"Denn gerechtfertigt zu werden, das bedeutet zu glauben."

Auf dem Weg zur Reformation -
Ausgewählte Passagen aus Luthers Römerbriefvorlesung

Aus dem Lateinischen von
Dagmar Ludwig

Vorrede

Die Reformation, die vor 500 Jahren in Wittenberg ihren Ausgang nahm, möchte in ihrer Verwirklichung am Ende noch vor uns liegen. Wer Luthers Römerbriefvorlesung aus dem Jahre 1515/16 mit den Augen des Historikers liest, wird sich in dieser Vermutung vielfach bestätigt finden. Die von Luther in der Auseinandersetzung mit dem Brief des Paulus an die Römer formulierten Einsichten reichen über den Tag hinaus, mag auch das, was wir als die "reformatorische Entdeckung" Luthers bezeichnen, in späteren Äußerungen und Schriften prägnanter oder breitenwirksamer ausgedrückt worden sein.

Gleichwohl, die theologischen Kernthemen der Reformation sind Gegenstand des Römerbriefs und damit von Luthers Vorlesung. Es geht in den hier vorgelegten Kapiteln um "die Gerechtigkeit Gottes" als "Gerechtigkeit, die vor Gott gilt", das Evangelium als "Gottes Kraft" (Röm. 1, 16-17), um die "Rechtfertigung des Gottlosen, allein aus Glauben und durch Gnade allein" (Röm. 3), und um den "Glauben, der aus dem Hören kommt" (Röm. 10, 16-17); wenige Jahre später, 1522, wird Luther übersetzen: "aus der Predigt".

Luther hielt seine Vorlesung in lateinischer Sprache, im Einklang mit dem Text der lateinischen Bibelübersetzung, der Vulgata. In den "Scholien" genannten Erklärungen zeichnete er seine Auslegung zuvor auf. Mehr oder weniger knappe Notizen, sog. "Glossen", stehen zwischen den Zeilen oder am Rand seines Römerbriefexemplars. Für den dritten Teil dieser Auswahl werden sie mit herangezogen, im Übrigen folgt die deutsche Übersetzung dem Text der Scholien (nach Bd. 56 der kritischen Gesamtausgabe der Werke Martin Luthers, Abteilung Werke [WA], im Internet frei zugänglich unter www.lutherdansk.dk/WA%2056/).

An Verständlichkeit, Deutlichkeit fehlt es diesen Ausführungen nicht. Die Übersetzung trägt dem bewusst Rechnung. Sie präsentiert Luthers Text ohne weitere Zusätze. Wo nötig, sind erläuternde Fußnoten beigefügt. Im Text werden in eckigen Klammern lediglich die Fundstellen der zitierten Bibelverse nachgewiesen sowie für diejenigen, die auf die gedruckte Ausgabe der Römerbriefvorlesung zurückgreifen möchten, die jeweiligen Seitenzahlen der WA.

Zum 31. Oktober 2017       Ulrich Nembach - Dagmar Ludwig

Martin Luther, Der Brief an die Römer (Epistola ad Romanos)

1. Die Scholien zu Römer 1, 16-17

[169] "Denn es ist eine Kraft Gottes" [1, 16]. Zu beachten ist, dass "Kraft" (virtus) an dieser Stelle dasselbe bedeutet wie "Stärke" (potentia) oder "Macht" (potestas) -"Möglichkeit" (muglickeit), ganz einfach "ein Vermögen" (possibilitas) -, und "Kraft Gottes" nicht die, durch die er selbst, formal, in sich selber mächtig ist, sondern die, mit der er mächtig und tüchtig/tauglich [170] macht. Wie man sagt: "Gabe Gottes", "Geschöpf Gottes" "Sache Gottes", so auch "Kraft Gottes" (d. h. Macht, die von Gott kommt). Wie in Apg. 4: "Mit großer Kraft legten die Apostel Zeugnis ab von der Auferstehung Jesu Christi" [Apg. 4, 33]. Und in Apg. 1: "Aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird" [Apg. 1, 8]. Ebenso am Schluss des Lukas-Evangeliums: "bis ihr angetan werdet mit Kraft aus der Höhe" [Luk. 24, 49]. Und Luk. 1: "und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten" [Luk. 1, 35].

