Der Ratzeburger Dom – Ort des Heils

Gert-Axel Reuß


Domschatten, © Stephanie von Scheden

I.

Im Jahr 2021 jährt sich die Gründung des Prämonstratenser-Ordens zum 900. Mal. Dieses Jubiläum ist für den Ratzeburger Dom von einiger Bedeutung, denn die Errichtung des Ratzeburger Bistums und die Gründung des Doms sind eng mit diesem ‚Missions-Orden‘ verbunden.

1154 gewährte Friedrich Barbarossa seinem Cousin Heinrich dem Löwen das königliche Recht der Investitur für die drei Bistümer Oldenburg (Lübeck), Mecklenburg (Schwerin) und Ratzeburg. Der Herzog fand in Evermod (1154 – 1178), dem Propst des Magdeburger Prämonstratenserklosters ‚Unser Lieben Frauen‘, seinen ‚Gründungsbischof‘ für Ratzeburg. Das genaue Datum der Grundsteinlegung des Ratzeburger Doms ist nicht bekannt. [1]

Der Fortgang der Bauarbeiten und die weitere Gestaltung des Doms wurden außerdem von dem zweiten Ratzeburger Bischof Isfried (1180 – 1204) stark beeinflusst. Der Bischof, der als Beichtvater Heinrich des Löwen sogar an dessen Sterbebett anwesend war, war zuvor Propst des Prämonstratenser-Klosters Jericho gewesen und konnte den Bau der dortigen Stiftskirche vor seiner Bischofsweihe vollenden. [2]

Der vor dem Dom aufgestellte und den Vorplatz beherrschende bronzene Löwe [3] erinnert noch heute an glanzvollen Namen des Herzogs von Sachsen und Bayern (1142 bzw. 1156 – 1180). Daneben sollte der beiden Prämonstratenser-Bischöfe Evermod und Isfried gedacht werden, die beide im Dom begraben liegen. An diese ersten Ratzeburger Bischöfe erinnern heute schlichte mittelalterliche Gedenkplatten. [4]


Blick von Nordosten © Dr. Friedemann Rößler

II.

Gegenüber den Monumentalbauten der Moderne erscheint der Ratzeburger Dom verhältnismäßig klein. Er ist in seinen Maßen [5] der kleinste der drei „Löwendome“. Der Lübecker Dom folgt in seinem ursprünglichen Grundriss dem Ratzeburger Vorbild, hat jedoch ein um ein Drittel größeres Grundmaß.

Einzigartig macht den Ratzeburger Dom jedoch seine herausgehobene Lage auf der Nordspitze einer Insel im Ratzeburger See. Von welcher Seite man sich der Inselstadt auch nähert, der Dom zieht noch heute alle Blicke auf sich, weckt Ehrfurcht und Staunen. Um wieviel größer muss diese Wirkung gewesen sein, als die Stadt noch nicht in die Moderne entwickelt und städtebaulich an ganz anderen Bedürfnissen ausgerichtet war. [6]

Nach der Gründung des Bistums 1154 wurde der Ratzeburger Dom als zentrales Gotteshaus der Region erbaut. Das Kloster mit den Tagzeitengebeten sicherte dieser Kirche ein ständiges gottesdienstliches Leben und machte den Ort zu einem sichtbaren bzw. hörbaren Zeichen der Anwesenheit Gottes in dieser Welt.

Die Wahl des Bauplatzes war keinem Zufall geschuldet. Die Nordspitze dieser Insel war schon in vorchristlicher Zeit ein wichtiges Heiligtum [7]. Der Dom ist nicht nur ein Ort des Heils, er steht auch auf einem „heiligen Ort“ – also einem besonderen Ort in der Natur, an dem sich die Menschen schon in vorchristlicher Zeit dem Göttlichen besonders nahe fühlten.

Im Stil einer romanischen Basilika errichtet, knüpft der Dom in seiner Bauform ganz bewusst an damals vorhandene Vorstellungen des Jerusalemer Tempels [8] an, welche seinen Charakter als Wallfahrtskirche noch unterstreichen. [9]

Der Ratzeburger Dom gilt als die Vollendung der norddeutschen Backstein-Romanik und hat in der spätromanischen Stiftskirche des Prämonstratenser-Klosters in Jericho/Sachsen-Anhalt ein unmittelbares Vorbild.


Blick von Westen © Uwe Schliestedt

III.

Die nördliche Spitze der Inselstadt ist in vielerlei Hinsicht vom Alltag der Menschen getrennt.1 Von Wasser umgeben liegt der Dom abseits der Verkehrsströme und ist doch zugleich eine sichtbare Landmarke. [10]

So ist der Ratzeburger Dom ein Anziehungspunkt aus der Distanz. Er symbolisiert eine Zusammengehörigkeit, die über die Funktion einer Stadt- oder Dorfkirche weit hinausgeht. Die Stadtgemeinde versammelt sich an anderen Orten bzw. in anderen Kirchen. Der Dom ist die Kirche für die besonderen Anlässe und Gelegenheiten, ein Zuhause auf Zeit; nicht zufällig spielt die Kirchenmusik hier eine herausragende, überregionale Rolle.

