der zweite Teil wiederholt im Grunde die paulinischen Abschnitte aus einer Einleitung in das Neue Testament mit Kapiteln zu den Paulusbriefen samt einem abschließenden Kapitel zu übergreifenden Themen paulinischer Theologie. Der dritte Teil ergänzt Kapitel zur kanonischen und außerkanonischen Paulusrezeption bis hin zur heutigen historisch-kritischen Forschung.
Parallel zu seinen beiden großen Lehrwerken der Einleitung in das Neue Testament und der Theologie des Neuen Testaments hat U. Schnelle eine große Paulusmonographie vorgelegt: Paulus. Leben und Denken (Berlin/New York 12003; 22014). Wie bereits in Abschnitt 2 vermerkt, wiederholt dieses Buch teils wörtlich die Ausführungen der Einleitung und der Theologie, ist aber nichtsdestotrotz hoch hilfreich. Schnelle ist gegenwärtig derjenige Paulusforscher, der für seine Konstruktion des paulinischen Denkens am stärksten eine deutliche Entwicklung in seinen Ansichten annimmt. Aus Schnelles Sicht ist daher 1Thess als frühester Paulusbrief nur als solcher in seinen Eigenarten zu verstehen (etwa betreffs Christologie, Soteriologie, Eschatologie, Ethik), Analoges gilt für Phil, Schnelles Auffassung nach der späteste Paulusbrief, der ebenfalls nur in dieser chronologischen Position voll verständlich werde. Das Buch besteht aus zwei großen Teilen. Der erste Teil legt den Werdegang des Paulus dar, angefangen von seiner "vorchristlichen" Zeit über das Damaskusgeschehen, Antiochia zu seiner Missionstätigkeit; in diese werden dann die Briefe in (Schnelles Auffassung nach) chronologischer Reihung eingegliedert. Der zweite Teil des Buches legt sodann "Grundstrukturen paulinischen Denkens" dar, entspricht somit den entsprechenden Abschnitten aus der Theologie. Als inhaltliches Zentrum der paulinischen Soteriologie macht Schnelle nicht die "Rechtfertigungslehre" aus, sondern den Gedanken der Teilhabe der Gläubigen an der soteriologischen Kraft des Kreuzes und der Auferstehung Christi, was insbesondere in den gehäuften Wendungen "mit Christus" und "in Christus" deutlich werde: "Grundlegend für die paulinische Soteriologie ist die Vorstellung, dass die Glaubenden durch die Geistgabe in der Taufe bereits in der Gegenwart umfassend am durch Jesu Christi Tod und Auferstehung erwirkten Heil teilhaben" (22014, 515).
Einer der jüngsten Versuche, die "Theologie" des Paulus in weitgehender Kohärenz monographisch darzustellen, liegt mit M. Wolter, Paulus. Ein Grundriss seiner Theologie (Göttingen 32021; Neukirchen-Vlyun 12011) vor. Den stark konstruktiven Anteil in der Organisation des Stoffes einer solchen "Theologie" (im Singular) erklärt Wolter im "Prolog". Was die Chronologie der Briefe angeht, hat Wolter einen deutlich niedrigeren Anspruch als Schnelle. Er setzt lediglich voraus, dass 1Thess der älteste Paulusbrief ist, dass Gal vor Phil und Röm entstanden ist und dass 1Kor und 2Kor vor Röm entstanden sind. In der Anordnung der 15 Kapitel beginnt Wolter nach einem Prolog mit zwei Kapiteln zum vordamaszenischen Paulus sowie der antiochenischen Zeit, die anschließenden topisch-theologischen Themen ("Das Evangelium", "Der Glaube", "Die Heilswirklichkeit des Todes Jesu" usw.) folgen keiner theologisch-linearen Reihung - wie Wolter im "Prolog" auch darstellt. Zum Studium einzelner Kapitel bzw. Themen ist es gewiss sinnvoll, gleichzeitig die entsprechenden Kapitel eines anderen Aufrisses (also etwa von Schnelle oder Hahn) parallel mitzulesen und dabei auch die sich ergebenden unterschiedlichen Strukturen des paulinischen Denkens nachzuvollziehen. Wolter etwa beginnt seine Darstellung mit einem Kapitel über die "Theologie des Evangeliums", weil "mit der Verkündigung des Evangeliums auch bei Paulus alles anfängt: Die Gemeinden, an die er seine Briefe schreibt, sind durch sein Evangelium entstanden, und er bezieht sich in seinen Briefen immer wieder auf sein Evangelium zurück" (12011, 4). Bei Schnelle hingegen steht ein Kapitel zur "Theologie: Gott handelt" am Anfang, denn "Gott ist das unhinterfragbare und zugleich alles bestimmende Axiom paulinischer Theologie. [.]Für Paulus ist Gottes Einzigkeit gedankliches und praktisches Fundament seines Denkens" (22014, 423f.). Wolter umgekehrt hat gar kein eigenes Kapitel zu Paulus' Gottesverständnis.