Zu beachten ist zweitens, dass "Gottes Kraft" im Gegensatz zur Kraft des Menschen steht, welche die Stärke ist, durch die der Mensch tüchtig ist und frei wird nach dem Fleisch und durch die jemand das zu tun vermag, was Sache des Fleisches ist. Doch diese hat Gott im Innersten aufgehoben durch Christi Kreuz, um uns seine Kraft zu geben, durch die der Geist tüchtig ist und frei wird und durch die jemand das zu tun vermag, was Sache des Geistes ist. Psalm 59: "Menschenhilfe ist wertlos. Mit Gott werden wir Mächtiges tun" [Psalm 59 [60], 13-14]. Und Psalm 32: "Es rettet der König sich nicht durch die große Streitmacht; der Held wird sich nicht retten dank der Fülle seiner Kraft. Täuschung ist das Ross zur Befreiung, trotz all seiner Kraft errettet es nicht" [Psalm 32 [33], 16].

Folglich ist es dasselbe zu sagen: Das Evangelium ist Gottes Kraft - d. h. das Evangelium ist die Kraft des Geistes oder der Reichtum, die Waffen, die Rüstung und alles Gut ebendieses Geistes, von dem er all sein Vermögen hat, und das von Gott - wie wenn man sagt: Reichtum, Waffen, Gold, Silber, Herrschaftsmacht und anderes dergleichen sind die Kraft der Menschen, durch die sie hauptsächlich in der Lage sind zu tun, was immer sie tun, und ohne die sie nichts vermögen. Aber diese muss, wie ich gesagt habe, ganz und gar zerschlagen werden, jedenfalls was die Leidenschaft für sie angeht; sonst wird Gottes Kraft nicht in uns sein. Die Reichen nämlich und die Mächtigen nehmen das Evangelium nicht an, also auch Gottes Kraft nicht, denn es steht geschrieben: "Den Armen wird das Evangelium gepredigt" [Matth. 11, 5]. Dagegen "verlassen sie sich" (wie in Psalm 48) "auf ihr Vermögen und rühmen sich der Größe ihres Reichtums" [Psalm 48 [49], 7]. Von daher:

ist drittens zu beachten, dass bis zum heutigen Tag, wer nicht wahrhaft glaubt, sich nicht nur des Evangeliums "schämt" [1, 16], sondern ihm sogar widerspricht, jedenfalls mit dem Herzen und mit dem Tun. Der Grund: Weil er, solange ihm das gefällt und er das denkt, was Sache des Fleisches und der Welt ist, zwangsläufig nicht das denkt und ihm das nicht gefällt, was Sache des Geistes und Gottes ist. Und so schämt er sich nicht nur, es [das Evangelium] anderen weiterzusagen, sondern er widersetzt sich ihm sogar und will nicht, dass es ihm selber gesagt wird, denn er hasst das Licht und ,liebt die Finsternis mehr' [Joh. 3, 19]; darum erträgt er es nicht, dass ihm die heilsame Wahrheit gesagt wird.

Nichtsdestoweniger ist "sich des Evangeliums zu schämen" der Fehler und [171] die Feigheit des kirchlichen Würdenträgers, zu widersprechen dagegen und nicht zu hören ist der Fehler und die Torheit des Laien, insofern nämlich der Prediger sei es die Macht, sei es die Vorliebe, sei es die Masse der Hörer fürchtet und die notwendige Wahrheit verschweigt und der unvernünftige Hörer das geringe Ansehen und die Niedrigkeit des Wortes verachtet. Wodurch diesem entweder eine gewisse Torheit begegnet oder eine Art Gefasel, 1. Kor. 2: "Der natürliche Mensch nimmt nicht an, was von Gottes Geist kommt; Torheit ist es für ihn und er kann es nicht erkennen" [1. Kor. 2, 14]. Und Röm. 8: "Fleischlich gesinnt sein ist Feindschaft gegen Gott, da das Fleisch dem Gesetz Gottes nicht untertan ist; es vermag das auch nicht" [Röm. 8, 7].

