Kafkas Diagnostik der Moderne

Friedrich Seven

Rezension zur Konferenz zum 100. Todestags von Franz Kafka.

Prag, 16.—18. Oktober 2024

Von einer Kafka-Konferenz an der Prager Akademie der Wissenschaften konnte man erwarten, dass sie sich von dem gegenwärtigen Hype um den Dichter nicht beeindrucken lässt.

Denn der ganze Hype im Jubiläumsjahr dient eher einer Kafka-Abwehr als einer Würdigung seines Werkes. So formulierte es dann auch der Verleger Axel Grube und die überwiegend jungen Wissenschaftler*innen stimmten ihm zu.

Mit dem Titel Kafkas Diagnostik der Moderne war die Konferenz durchaus auf der Höhe der Zeit, wenn danach gefragt wurde, ob nicht Kafkas Diagnose der Moderne bereits Wesenszüge der Späten Moderne antizipiere(Lukas Wegner). Impliziere sein Narrativ von Entfremdung und Totalitarismus nicht bereits die Tendenz zu medialer Omnipräsenz, wie prinzipieller Selbstbezüglichkeit?

Folglich ging es in den Diskussionen immer wieder um die Relevanz der Klischees, mit denen Kafka die erlebte Rede seiner Protagonisten gestaltet. Kafkas Helden, etwa Gregor Samsa, Joseph K. und der Landvermesser scheitern nicht einfach an einer als übermächtig erlebten Realität, sondern an ihren obsoleten Erwartungen an eine Normalität, die es nicht mehr gibt(Erhard Schüttpelz): Gregor Samsas Obsession von der musikalischen Förderung seiner kaum begabten Schwester, seine inzestuös anmutende Hoffnung auf Gemeinschaft mit ihr, kann nur zum Scheitern verurteilt sein. Samsa zerbricht an seiner Wunschrolle als liebender Bruder und umsichtiger Ernährer der Familie. So ist es dann zuletzt auch die Schwester, die seinen Tod herbeiführt, um sich von ihm zu befreien. Für seine Rolle und ihre hypertrophe Metapher war kein Platz mehr im neuen Stück.

Dieses an Kafka und an seinen auch an sich selbst scheiternden Helden zu entdecken und zu formulieren, brachte auf der Konferenz die sonst oft im Übermaß der Kafka- Deutung traktierten Motive und Themen in Bewegung: Das Recht verurteile bei Kafka nicht zur Strafe, sondern zur Schuld. Die Schuld des Menschen bestehe gerade darin, in den Grenzen seines Verstehens nur das Eingeständnis hervorbringen zu können, dass er eine Erklärung für seine Existenz schuldig bleibe. Also sei bei Kafka eher von einem grundsätzlichen Schuldigbleiben, statt von einem Schuldigsein die Rede(Sigrid Weigel).

Ohne Zweifel sei Kafka humorvoll. Doch wenn der Humor auch Hoffnung gerieren könne, so habe das Hoffen eigentlich keinen Grund, sondern schwebe stets über dem existentiellen Abgrund (Anna Dombrowsky/Jan David Schenk).

Der Blick auf die antisemitische Grundierung in Kafkas Lebenswelt, auf seinen sozialen Raum, zeige die geschichtliche Genese dieses Abgrunds. Die Frage: „Sind Sie Jude?“ –verweise den Befragten in die Distanz, die die Koexistenz zerstöre( Petr Kouba).

Kafkas Lebensgeschichte geschah in einer nach innen gerichteten familiären Koexistenz unter einer belastenden Hierarchie und einer nach außen geöffneten Existenz als angesehener Jurist in einer Versicherungsgesellschaft und mit einem treuen Freundeskreis. Seine zeitweiligen Rückzüge von der Familie und von seiner gesellschaftlichen Existenz wollten nicht das Klischee des Eremitendaseins bedienen und waren für seine literarische Produktion doch notwendig.

Dabei war Kafka auch in dem Sinne kein moderner Autor, der für seinen Lebensunterhalt hätte schreiben müssen. Ihm blieb offenbar nichts anderes übrig als zu schreiben und selten war er mit dem Geschriebenen zufrieden.

Sein Freund Max Brod rettete bekanntlich den Nachlass vor Kafkas Wunsch, der Freund solle die Papiere verbrennen.

Diese Vertrauensstellung Brods sicherte ihm in der Folge eine Deutungshoheit über das Werk Franz Kafkas, an deren religiöser Tendenz die Literaturkritik immer wieder Anstoß nahm.

Axel Grube plädierte hingegen unter Berufung auf die Kierkegaard-Lektüre Kafkas und seine in den Zürauer Aphorismen angedachten Motiven wie Versöhnung, existentielle Liminalität und Erfüllter Augenblick für einen behutsamen Umgang mit den mystisch zu verstehenden Passagen in Kafkas Werk. Dabei ließ er Kafka selbst zu Wort kommen mit dessen bekennenden Satz:

Wenn auch keine Erlösung kommt, so will ich doch jeden Augenblick ihrer würdig sein.

Doch müssen nicht diese religionsaffinen Einlassungen Kafkas von seinem literarischen Werk und dessen prononcierter Säkularität radikal getrennt werden?

Ist etwa das grundsätzliche Schuldigbleiben des Menschen auf die biblische Geschichte vom Sündenfall zu beziehen?

Kann das Hoffen auf ein Miteinander im Gegeneinander(Michael Scheffel) eine Aussicht auf Transzendenz sein, bzw. ist die Sehnsucht nach dem Religiösen schon dessen Begründung?

Werk und Person Franz Kafkas werden weiterhin zur Streit um ihre Bezüge und ihre Beziehbarkeit stehen.

Daran wollte diese ausgezeichnet vorbereitete und von Jan Schenk und Markus E. Hodec souverän moderierte Konferenz nichts ändern.

Ein wenig Einhalt gebieten wollte sie indes der Tendenz, Kafka zum Objekt provinzieller Selbstbehauptung für Weltanschauungen jeder Art zu degradieren. Denn man kann keinen Satz sagen, „das ist Kafka“.

Für den/die schlichte(n) Kafka-Leser*in mag beim Streit um die rechte Deutung ein Satz aus dem berühmten frühen Text Zum Nachdenken über Herrenreiter hilfreich sein: Nichts, wenn man es überlegt, kann dazu verlocken, in einem Wettrennen der Erste sein zu wollen.

Denn, so möchte man sagen, Kafka bleibt uns voraus.

 


Dr. Friedrich Seven, Bad Lauterberg
E-Mail: friedrichseven@t-online.de


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