Der Gedanke, dass gerade in den freiheitlichen Gesellschaften der unreflektierte Gebrauch der Freiheit diese am Ende in ihr Gegenteil verkehrt, bildet das Leitmotiv dieses Buches von Ingolf Dalferth. Verkannt wird bei diesem Gebrauch, dass sich Individuen und Gesellschaften ihre Freiheit nicht nur nehmen, sondern auch verspielen können. Doch wie und worin können Menschen das Maß für ihre Freiheit finden, wenn diese nicht in Privilegien geteilt werden soll?
Vor Gott sind alle Menschen gleich. Was wie eine Feststellung klingt und vielleicht wie ein Versprechen wirken könnte, ist auf jeden Fall ein Glaubenssatz.
Doch ein Blick auf die Geschichte zeigt, dass gerade in Zeiten, in denen der Glaube noch das Leben und Denken zu regieren schien, die grundsätzliche Gleichheit der Geschöpfe vor dem Schöpfer unter Regimen verborgen lag, in denen unter Berufung auf Gott ständische Ungleichheit regierte.
Erst die Reformation hat mit der Lehre von der Rechtfertigung allein aus Gnaden alle Menschen als gleichbedürftig vor Gott gerückt und keinen Stand mehr als Heilsstand privilegiert.
Mit der Aufklärung dann und der verfassungs-und geistesgeschichtlichen Entwicklung danach, wurden politische Systeme denkbar, die die prinzipielle Gleichheit der Menschen realisieren wollten.
Dabei tendierten solche Systeme und das sie leitende Denken ganz dazu, Gott aus der Verfassung zu eliminieren und dessen systemische Position durch das Recht zu ersetzen.
So konnten sie sich zuletzt damit begnügen und es sich als Vorzug zugute halten, dass sie die prinzipielle Gleichheit der Menschen vor dem Recht als die Gleichheit zwischen Regierenden und Regierten realisierten.
Dafür indessen musste zugunsten der Rationalität der Glaube aus dem Raum der poltischen Öffentlichkeit entfernt und auf die Sphäre des Privaten begrenzt werden.
Nur so schien sich das philosophische und politische Denken gegen metaphysische Zumutungen im Bereich des Politischen und des Rechts wappnen zu können. Zusehends plädierte das Denken für die liberale Demokratie als die ideale Staatsform, die auf dem Recht basiert und dieses Recht schützt.
Das Ideal dieser Entwicklung scheint dann erreicht, wenn es in der politischen Beteiligung und deren argumentativen Kommunikationsformen in einer deliberativen Demokratie zum zwanglosen Zwang des besseren Arguments kommen kann.
Doch ist unter heutigen Lebens-und Kommunikationsbedingungen, wie sie uns die elektronischen Medien anbieten und zumuten, die systematische Trennung zwischen öffentlich und privat kaum noch möglich: Rudimentäre Glaubensüberzeugungen und religiös bewegte Affekte, ja auch der philosophische Gottesgedanke können aus dem politischen Diskurs nur um den Preis einer elitären Selbstisolierung des Politischen ausgeschlossen werden.
An diesem kritischen Punkt der geistes- und verfassungsgeschichtlichen Entwicklung setzt Dalferth mit seinem Buch ein.
Dabei plädiert er nicht für naive Rückkehr zur starken Transzendenz. Der Theologe und Philosoph fordert keinen Glaubenszwang, um die bürgerliche Gleichheit vor dem Gesetz mit dem Gedanken einer Gleichheit der Geschöpfe vor Gott abzulösen. Vielmehr zeigt er einen Denkweg des Gottesglaubens auf, der die Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz mit der Gleichheit vor dem, der alles erst sein lässt, verbinden kann. In diesem Glauben an den Schöpfer, in dem der Mensch als Geschöpf existieren kann, liegt die Freiheit zur Selbstbestimmung an der Grenze seiner Einmaligkeit und Faktizität. Freiheit ist hier als „die Folge aktiver Selbstbegrenzung durch Akzeptanz der eigenen Begrenztheit“ verstanden.
Vor dieser Begrenztheit braucht sich kein Mensch in sich zurückziehen oder von der selbsterkannten Freiheit zur Anmaßung absoluter Kompetenz fortzuschreiten. Wohin diese Schritte führen können, illustriert die Geschichte bis in die Gegenwart.
Vor Gott ist ein menschliches, ist ein kollektives Wir denkbar, das sich nicht der egoistischen Kalkulation eines Gemeinsam sind wir stark verdankt, sondern der Tatsache, dass der Weg zum anderen Menschen über ein Wir vor Gott geebnet ist, in dem wir uns immer schon vorfinden.
Der Gottesglaube und in seiner Überlieferung und Geschichtlichkeit gerade der christliche Glaube, existiert nicht mit einem reziproken Gleichheitsideal, sondern in einer im Miteinander mit einem Verschiedenen (mit Gott) ermöglichten menschlichen Gemeinschaft.
Die Menschen „… sind darin gleich, dass sie anders sind als der Dritte, von dem her sie die sind, die sie sind.“
Als hermeneutische Figur für die Gemeinschaft bietet dann auch die christologisch zentrierte Überlieferung nicht mehr allein die Metapher vom Volk Gottes. sondern insbesondere von der Familie (Kinder Gottes) an.
Vor Gott sind wir alle Geschwister, die im Glauben ihre Gleichheit vor ihm leben und in einem liberalen demokratischen Staat diese geschöpfliche Existenz auch als Gleichheit vor dem Recht leben können.
So erinnert Ingolf Dalferth in der Zeit, in der die libertäre Ideologie Konjunktur hat, an den Gedanken der akzeptierten endlichen Freiheit, wie ihn schon Immanuel Kant von Luther übernommen hatte.
Mit diesem Buch ist ihm eine respektable theologische Antwort auf Jürgen Habermas‘ kreative Geschichte der Philosophie gelungen.
Dr. Friedrich Seven, Bad Lauterberg
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