Daher die Schlussfolgerung: Wer dem Evangelium glaubt, muss vor den Menschen schwach und töricht werden, damit er mächtig und weise in der Kraft und Weisheit Gottes sei. Denn 1. Kor. 1: "Was schwach und töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, um Stärke und Weisheit zuschanden zu machen. Und die Schwachheit und Torheit Gottes ist stärker und weiser, als die Menschen sind" [1. Kor. 1, 27. 25]. Wenn du also hörst, die Kraft Gottes sei alsbald verworfen worden, so erkenne darin die Kraft der Menschen oder der Welt und des Fleisches.

Es muss also alle Kraft, Weisheit, Gerechtigkeit verborgen sein, begraben werden, nicht zu sehen sein, ganz nach dem Bild und dem Gleichnis Christi, der ja sich selber so erniedrigt hat, dass er Macht, Weisheit und Glanz ganz und gar verborgen und sich vielmehr in Schwachheit, Torheit und Anstößigkeit erzeigt hat [vgl. Phil. 2, 7]. Also ist es ähnlich notwendig, dass wer mächtig, weise, anziehend ist, damit so umgeht, als wäre er es nicht. Und darum ist das Leben der Fürsten der Welt und der Juristen höchst gefährlich; dazu kommen auch die, die ihre Position durch Macht und Weisheit zu erhalten vermögen. Denn wenn dies nicht zu sehen wäre und ein klein wenig verborgen, gelten sie vor sich selbst im Innersten nichts. Wenn es das aber ist, ja, dann ist "der Tod im Topf" [vgl. 2. Kön. 4, 40], zumal es ihrem Selbstgefühl gut gefällt, dass dies den Menschen vor Augen steht und von ihnen geschätzt wird. Es ist jedenfalls schwer, dem eignen Gefühl zu verbergen und ebendas zu verachten, was bei allen Eindruck macht und anerkannt ist.

"Die Gerechtigkeit wird offenbart" [1, 17]. In den menschlichen Wissenschaften wird die Gerechtigkeit der Menschen offenbart und gelehrt, d. h. wer und wie jemand vor sich selbst und vor den Menschen gerecht ist und wird. Doch im Evangelium allein wird die Gerechtigkeit Gottes (d. h. wer und wie jemand vor Gott gerecht [172] ist und wird) offenbart kraft des Glaubens allein, mit dem man Gottes Wort glaubt. Wie es am Ende des Markus-Evangeliums heißt: "Wer da glaubt und getauft wird, wird gerettet werden; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden" [Mark. 16, 16]. Denn die Gerechtigkeit Gottes ist die Ursache des Heils.

Und hier darf wiederum die "Gerechtigkeit Gottes" nicht als die aufgefasst werden, durch die er gerecht ist in sich selbst, sondern als die, durch die wir von ihm her gerechtfertigt werden, was kraft des Glaubens an das Evangelium geschieht. --- Von daher heißt es bei Augustinus, Kap. XI in ,De spiritu et littera': "Sie wird darum Gerechtigkeit Gottes genannt, weil er dadurch, dass er sie zuteilt, gerecht macht. Wie auch das Heil des Herrn das ist, durch das er heil macht." Dies sagt er auch dort in Kap. 9.[1]

Und so wird es im Unterschied zur Gerechtigkeit der Menschen gesagt, die aus den Werken entsteht, wie Aristoteles im 3. Buch der Ethik klar definiert, wonach die Gerechtigkeit sich aus den Taten ergibt und so entsteht.[2] Aber bei Gott geht sie den Werken voraus, und die Werke entstehen aus ihr. --- Wie beispielsweise nur der die Handlungen eines Bischofs oder Priesters vornehmen kann, der zuvor geweiht und diesbezüglich geheiligt worden ist, so sind die gerechten Werke von noch nicht Gerechten wie das Tun eines Menschen, der die Handlungen eines Priesters und Bischofs vornimmt, obwohl er noch nicht Priester ist, d. h. töricht und lächerlich und Gaukelspielen gleich. ---

