Rezension zum 14. Internationalen Kant-Kongress zum 300. Geburtstag von Immanuel Kant.
Bonn, 8.—13. September 2024
Der große Kantkongress vom 8. bis zum 13. September an der Universität Bonn hob den Königsberger Philosophen im Jahr seines 300. Geburtstages noch einmal aus der populären Verwertung, musealen Sicherung und anekdotischen Verengung der Jubiläumsfeiern auf das Niveau des gegenwärtigen philosophischen und wissenschaftlichen Diskurses.
Zugleich zeigte er sich offen für die aktuelle Zuspitzung dieses Diskurses, als er den ukrainischen Referenten Volodymyr Abaschnik erwartete. Es war dabei keine Überraschung, dass der Referent kriegsbedingt persönlich nicht erscheinen konnte.
Abaschnik rückte in seiner aus Charkiw elektronisch übermittelten Präsentation Kants späte Schrift Zum ewigen Frieden vor den Horizont des Kriegsgeschehens in der Ukraine und stellte damit mehr als eine philosophische Anfrage an die Wirkungsgeschichte dieses wohl populärsten Traktats des Philosophen.
Der ukrainische Philosoph bemühte dabei insbesondere Kants realistische Unterscheidung des echten Friedens von einem bloßen Waffenstillstand, mit dem zumindest eine Partei lediglich Zeit gewinnen will, um ungestört an der weiteren Aufrüstung zu arbeiten und die Truppen für eine baldige Fortsetzung des Krieges neu aufzustellen.
Der Referent formulierte über seine Textinterpretation hinaus dann einen eindrücklichen Apell an seine Zuhörer zur weiteren Unterstützung für sein Land. Mit einer bedrückend wirkenden Bildfolge über das Leid seiner Landsleute wirkte der rhetorische Übergang von der Explikation zur Applikation für das Plenum plausibel.
Bereits am ersten Abend des Kongresses hatte indes Julian Nida-Rümelin (München) vor der Gefahr gewarnt, Russland könne im Unterschied zur Ukraine auf jeder Stufe eskalieren.
Überhaupt plädierte der Philosoph und Politiker im Anschluss an Kant für kritische Selbstreflexion der demokratischen Staaten im Umgang mit Despoten.
Daneben wollte er aber, ganz im Sinne Kants, auch Hoffnung stiften, wenn er auf die historische Tatsache verwies, dass demokratische Staaten noch keine Kriege gegeneinander geführt hätten.
Gerade die Frage nach der diskursiven Qualität menschlicher Kommunikation profilierte Moritz René Pretsch (Kassel) an Kants Unterscheidung zwischen Überredung und Überzeugung:
Während die Überredung das weitere Nachdenken des Angeredeten nicht intendiert, will das Überzeugen ihn gerade zum Nachdenken bewegen.
Im Forum Kant und der Rassismus stellte Volker Gerhardt (Berlin) klar, dass es sich bei den gelegentlichen rassistischen Passagen in Kants Werk um Übernahmen aus Berichten seiner Zeitgenossen handele.
Grundsätzlich jedoch haben, ganz im Sinne der Genesis, Rassismus und Misogynie keinen Platz bei Kant.
So war der Kongress mit seinen wohl über vierhundert Einzelvorträgen keineswegs dazu angetan, Kants Projekt der Aufklärung lediglich als eine Phase der Philosophiegeschichte zu würdigen.
Vielmehr präsentierte er auf breiter Front das Programm der Aufklärung als jene große kulturelle Generalinventur und geistige Neuausrichtung in Europa.
Immanuel Kant wollte vor dreihundert Jahren erreichen, dass der Mensch nicht vor lauter Gottesfurcht den Respekt vor sich selbst verliert. Ohne dabei das Böse klein zu reden oder gar zu unterschlagen, glaubte er doch daran, dass der Mensch sich ändern, sich bessern könne.
Diese optimistische Sicht vom Menschen stütze sich nicht auf eine blinde Hoffnung gegen den Augenschein, sondern würde gerade darin aktiv, dass sie die Menschen über ihre mitgegebene Fähigkeit, die erfahrene Welt in Augenschein zu nehmen und zu beurteilen, aufkläre.
Der Mensch betrete mit seinem Erkennen keine Einbahnstraße, die ihn zum absoluten Wissen von der Welt führen könne, aber es existiere auch keine göttliche Autorität, die ihn vor Anmaßung allererst bewahren müsse.
Vielmehr könne der Mensch selbst seine Grenzen wiederum selbstkritisch erkennen, bedenken und so offenbleiben für die ständige Veränderung, in der sich die Dinge in der Welt befinden.
Kant öffnete so gerade den Naturwissschaften und deren Anspruch auf ein auf Erfahrung gestütztes Wissen das Tor aus einer überkommenen religiösen Weltsicht in den Alltag praktischer Lebensbewältigung.
Der gegenwärtig sehr angesagte Philosoph Markus Gabriel (Bonn) plädierte eloquent und in den Natur -Human-und Handlungswissenschaften belesen für eine Neue Aufklärung.
Diese in Aussicht genommene Erhellung solle aus der momentanen Dunkelheit führen, in der sich die Weltgesellschaft befinde.
Die Neue Aufklärung schließe sich zwar an Kants Projekt an, wolle aber über dieses hinausführen.
Sie will die Besserung des Menschen nicht auf einer aufsteigenden Linie denken, sondern in einer Spirale, auf der sich das lebendige Gute unter liberalem und kommunikativem Vorzeichen keineswegs ohne Irrtümer entwickeln kann.
In der anschließenden Aussprache stellte sich dann im Plenum doch die Frage, ob hier nicht die Philosophie zu sehr von den Tatsachen zu den Wertungen übergehe.
Beatrix Himmelmann (Norwegen) zeigte auf, wie Kant die Frage nach der Verbindlichkeit menschlichen Denkens und Handelns nicht theologisch, aber auch nicht unter Absehung des Gottesgedankens expliziert habe.
Kant hielt dafür, dass der Mensch in seinem sozialen Handeln keineswegs immer nur vom Eigennutz getrieben sein müsse, sondern frei sei, das Gute für den Anderen und für die Anderen tun zu wollen.
Der Mensch sei also nicht nur frei, sich seines Verstandes zu bedienen und seine eigenen Erfahrungen zu machen, sondern ebenso dazu, aus freiem Willen das Gute zu tun.
Dafür aber, dass er in diesem Wollen über seine eigene Endlichkeit hinaus das moralisch Gute und die Glückseligkeit aufs Ganze in den Blick nehmen könne, bedürfe es doch der Idee des Unbedingten.
Diese Idee signalisiert den religiösen Einschub in Kants Denken und führt den berühmten moralischen Gottesbeweis.
Mit diesem Gottesbeweis können sich Theologen dazu befreit fühlen, vernünftig über Gott zu reden, ohne ihn mit den Mitteln theoretischer Vernunft beweisen zu müssen.
Dr. Friedrich Seven, Bad Lauterberg
E-Mail: friedrichseven@t-online.de