Als kleine Auswahl an weiteren aktuellen Titeln zur Paulusforschung nenne ich:
An englischsprachigen Titeln nenne ich noch:
Das Teilfachgebiet der Hermeneutik beschäftigt sich mit unterschiedlichen Aspekten der Frage des Verstehens: Was bedeutet es, geschriebene Texte zu "verstehen"? Welche Rolle kommen dabei dem Autor/der Autorin, dem Leser/der Leserin und dem Text als solchem zu? Wie kann ein alter Text in neuer Zeit - nach einem Abstand von 2000 Jahren - "verstanden" werden? Ist es sinnvoll, einem Text göttliche Dignität zuzusprechen? Was bedeutet "Inspiriertheit" eines Textes? Wie hat man in früheren Zeiten Bibel gelesen, was waren die Denkvoraussetzungen und Zielsetzungen? usw. Als textbasierte Wissenschaft berühren diese Fragen die Basis der exegetischen Arbeit.
Will man sich diesen Fragestellungen historisch-diachron annähern, ist das vierbändige Werk Epochen der Bibelauslegung von H. G. v. Reventlow (München 1990.1994.1997.2001) nach wie vor die erste Wahl. Einzelne Kapitel informieren knapp und gut über biographischen Hintergrund und hermeneutische Ansätze zu den meisten der wesentlichen exegesegeschichtlichen Figuren und Strömungen, angefangen von der hermeneutischen Leistungen der Septuagintaübersetzer und den spätantiken Philosophen bis hin zu 2000 Jahren Christentumsgeschichte. Reventlow kommt dabei allerdings nur bis R. Bultmann; aktuellere Entwürfe sind in diesem Werk noch nicht aufgenommen. Ein weiterer Nachteil liegt in seinem vollständigen Verzicht auf Zitation von Primärquellen.
Beide Nachteile vermeidet das Studienbuch Hermeneutik. Bibelauslegung durch die Jahrhunderte als Lernfeld der Textinterpretation, hg. v. S. Luther/R. Zimmermann (Gütersloh 2014). Dieses Buch ist ebenfalls exegesegeschichtlich angelegt, deckt allerdings wesentlich weniger Ansätze ab als Reventlows Großwerk. Das bemerkenswerteste Charakteristikum des Studienbuchs liegt in seiner interaktiven Anlage: Im Buch selber werden in kürzeren Aufsätzen Biographien und hermeneutische Ansätze der jeweiligen Theologen und Theologinnen umrissen, in einer beiliegenden CD-ROM finden sich sodann zu jedem Kapitel teils recht ausführliche Abschnitte aus den zugehörigen Quellen. Leitfragen sollen helfen, sich diese zu erschließen; Antwortvorschläge zu diesen Fragen finden sich am Ende des Buches. Gerade für den Seminarraum ist das Studienbuch daher eine ungemein hilfreiche Lehr- und Lernhilfe sowie Textsammlung. Ein fast schon tragischer Aspekt dieses teildigitalen Konzepts liegt allerdings darin, dass das Medium der CD-ROM schon 7 Jahre nach Erscheinen des Buches so veraltet ist, dass viele Computer nicht einmal mehr über die technische Ausstattung zum Lesen einer CD-ROM verfügen.