In den Räumen des Domklosters hat sich seit ca. 30 Jahren mit dem Pastoralkolleg der Nordkirche (vorher: der Nordelbischen Kirche) die Fort- und Weiterbildung der Pastorinnen und Pastoren etabliert. Vor etwas mehr als 10 Jahren kam mit dem Prediger- und Studienseminar die Ausbildung der Vikarinnen und Vikare hinzu. Hier leben Mitarbeitende der Vorwerker Diakonie und bewirten die Gäste des Gästehauses Domkloster und des Café Bischofsherberge.

Pfingsten 2012 wurde im Ratzeburger Dom die Gründung der Nordkirche vollzogen und gefeiert.

Der Ratzeburger Dom hat sich seinen klösterlichen Charakter als Wallfahrtskirche bewahrt und wird von vielen Touristinnen und Touristen besucht – die Zahl der Besuchenden scheint im „Corona-Sommer 2020“ sogar noch zugenommen zu haben. Der Dom mit dem Kreuzgang und seinem Klosterinnenhof wird als Ort der individuellen Stärkung und Sinnsuche aufgesucht und kommt damit den Bedürfnissen des modernen Menschen entgegen. Die dicken Mauern aus rotem Backstein versprechen Schutz und Geborgenheit und bilden zugleich einen Rahmen für viele Gedanken und Gebete.


Blick von Oben © coraxfilm

IV.

Im Ratzeburger Dom spiegelt sich eine wechselvolle Baugeschichte, die den heutigen Betrachterinnen und Betrachtern kaum noch ins Auge springt. Dabei hat der Innenraum der Kirche bei einer großen Sanierung 1954 – 1966 eine radikale Neugestaltung erfahren. Barocke Stilelemente (Hauptaltar, Epitaphe) wurden an die Seite gedrängt, die Zwei-Teilung der Kirche wurde durch die Absenkung des Chorraums auf das vermutete frühere Niveau aufgehoben, die Kanzel von ihrem ursprünglichen Platz um ein Joch näher an das Querhaus gerückt.

Was von den Architekten damals als Re-Romanisierung betrieben wurde, war zugleich der Versuch, eine klassische Klosterkirche zur Gemeindekirche umzugestalten. Die Gemeinde, die im normalen Gottesdienst im Hauptschiff sitzt, hat jetzt sowohl die Kanzel als auch den Altar im Blick. Auch die bronzene Taufe hat unterhalb der Kanzel ihren Platz gefunden. [11]

An der Stelle des barocken Hauptaltars steht jetzt der 1552 geplünderte gotische Apostelaltar [12] in der Apsis. Die Leerstellen als sichtbare Spuren der damaligen Verwüstungen laden ein, die ‚Gemeinschaft der Heiligen‘ neu zu denken. Diesem Nachdenken hilft der Bildhauer Ernst Barlach, dessen ‚Bettler auf Krücken‘ seit 1978 im Klosterinnenhof zu sehen ist. [13]

Eine Art Schlusspunkt der baulichen Umgestaltung bildete 2014/2015 die Neugestaltung des westlichen Kreuzgangs, der bis dahin als Lagerraum genutzt wurde. Ein Ersatzgebäude wurde errichtet, so dass eine Durchgängigkeit des Kreuzgangs erreicht werden konnte. [14] Durch diese Umnutzung ist heute der Klosterinnenhof ganz anders erlebbar. Die Zusammengehörigkeit von Dom und Kloster wird unterstrichen.


Apostelaltar © Gert-Axel Reuß

Fußnoten:

[1] Die Gründungsurkunde des Lübecker Doms ist vorhanden. Dort heißt es, dass sich Heinrich der Löwe verpflichtet, zum Bau der (Lübecker) Kirche wie schon in Ratzeburg mit einem jährlichen Betrag von 100 Mark Silber beizutragen. Die Urkunde datiert auf das Jahr 1173. In Ratzeburg dürfte zwischen 1160 und 1170 mit dem Bau des Doms begonnen worden sein.
Als Evermod 1178 starb konnte er bereits im südlichen Querschiff beigesetzt werden.

[2] Lt. wikipedia-Artikel https://de.wikipedia.org/wiki/Kloster_Jerichow, abgerufen am 06.08.2020, wurde die Kirche 1172 fertiggestellt.

[3] Meines Wissens ist der „Ratzeburger Löwe“ der älteste Bronze-Abguss des Braunschweiger Löwen.

[4] Im Altarraum erinnern acht rechteckige Gedenkplatten aus gotländischem Kalkstein an die ersten Ratzeburger Bischöfe – nicht nur an Evermod und Isfried.