Zweitens ist zu beachten: Die Wendung "aus Glauben in Glauben" [1, 17] wird in verschiedener Weise ausgelegt. Lyra will es so: "aus dem ungestalteten Glauben auf den gestalteten Glauben zu".[3] Was nun aber überhaupt nichts taugt, weil aus ungestaltetem Glauben kein Gerechter lebt und aus ihm auch Gottes Gerechtigkeit nicht kommt, was er hier gleichwohl beides behauptet. Es sei denn, er will den ungestalteten Glauben als den Glauben der Anfänger verstehen und den gestalteten Glauben als den der Vollkommenen. Ungestalteter Glaube ist ja kein Glaube, sondern eher eine Vorlage des Glaubens. Ich jedenfalls [173] glaube nicht, dass jemand in ungestaltetem Glauben glauben kann. Aber das kann er sehr wohl: sehen, was man glauben soll, und dabei dann unentschieden bleiben.

Andere [deuten es] so: "Aus dem Glauben der Väter des alten Bundes in den Glauben des neuen Bundes hinein".[4] Auch diese Auslegung wird noch vertreten, obgleich sie zurückgewiesen und offensichtlich widerlegt werden kann. Damit nämlich, dass der Gerechte eben nicht aus dem Glauben der Vorfahren lebt, da er [Paulus] doch sagt: "Der Gerechte wird aus Glauben leben" [Zitat: Hab. 2, 4 in Röm. 1, 17]. Die Väter haben dasselbe geglaubt wie wir. Es ist ein Glaube, wenngleich bei ihnen etwas undeutlicher, so wie die Gelehrten auch nur dasselbe glauben wie die Ungebildeten, freilich auf klarere Weise.

Daher scheint gemeint zu sein, dass die Gerechtigkeit Gottes ganz und gar aus dem Glauben kommt, freilich so, dass dieser beim Fortschreiten nicht zum ,Schauen' [2. Kor. 5, 7] gelangt, sondern allezeit zu klarerem Glauben, gemäß jenem Wort 2. Kor. 4: "Wir werden verwandelt von einer Klarheit zur anderen", usw. [2. Kor. 3, 18].[5] Ebenso: "Sie gehen von einer Kraft zur anderen" [Psalm 83 [84], 8], und genauso auch "aus Glauben in Glauben", jederzeit immer weiter im Glauben, so dass, "wer gerecht ist, weiter gerechtfertigt werden wird" [Offb. 22, 11][6], damit nicht gleich jemand meint, er habe es ,ergriffen' [Phil. 3, 13], und so aufhört voranzugehen, d. h. beginnt zurückzufallen. --- Der selige Augustinus [deutet es] in Kap. XI von ,De spiritu et littera' so: "Aus dem Glauben der Verkündiger in den Glauben der Gehorsamen."[7] Paul von Burgos: "Aus dem Glauben (nämlich sozusagen als Ausgangspunkt) der Synagoge zum Glauben der Kirche (sozusagen als Zielpunkt)."[8] Doch der Apostel sagt, dass die Gerechtigkeit aus dem Glauben kommt, allerdings hatten die Heiden keinen Glauben, aus dem sie, in einen anderen geführt, gerechtfertigt werden würden. ---

2. Die Scholien zu Römer 3

[209] "Was haben denn die Juden voraus, oder was nützt die Beschneidung?" [3, 1]

Weil er [Paulus] die Juden nach dem Fleisch und die Beschneidung am Fleisch verurteilt hatte, schien er diese für nutzlos zu halten und zu behaupten, sie sei vergebens eingesetzt worden. Das ist nicht so. Deshalb zeigt er in diesem Kapitel, wozu sie und das Judentum nützlich gewesen sind.

1. Im Wesentlichen besteht jener Nutzen ja doch darin, dass "geglaubt worden ist, was Gott geredet hat" [3, 2][9], d. h. dazu war die Beschneidung von Nutzen, dass in ihr die Verheißungen Gottes geglaubt wurden und darum erwartet, und dies hat der Jude den Heiden voraus; ihnen hat Gott nichts verheißen, sondern aus reiner Barmherzigkeit hat er ihnen in der Zeit der Erfüllung gewährt, sie den Juden gleichzustellen. Gegenüber den Juden aber war er nicht nur barmherzig, sondern auch wahrhaftig, weil er die verheißene Barmherzigkeit erzeigt hat. Von daher wird dieses beides in der Schrift oft miteinander verbunden, die Barmherzigkeit und die Wahrhaftigkeit. Wie unten, Kap. 15: "Ich sage, Christus Jesus sei ein Diener der Beschneidung geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, zu bestätigen die Verheißungen an die Väter; die Heiden indessen sollen Gott loben angesichts der Barmherzigkeit", usw. [Röm. 15, 8 f.].