Ein sehr persönliches Buch ist dem mittlerweile verstorbenen U. Luz mit seiner Theologischen Hermeneutik des Neuen Testaments (Neukirchen-Vluyn, 2014) gelungen. Der Autor versteht dieses Buch als bibelhermeneutische Metareflexion, wie sie maßgeblich durch seine Kommentierung des Mattha?usevangeliums (für EKK, ab 1985, s.o. unter Abschnitt 4) erwachsen ist. Luz legt seinen Ansatz weniger historisch-diachron noch methodologisch an, Fragen zur historischen Bibelkritik sowie aktuelle geschichtstheoretische Ansätze werden nur kurz referiert, aber kaum diskutiert. Stattdessen geht er von drei "hermeneutischen Grundfragen" aus und verfolgt diese in persönlichen Auseinandersetzungen rund um den Themenkomplex Bibel, Glaube und Kirche. Diese drei Fragen sind: Wie lässt sich Kirche überhaupt auf eine scheinbar beliebig interpretierbare Bibel bauen? Wie lässt sich eine ganzheitliche Interpretation der biblischen Texte erreichen, die nicht nur kognitive, sondern auch befreiungstheologische, psychologische, performative, künstlerische u.a. Perspektiven einbezieht? Und schließlich: Wie kann sich eine hermeneutisch verantwortete Rede von Gott in der heutigen Zeit überhaupt darstellen (7-16)?"
Während Luz' Hermeneutik die bislang jüngste Hermeneutik eines einzelnen Autoren ist, seien parallel dazu die Sammelbände Schriftauslegung (TdT 8 = UTB 3991, hg. v. F. Nüssel, Tübingen 2014) sowie Der Streit um die Schrift (JBTh 31, Göttingen 2018) empfohlen. Beide bieten Aufsätze zur biblischen Hermeneutik aus theologisch-interdisziplinärer Perspektive. Der erstgenannte Band ist deutlich kürzer und bietet nur jeweils einen Beitrag aus alttestamentlicher, neutestamentlicher, systematischer und praktisch-theologischer Perspektive, sowie zwei Beiträge zur Kirchengeschichte und einen abschließenden summarischen Beitrag der Herausgeberin. Der zweitgenannte Band ist länger und vereint jeweils mehrere Beiträge pro theologischer Teildisziplin sowie zusätzliche Aufsätze zur Kanongeschichte, zu jüdischer Schriftauslegung u.a.m. So hilfreich solche interdisziplinären Sammelbände auch sein mögen und so kompetent, wie die konkreten Beiträge dieser Bände geschrieben sein mögen, lässt sich aus ihnen letztlich doch auch die Krise des Schriftprinzips der christlichen Kirche(n) ablesen: welche Bedeutung hat die Bibel für das "Christentum" - für Kirche insgesamt sowie für den einzelnen Christen - und welche Bedeutung spielt dabei die universitäre Fachexegese? Wer sich zu Hintergrund und Ausprägung dieser Krise umfassend informieren will, ist mit J. Lauster, Prinzip und Methode. Die Transformation des protestantischen Schriftprinzips durch die historische Kritik von Schleiermacher bis zur Gegenwart, HUTh 46, Tübingen 2004, hervorragend bedient.
Ein m.E. überaus hilfreicher Versuch, dem/der vor lauter theologischen Bäumen den Wald der Examensbegrenzung nicht mehr sehenden Leser/Leserin eine Schneise durch das Dickicht der neutestamentlichen Forschung zu bahnen, ist L. Bormann (Hg.), Neues Testament. Zentrale Themen (Neukirchen-Vluyn 2014). Dieser Band sammelt 16 Aufsätze in überschaubarer Länge zu inhaltlichen Themen des Neuen Testaments, z.B. zum antiken Judentum, zur Gottesherrschaft, zu Gleichnissen, Taufe, Glaube, Gesetz etc. Die Beiträge sind dicht geschrieben, gleichzeitig dem begrenzten Umfang geschuldet teilweise etwas lückenhaft, die versammelten Themen an sich natürlich auch immer ergänzungsfähig, doch ist dieser Band eine exzellente Hilfe, wenn man nicht alles zu einem bestimmten Thema wissen, aber dennoch repräsentativ informiert sein will.
[1] Wie etwa J. Roloff, Einführung in das Neue Testament aus der Reclam-Reihe, das zwar ursprünglich schon von 1995 stammt, aber noch 2012 eine 7. Auflage erfahren hatte; G. Theißen, Das Neue Testament, München 52015 (12002); W. Kirchschläger, Kleine Einführung in das Neue Testament, Stuttgart 2012; oder jüngst W. Eisele, Kurzgefasste Einleitung in das Neue Testament, Freiburg u.a. 2021.