[5] Nach der Recherche von Domprobst Hans-Jürgen Müller beträgt das Grundmaß 24 karolingische Fuß (8,28 m). Zu den Maßen, s. Georg Krüger, Kunst- und Geschichtsdenkmäler des Freistaates Mecklenburg-Strelitz, II. Band: Das Land Ratzeburg, Neubrandenburg 1934, S. 76 Die Maße des Ratzeburger Doms sind:
Länge der Kirche:64,44 m (mit den Mauern)
Länge des Hauptschiffs ohne die Mauern:60,57 m
Breite der Kirche mit der Kapelle (Lauenburger Chor):29,43 m (einschl. der Mauern)
Breite der Kirche ohne die Mauern (Querhaus):22,57 m
Breite des Hauptschiffs ohne die Mauern:8,28 m
Breite des Querschiffs ohne die Mauern:8,28 m
Breite der Seitenschiffe ohne die Mauern:4,28 m
Turmhöhe:etwa 48 m
Ganze Höhe der Kirche bis zum Dachfirst:26 m
Größte Höhe des Hauptschiffs (Innenmaß):17,29 m
Größte Höhe der Seitenschiffe (Innenmaß):8,28 m

[6] Nach der Zerstörung 1693 wurde die Stadt nach dem Mannheimer Vorbild neu aufgebaut und das mittelalterliche Straßennetz – mit Ausnahme der Domhalbinsel – getilgt, vgl. Anm. 10.

[7] Der Dom hat vermutlich ein dort vorhandenes Heiligtum der slawischen Göttin Siwa überbaut.

[8] Im DKV_Kunstführer Nr. 283, Der Dom zu Ratzeburg, z.B. 5. Auflage 2013 gibt Hans-Jürgen Müller eine ausführliche Darstellung der „Predigt des Ratzeburger Domes“ (S. 13 ff).

[9] Mit dem Bau des Doms eng verbunden ist die Translatio des 1066 als Märtyrer gestorbenen Abts des ganz in der Nähe gelegenen Klosters St. Georg auf dem Berge. Die Gebeine des Ansverus galten im Mittelalter als die wichtigsten Reliquien des Ratzeburger Doms. Sein Todestag am 15. Juli war ein wichtiges überregionales Heiligenfest, welches dem Dom und dem Kloster – und auch der Stadt Ratzeburg – beträchtliche Einnahmen sicherte.

[10] Die Streitigkeiten zwischen dem Bischof bzw. dem Domkapitel und dem lauenburgischen Herzog führten 1554 dazu, dass das säkularisierte Hochstift zu Mecklenburg kam und mit dem westfälischen Frieden 1648 als Fürstentum Ratzeburg endgültig dem Einflussbereich der Mecklenburger Herzöge zugesprochen wurde, während die Stadt Ratzeburg zeitweise die Residenz der Lauenburger Herzöge war.
Nach der Belagerung und Zerstörung der Stadt Ratzeburg 1693 – der Dom war weitgehend erhalten geblieben – wurde die Stadt nach Mannheimer Vorbild neu errichtet, während der Straßenverlauf auf der (mecklenburgischen) Domhalbinsel ‚mittelalterlich‘ blieb.

[11] Die Architekten der Sanierung 1954 – 1966 hatten im südlichen Querhaus eine Taufkapelle geschaffen, die gut 10 Jahre später auf Betreiben des damaligen Domprobsts aus theologischen Gründen aufgehoben wurde. Sein Argument: Die Taufe gehöre in die Gemeinde – und also in den Hauptgottesdienst.

[12] Der lauenburgische Herzog versuchte, die Wirren der Reformation zu nutzen, um den Dom und das Bistumsland unter seine Kontrolle zu bringen. 1552 ließ er den Dom von Söldnern besetzen, die nach Zahlung eines Lösegelds durch das Domkapitel nach drei Monaten wieder abzogen. Seitdem ist das zentrale Feld des Apostelaltars (Mittelteil der 3. Wandlung) zerstört.
Es gab verschiedene Versuche, die entstandene Lücke zu füllen. Der Einbau einer steinernen Passionstafel überdauerte die Zeit. Von den Silberfiguren ist einzig die Christusfigur erhalten.

[13] Der Abguss der ursprünglich für die Lübecker Katharinenkirche geschaffenen Figur ist eine Schenkung der Familie Barlach. Die Aufstellung geht auf die Initiative des damaligen Domprobsts zurück, vgl. auch Anm. 7.

[14] Der westliche Flügel des Kreuzgangs ist baulich nie vollendet worden. Im Mittelalter waren vermutlich Schuppen zur Aufnahme von Gerätschaften an die begrenzende Außenmauer angebaut, die über die Jahrhunderte zu einem Westflügel des Kreuzgangs ausgebaut wurden. Eine liturgische Funktion hat dieser Gebäudeteil nie gehabt.

 


Gert-Axel Reuß, Ratzeburg
E-Mail: gertaxel.reuss@ratzeburgerdom.de