Und beachte auch, dass er [Paulus] nicht sagt: Geglaubt worden ist von ihnen, was Gott geredet hat, sondern, wie es im Griechischen heißt: "Geglaubt worden ist, was Gott geredet hat", wobei er sich nicht dazu äußert, von wem, weil sofort der Einwand da war, den er nachfolgend beantwortet: Dass es nicht von allen geglaubt worden ist.

Gemeint ist folglich: Das ist das Besondere, dass die Beschneidung nicht allein ihr selbst nützlich war, sondern der ganzen Welt, weil in ihr geglaubt worden ist, was Gott [210] geredet hat - d. h. sich welche fanden, die geglaubt haben, was Gott geredet hat, und so die Verheißung der Barmherzigkeit und der Gnade Gottes, die jetzt auch den Heiden zuteil geworden sind, aufgenommen haben. Wäre es dort nicht geglaubt worden, wäre es nirgends geglaubt worden und darum die Verheißung der Barmherzigkeit nicht angenommen. Folglich war sie [die Beschneidung] in jeder Hinsicht von Nutzen für die künftige Gerechtigkeit, wenngleich sie selbst nicht gerecht macht.

Alsdann beantwortet er den Einwand, dass dort nicht geglaubt worden sei, was Gott geredet hat, weil nicht alle geglaubt haben; darum habe die Beschneidung und der Jude nichts voraus, und sie sei auch nicht von Nutzen gewesen. Er entgegnet: "Dass aber einige nicht geglaubt haben, was liegt daran? Sollte ihre Ungläubigkeit Gottes Glauben / Treue aufheben?" [3, 3][10] D. h. da dort geglaubt worden ist, was Gott geredet hat, steht die Verheißung bereits fest, hat sich Gott bereits verbürgt, und da er wahrhaftig ist, wird die Verwirklichung erwartet. Wenn aber die Verheißung angesichts ihrer Gläubigkeit feststeht, wird die Ungläubigkeit von irgendwem Gottes Verlässlichkeit und Wahrhaftigkeit keinesfalls aufheben können.

Folglich ist die Beschneidung außerordentlich nützlich gewesen, weil durch sie Gottes Verheißung ergriffen und bekräftigt worden ist. Woraufhin die Erfüllung in Anbetracht der Wahrhaftigkeit Gottes umso gewisser erwartet werden sollte. So spricht der Herr, Joh. 4: "Das Heil kommt von den Juden" [Joh. 4, 22], wenn auch die Juden als solche noch nicht gerettet sind. Wichtiger nämlich nimmt Gott seine Wahrhaftigkeit in der Verheißung um des Glaubens von Wenigen willen, als dass er angesichts der großen Anzahl von Ungläubigen seine Verheißung ungültig machte. Denn Gott (ent)täuscht nicht, sondern ist wahrhaftig.

2. Oder es kann auf das Mitteilen des Evangeliums bezogen werden, dass nämlich zuerst den Juden das Wort verkündet werden musste, Apg. 13 [V. 46], um der Verheißungen Gottes willen. Und so ist es von den Juden ja auch zu den Heiden gekommen. Dann ist die Beschneidung deswegen auffallend nützlich gewesen, weil sie gewürdigt worden ist, das Gesetz des Evangeliums aufzunehmen, an dem später auch die Heiden Anteil haben sollten. Dies ist dann das "Mehr der Juden" gewesen, dass nicht sie von den Heiden, sondern die Heiden von ihnen empfangen haben, was Gott geredet hat. Allerdings ist der erste Gedanke besser. Denn wenn es vom Mitteilen des Evangeliums her gesagt wird, dann ist der Vorzug der Juden nicht allein, dass sie haben, was Gott geredet hat, sondern auch Gaben und Gnade waren eher bei ihnen, ja, dann wäre es sogar die Ansicht des Apostels, dass die Vornehmsten und der vorzüglichste und edlere Teil der Kirche von ihnen herkommen.