[2] 2018 erschien ein eigenes kommentargeschichtlicher Sonderband: E.-M. Becker/Fr. W. Horn/D. A. Koch (Hgg.), Der "Kritisch-exegetische Kommentar" in seiner Geschichte. H. A. W. Meyers KEK von seiner Gründung 1829 bis heute, Göttingen 2018.
[3] Hierzu auch E. D. Schmidt, Vom "historischen" Jesus, dem "erinnerten" Jesus und darüber hinaus. Zum aktuellen Stand der Jesusforschung, in: ET-Studies. Journal of the European Society for Catholic Theology (Zeitschrift der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie) 6 (2015), 65-92; ders. (Hg.), Jesus, quo vadis?. Entwicklungen und Perspektiven der aktuellen Jesusforschung, BThSt 177, Göttingen 2018.
[4] E. Käsemann, Das Problem des historischen Jesus, in: ZThK 51 (1954), 125-153 (Wiederabdruck in: ders., Exegetische Versuche und Besinnungen I, Göttingen 61970, 187-214).
[5] G. Theißen/A. Merz, Der historische Jesus. Ein Lehrbuch, Göttingen 42011, 117.
[6] Die Archäologie trägt ständig neue Erkenntnisse zur Forschung bei. Einen umfassenden Überblick bietet J. H. Charlesworth (Hg.), Jesus and Archaeology, Grand Rapids 2006.
[7] Vergleichbar etwa auch A. Puig i Tàrrech, Jesús. Un perfil biogràfic. Barcelona 2004 (dt.: Jesus. Eine Biografie. Paderborn /München u.a. 2011); K. Berger, Jesus, München 2004, von deutlich konservativ-evangelikaler Warte aus R. Riesner, Messias Jesus. Seine Geschichte, seine Botschaft und ihre Überlieferung, Gießen 2018, u.a..
[8] Z.B. in R. Zimmermann, Nur der gemalte Christus? Historische, erinnerte und erzählte Jesusbilder in der neutestamentlichen Wissenschaft des 20. und 21. Jahrhunderts, in: ZDTh 62 (2015), 31-63, hier: 44; K. Wengst, Der wirkliche Jesus? Eine Streitschrift über die historisch wenig ergiebige und theologisch sinnlose Suche nach dem "historischen" Jesus, Stuttgart 2013.
[9] In: G. Häfner/K. Huber/St. Schreiber (Hgg.), Die historische Rückfrage in der neutestamentlichen Exegese. Quellen - Methoden - Konfliktfelder, QD 317, Freiburg/Basel/Wien 2021, 28-77.
[10] A. Jülicher, Die Gleichnisreden Jesu, 2 Bdd., Freiburg 1886.1899.
[11] K. Erlemann, Wer ist Gott? Antworten des Neuen Testaments, Neukirchen-Vluyn 2008; ders., Unfassbar? Der Heilige Geist im Neuen Testament, Neukirchen-Vluyn 2010; ders., Jesus der Christus. Provokation des Glaubens, Neukirchen-Vluyn 2011; ders., Trinität. Eine faszinierende Geschichte, Neukirchen-Vluyn 2012; ders., Vision oder Illusion? Zukunftshoffnungen im Neuen Testament, Neukirchen-Vluyn 2014; ders., Kaum zu glauben. Wunder im Neuen Testament, Neukirchen-Vluyn 2016; ders., Wozu noch glauben? Erfahrungen und Anregungen, Calw 2019.
[12] K. Erlemann, Gleichnisauslegung. Ein Lehr- und Arbeitsbuch, UTB 2093, Tübingen/Basel 1999.
[13] Erlemann, Fenster zum Himmel, 32.
[14] H. Verweyen, Gottes letztes Wort. Grundriß der Fundamentaltheologie, Regensburg 42002, 269 (11991).
[15] Als Grundinformation zur New Perspective on Paul bieten sich z.B. an M. Bachmann, "The New Perspective on Paul" und "The New View of Paul", in: F. W. Horn (Hg.), Paulus Handbuch, Tübingen 2013, 30-38; J. D. G. Dunn, Romans 1-8, WBC 38A, Dallas 1988, lxiii-lxxii; J. Frey, Das Judentum des Paulus, in: O. Wischmeyer/E.-M. Becker (Hgg.), Paulus. Leben - Umwelt - Werk - Briefe, UTB 2767, Tübingen 32021, 47-105.
PD Dr. Eckart David Schmidt, Heidelberg, im April 2022
E-Mail: eckart.schmidt@theologie.uni-heidelberg.de