Die Stadtkirche
der Evangelischen Kirche am La Plata
- Iglesia Evangélica del Río de la Plata -
in Buenos Aires

Dagmar Ludwig

Mitten im Zentrum der argentinischen Hauptstadt, umgeben von Banken, Bürotürmen, Geschäftshäusern, Museen und Regierungsgebäuden, nahe dem Präsidentenpalast und dem Platz der Mairevolution, der Plaza de Mayo, durchaus auffällig, doch vergleichsweise schlicht, in einer Nebenstraße gelegen, eine Mitte des 19. Jahrhunderts erbaute kleine Kirche: die Stadtkirche der Evangelischen Kirche am La Plata. Sie ist eine von neun Gemeindekirchen der Deutschen Evangelischen Gemeinde in Buenos Aires (Congregación Evangélica Alemana en Buenos Aires) und eine der ältesten evangelischen Kirchen der Stadt. 2017 wurde ihr Äußeres restauriert. Seit 1990 steht sie unter Denkmalschutz.

Etwas von der Straße zurückgesetzt, zieht die helle Fassade im neugotischen Stil mit ihrem von Säulen und Türmchen gezierten Vorbau die Blicke auf sich. Wenige Treppenstufen führen über einen kleinen Vorplatz zu diesem und den drei Eingangstüren hinauf. Axial über dem Hauptportal geht das Spitzdach der Kirche in einen Dachreiter über. Er trägt ein reich verziertes, metallglänzendes Kreuz. Einen Glockenturm zu errichten war seinerzeit allein der katholischen (Staats-) Kirche vorbehalten.

Vier Jahre nach dem Erwerb des Grundstücks und acht Jahre nach der Gemeindegründung wurde am 18. Oktober 1851 der Grundstein der Kirche gelegt. Vollendet wurde sie in knapp anderthalbjähriger Bauzeit nach dem Entwurf des englischen Architekten Edward Taylor, Baumeister später auch des neuen Präsidentenpalasts, der Casa Rosada.

Finanzielle Engpässe, die Auswirkungen des Bürgerkrieges, eine Stadtbelagerung und die anglo-französische Seeblockade seit Mitte der 1840-er Jahre standen einer zügigen Umsetzung des Bauvorhabens entgegen. Hinzu kam die wirtschaftlich angespannte Situation in Deutschland. Die Preußische Landeskirche, der die 1843 gegründete Gemeinde sich 1845 unter der Leitung ihres von dort entsandten Pastors August Ludwig Siegel angeschlossen hatte, stellte geringere Mittel bereit als zunächst zugesagt. Dennoch konnten die Kirche im Februar 1853 eingeweiht, das Pfarrhaus bezogen und die zugehörigen Schulsäle in Gebrauch genommen werden.

Wer die Kirche heute betritt, sieht sich annähernd in die Zeit ihrer Entstehung zurückversetzt. Zwar wurde sie 1923 um acht Meter verlängert und auf der rechten Seite, zum Teil, um drei Meter verbreitert, so dass zusätzliche 150 Besucher in ihr Platz finden – zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren viele Mittel- und Nordeuropäer in das wirtschaftlich prosperierende Argentinien eingewandert –, doch im Wesentlichen blieb der ursprüngliche Raumeindruck gewahrt.

Sechs hohe Seitenfenster, wie das Fenster der Fassade französisches Vitraux, erhellen das lang gestreckte Schiff. Vor den einfach gestrichenen Wänden hebt sich das dunkle Holz der Bänke, der Emporen und des Sockels um den Altarraum mit dem Altar eindrucksvoll ab – links von ihm die Kanzel, rechts ein spitzbogig umrahmter Taufstein. Mitte und Ziel des Ganzen indes liegen in jenem ungewöhnlichen Ensemble, zu dem sich das tief in den Kirchenraum hinabreichende Buntglasfenster der Apsis mit dem Altar verbindet.

Diagonal einfallende Strahlen bringen ein vergleichsweise großes lateinisches Altarkreuz aus schwarzem Granit, mittig aufgestellt, von hinten her, d. h. durch seinen Hintergrund, zum Leuchten: vor ihm eine aufgeschlagene Bibel, zur Linken und zur Rechten je ein Kerzenleuchter. Überragt wird diese Fokussierung auf das Kreuz durch ein Bild des auferstandenen Christus; es füllt das hohe Spitzbogenfenster fast vollständig aus. Ein Buch mit dem Alpha- und Omega-Zeichen in den Händen, weist die Ikonographie ihn als den Weltenherrscher aus, den Anfang und das Ende, den, „der da ist und der da war und der da kommt“ (vgl. Offb. 1, 8; Offb. 22, 13).

Dieses Bildprogramm ist erkennbar konfessionell inspiriert. ‚Christus allein‘, ‚durch das biblische Zeugnis allein‘ (solus Christus, sola scriptura) – die grundlegenden Schlagworte der Reformation scheinen unversehens auf und mit ihnen zugleich das auf seinen Ursprung in Kreuz und Auferstehung zurückgeführte Bekenntnis des Glaubens, der das Kreuz ins Zentrum stellt, wenn er es im Licht der Auferstehung begreift. Hier wird evangelische Theologie ins Bild gesetzt, ohne zu polarisieren. Das Bildprogramm geht allen konfessionellen Spaltungen voraus. Es übersteigt jede Grenze und verpflichtet täglich aufs Neue. Die Besinnung auf den Grund des Glaubens erinnert, vergewissert, weist den Weg und richtet auf ihn aus.