Gemeint ist: Nicht deshalb hat der Jude oder die Beschneidung nichts voraus, weil manche nicht geglaubt haben - es genügt, dass einige geglaubt haben, durch deren Glauben die Verheißung erfüllt und aufgenommen worden ist. Und entsprechend besteht das Mehr bei ihnen darin, dass sie Gottes Reden vor den Heiden gehabt haben. Siehe später Kap. 9: "Nicht, dass hinfällig geworden wäre Gottes Wort" [Röm. 9, 6], d. h. die Verheißung -, sondern weil viele nicht geglaubt haben. Angesichts dessen nämlich scheint er sein Volk verstoßen und seine Verheißungen nicht erfüllt zu haben. Folglich sind [211] die Reden nicht geglaubt worden, und damit hat der Jude nichts vor dem Heiden voraus. Aber ihre "Ungläubigkeit wird Gottes Treue nicht aufheben" [3, 3], d. h. es wird keinen Grund geben, weswegen man sagen müsste, Gott sei nicht wahrhaftig, denn er "hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor erwählt hat" [Röm. 11, 2]. Denn nicht alle sind sein Volk, die es nach dem Fleisch sind, sondern die, die es nach der Verheißung sind [vgl. Röm. 9, 8]; an ihnen hat er sie jedenfalls erfüllt, weil er sie auch ihnen allein verheißen hat. Lasst es uns deshalb so miteinander in Beziehung setzen:

"Zum Ersten" (d. h. vor allem oder insbesondere): ihnen ist [an]vertraut, was Gott geredet hat" (3, 2), d. h. sie verdienten es, die Verheißungen im Gesetz zu empfangen, was den Heiden schlechterdings nicht gewährt worden ist. Deshalb sagt er [Paulus] später in Kap. 15, dass er [Gott] den Juden, weil er wahrhaftig ist, den Heiden aber, weil er barmherzig ist, Christus gegeben hat [Röm. 15, 8 f.]. Denn nicht den Heiden, sondern den Juden hat er ihn verheißen, bei denen seine Reden aufgenommen worden sind durch den Glauben.

Wenn du aber nun einwendest: Wenn er der Beschneidung verheißen hat bzw. wenn seine Reden in ihr geglaubt worden sind, dann hätte die Verheißung doch auch so an ihr verwirklicht werden müssen, dass alle, die von der Beschneidung herkommen, ihr gefolgt wären, anderenfalls scheine er seine Verheißung nicht bewahrt zu haben und darum weder die Treue noch die Wahrheit; ja, er habe auch ihnen nichts verheißen, denn er sei wahrhaftig und errettet, und daher habe der Jude nichts voraus und seine Reden seien ihnen auch nicht anvertraut worden; vielmehr ist jetzt das Gegenteil der Fall, nicht nur die Beschneidung ist nicht gefolgt, sie ist auch an anderen, nämlich an den Heiden, erfüllt worden, denn der größere Teil der Beschneidung ist nicht gefolgt - dann antwortet er: "Dass aber einige nicht geglaubt haben, was liegt daran?" [3, 3] (d. h. daran, dass sie Treue und Verheißung nicht angenommen haben), denn es ist einzig die Schuld derer, die die Verwirklichung nicht annehmen wollten.

Das aber steht dem nicht im Wege, dass Gott wahrhaftig ist. Auch hat Gott nicht so verheißen oder sind seine Reden nicht so von der Beschneidung geglaubt worden, dass es notwendig wäre, dass sie, ob sie wollten oder nicht, die [Erfüllung der] Verheißung erlangten. Denn dann würde sich die Wahrhaftigkeit oder Verlässlichkeit Gottes nur so erfüllen können, dass er sie auch den Widerwilligen und den Nichtwollenden zueignete, was abwegig ist. Zudem hinge Gottes Wahrhaftigkeit oder Treue vom menschlichen Willen ab, als ob nur dann, wenn jene geglaubt hätten und die Verheißung hätten annehmen wollen, Gott wahrhaftig wäre.

Darum: "Ihre Ungläubigkeit wird Gottes Treue nicht aufheben", d. h. daraus, dass die aus der Beschneidung sie nicht annehmen wollten, obwohl er sie doch denen, die von der Beschneidung herkommen, verheißen hat, darf man nicht schließen, dass Gott nicht wahrhaftig sei. Es genügt, dass [212] er sie an der Beschneidung, d. h. an einigen, zwar nicht an allen, aber an den Erwählten, erfüllt hat. Gott nämlich kann nicht (ent)täuschen. Woraus folgt: Gott aber ist wahrhaftig [3, 4].

Wenn du aber noch weiter beharrst: Wie auch immer, gewiss ist jedenfalls, dass er den Juden oder der Beschneidung verheißen hat, nicht aber den Heiden, also müsse, wenn er wahrhaftig ist, ihnen allen [die Erfüllung] zukommen; oder warum hat er der Beschneidung denn verheißen, da er doch vorhersah, dass er ihnen [die Erfüllung] nicht geben werde wegen ihrer Ungläubigkeit? Dann antwortet er [Paulus] darauf später in Kap. 9 und 11. Hier jedenfalls geht er kurz darüber hinweg, um sich nicht allzu sehr vom Thema zu entfernen, also, dass nicht allen, die Kinder Abrahams sind, die Verheißung galt, sondern den Erwählten, die als Kinder Gottes aus der Beschneidung angenommen werden sollten.

Ist [3, 4]. Der griechische Text hat: "Es soll sein" oder "Es sei aber Gott wahrhaftig", womit nicht so sehr Gottes Wahrhaftigkeit als vielmehr ein Bekenntnis zu Gottes Wahrhaftigkeit ausgedrückt wird, sinngemäß etwa: Es ist recht, dass alle bekennen und von allen bejaht wird, dass Gott wahrhaftig sei. So also soll es sein, dass er für wahrhaftig gehalten wird und als treu erkannt in dem, was er geredet hat, wie viele ihm auch nicht glauben mögen. Dass man es aber so verstehen muss, als Imperativ, wird mit dem Schriftbeleg bewiesen, den er heranzieht: "Damit du Recht behältst" - d. h. es soll so sein, bekennen alle, es sei allen vor Augen, dass du gerecht und wahrhaftig bist - "in deinem Reden" [Psalm 50 [51], 6], wie sehr auch die Ungläubigen das bestreiten und dich richten, d. h. dich "in deinem Reden" verdammen.

Es ist ja doch etwas anderes, einfach zu sagen, Gott werde "Recht behalten", als Gott werde "Recht behalten in seinem Reden" oder durch Taten "Recht behalten"; entsprechend auch: Gott "Recht geben" und "im Reden Recht geben"; desgleichen: dass Gott "siege" und dass er "in seinem Reden siege". Denn "Recht gegeben werden" kann Gott an sich von niemandem, da er die Gerechtigkeit selber ist, ebenso wenig kann er gerichtet werden, da er selbst das ewige Gesetz und das Gericht und die Wahrheit ist. Er aber trägt nicht nur als er selbst den Sieg über alles davon, es ist auch nicht nötig, ihm das zu wünschen oder ihm Beifall zu spenden. So, wie ja auch erbeten wird, dass sein Wille geschehe [Matth. 6, 10], obgleich das doch gar nicht verhindert werden kann.

Gott aber wird dann in seinem Reden Recht behalten, wenn seine Rede von uns als gerecht und wahr angesehen wird und angenommen, was geschieht durch den Glauben an das, was er geredet hat. In seinem Reden gerichtet jedoch wird er dann, wenn seine Rede als falsch und trügerisch angesehen wird, was geschieht durch Ungläubigkeit und "Hochmut in unseres Herzens Sinn" [Luk. 1, 51], wie es die selige Jungfrau gesungen hat. Unsere Weisheit nämlich glaubt nicht nur den Worten Gottes nicht und ordnet sich ihnen nicht unter, sondern sie meint sogar, es seien nicht Gottes Worte, ja sie glaubt vielmehr, Gottes Worte für sich zu besitzen, und maßt sich an, wahrhaftig zu sein. Wie es der Unverstand der Juden und der Häretiker und aller [213] halsstarrigen Menschen nun einmal ist. Er aber siegt auch in den Reden, weil seine Rede mehr vermag als alle, die auf das Gegenteil aus sind, wie es geschehen ist mit dem Evangelium, das immer triumphiert und triumphiert hat. Denn die Wahrheit siegt über alles.