Die bunt zusammengewürfelte, kleine Einwanderergemeinde der ersten Generation schuf sich mit dieser Kirche einen sichtbaren Ankerpunkt in einer ihr fremden und ihrer unterschiedlichen Herkunft gleichermaßen fernen Welt. Sie erbaute sie als einen Ort der Zugehörigkeit und der, sei es mitgebrachten, sei es zu erwerbenden Vertrautheit. Sie war ihr ein Zeichen des Angekommenseins wie des Aufbruchs und des Bleibens. Von heute aus gesehen steht die Kirche in der Calle Esmeralda (Esmeralda-Straße 162) für den Beginn der wechselvollen Geschichte einer sich ökumenisch verortenden, „vereinigten und sich vereinigenden Kirche“ (so der Terminus des Weltrats der Kirchen), die gegenwärtig 45 Gemeinden in Argentinien, Uruguay und Paraguay umfasst. Als Evangelische Kirche am La Plata - Iglesia Evangélica del Río de la Plata, IERP - seit 1965 eigenständig, ist sie weit länger schon selbstverständlich spanischsprachig.

Am 24. Dezember 1899 wurde in der Zentrumsgemeinde von Buenos Aires erstmals auf Spanisch gepredigt. Gottesdienste in deutscher Sprache gibt es freilich bis heute. Sie finden regelmäßig im ca. 20 km nördlich gelegenen Gemeindebezirk Martínez statt; dort trifft sich die deutsche Auslandsgemeinde. Die alte Stadtkirche wird je länger, je mehr zu einem Ort der gemeindeübergreifenden Begegnungen. Sie ist der gegebene Treffpunkt für die alljährliche Gebetswoche für die Einheit der Christen, den Weltgebetstag der Frauen, für ökumenische Gottesdienste und, gelegentlich, Tagungen.

In einem zentralen Festgottesdienst aller Gemeinden gedenkt die Kirche hier der Reformation, aktuell verbunden mit dem Gebet um Gerechtigkeit und Frieden. In der jüngeren Vergangenheit, den Jahren der Militärdiktatur (1976 - 1983), war das Gebäude eine verlässliche Station im Kampf um die Menschenrechte. Es öffnete seine Türen für die Madres de Plaza de Mayo, die gegen die staatliche Willkür und Praxis des Verschwindenlassens Oppositioneller protestierenden „Mütter vom Platz der Mairevolution“. Ihre deutsche Sektion hatte hier ihren Versammlungs- und Zufluchtsort.

Der Kirchenraum verfügt über eine hervorragende Akustik. So kommt in ihm übers Jahr eine Vielzahl unterschiedlicher Konzerte zur Aufführung. Die Pflege auch anspruchsvoller Kirchenmusik hat Tradition. 1871 erhielt die Kirche ihre erste, historisch bedeutsame Orgel (zwei Manuale, zwölf Register und Pedal, erbaut durch Carl Eduard Gesell, Potsdam). 1911 wurde diese durch eine bis heute im Gebrauch befindliche Walcker-Orgel (Opus 1615, E. F. Walcker & Cie, Ludwigsburg) ersetzt. Sie wurde 1992 gründlich überholt und technisch erneuert.

An jedem Sonn- und Feiertag wird in dieser Kirche Gottesdienst gefeiert, wenn auch die ortsansässige Gemeinde stetig kleiner wird. Wie in allen Großstädten der Welt ist die Innenstadt von Buenos Aires kaum mehr bewohnt. Doch die Kirche atmet einen lebendigen Geist. Aus allen Teilen des Landes zieht sie Besucher an und Gäste aus der ganzen Welt. Sie kommen hierher, weil sie eine Beziehung zu dieser Kirche haben, als evangelische Christen und Kirchenmitglieder, nicht selten aufgrund einer persönlichen Erinnerung, gelegentlich aus einem allgemeinen bau-, kultur- oder wie auch immer geschichtlichen Interesse, oder aber auch bloß zufällig, als im Vorübergehen hereinschauende Touristen.

Sie ist für sie alle da. In lokaler Perspektive verdichtet sich ihr Bild zu einem institutionellen Wahrzeichen. Die Fassade der Kirche ziert das Stempelsiegel aller Parochien der Deutschen Evangelischen Gemeinde in Buenos Aires. Individuell gesehen berührt sie eine sehr viel weiter reichende und tiefer gehende Dimension. Das gepflegte kleine Gebäude erscheint als die Stein gewordene Zusage, dass hier der Glaube zu Hause sei, der den Herrn der Kirche als den Herrn der Welt erkennt und ehrt.

Aus der Distanz betrachtet fasziniert am Ende das ihr eigene Ineinander von Grenzüberschreitung, Tradition, Stolz und Bescheidenheit, Solidität und Größe. Diese kleine Kirche wirkt nicht fehl am Platz, sie steht auf keinem verlorenen Posten. Wie selbstverständlich ist sie da, im Lärm und Gedränge einer Metropole, ein Abbild, vielleicht Vorbild, jedenfalls Beispiel für das Dasein von Kirche in der Welt.

 


Dr. Dagmar Ludwig, Göttingen
E-Mail: dagmar.ludwig@theologie.uni-goettingen.de

 

Für weitere Auskünfte:
Pastor emérito Federico H. Schäfer, Buenos Aires
E-Mail: federicohugo1943@hotmail.com

Literatur:

Evangelische Kirche am La Plata /
Iglesia Evangélica del Río de la Plata, IERP
Iglesia Evangélica del Río de la Plata

Deutsche Evangelische Gemeinde in Buenos Aires /
Congregación Evangélica Alemana en Buenos Aires, CEABA

Gemeindebezirk Zentrum /
Parroquia Centro

Abbildungen:


Buenos Aires, Stadtkirche der
Evangelischen Kirche am La Plata, Frontansicht


Buenos Aires, Stadtkirche der
Evangelischen Kirche am La Plata, Altarraum