Recht behält er demnach bei denen, die in Demut auf ihre eigene Denkweise verzichten und ihm glauben. Den Sieg dagegen trägt er bei denen davon, die nicht glauben und ihn richten und ihm widersprechen. Jenen ist ein Zeichen "gesetzt zur Auferstehung, diesen zum Fall", und zwar "ein Zeichen, dem sie widersprechen" [Luk. 2, 34], d. h. sie richten, jedoch vergeblich.

Genauso wird ja auch Gottes Wille erbeten zu geschehen, d. h. dass sein Wort und jedwedes Werk von ihm, sei es uns willkommen oder zuwider, mit unserer freudigen Zustimmung und aus freien Stücken angenommen werde. Zusatz: Folglich ist die Erfüllung dieses Willens eher die erbetene Erfüllung unseres Willens, also, dass wir wollen, was Gott will. Schwieriges nämlich und Beschwerliches und was generell über unsere Willenskraft weit hinausgeht, will Gott. Entsprechend ist auch die Rechtfertigung Gottes in seinem Reden vielmehr unsere Rechtfertigung; und das Urteil über ihn oder seine Verdammung eher die unsere, gemäß jenem "Wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden" [Mark. 16, 16].

Gemeint ist deshalb: Kann es sein, dass Gott deswegen nicht wahrhaftig ist, weil jene nicht glauben, d. h. weil sie ihn in seinem Reden und seinen Äußerungen verurteilen und darauf hinarbeiten, ihn als lügnerisch darzustellen, sich selbst aber als wahrhaftig? Das sei ferne. Im Gegenteil, er ist desto mehr wahrhaftig und jene sind Lügner, weil die Wahrheit gerade dann umso mehr siegt, wenn sie bekämpft wird, erhabener wird, wenn sie unterdrückt wird. Es liegt sogar in ihrem Wesen, dass sie vorwärts kommt, wenn ihr widerstanden wird, wie es zum Bild geworden ist im Auszug Israels und dem Untergang des Pharao.

Deswegen sagt er [Paulus]: "Gott ist jedenfalls wahrhaftig und der Mensch ein Lügner", weil geschrieben steht, dass es so sein werde: "damit du Recht behältst" usw., d. h. es wird geschehen, damit du für wahrhaftig gehalten wirst und alle als Lügner erweist, entweder durch das Rechtfertigen oder durch den Sieg, das Rechtfertigen nämlich der Frommen und Glaubenden, den Sieg aber über die Richtenden und Ungläubigen.

Und damit ist der Einwand entkräftet, mit dem man hat einwenden und sagen können: Es liegt auf der Hand, zu nichts ist die Beschneidung nützlich gewesen und dass Gottes Reden geglaubt wurde, half ihnen nichts, da die meisten - zumal da er ihnen lügnerisch erscheint - diesen Nutzen nicht erlangt haben. Woraus sich der versteckte Zusatz ergibt, dass Gott seine Verheißungen nicht erfüllt hätte, weil die Beschneidung sie sich zum größeren Teil nicht zu eigen gemacht hat. Oder es folgt, dass diejenigen das Falsche denken, die sagen, Gott habe [seine Verheißungen] nicht erfüllt, und sie [die gläubigen Juden] seien deshalb Lügner oder sogar Gott.

Dieser Konsequenz entgegnet der Apostel nun allerdings: "Dass aber einige nicht geglaubt haben, was liegt daran?" [3, 3], d. h. nutzlos gewesen ist die Beschneidung deswegen, weil jene nicht geglaubt haben, nicht. Weil Gott der Beschneidung dennoch seine Verheißungen erfüllt hat, ihretwegen wird Gottes Treue nämlich nicht aufgehoben, haben sie sich im Gegenteil dadurch eher selber als Lügner zu erkennen gegeben, [214] da Gott doch wahrhaftig ist und der Mensch ein Lügner. Weil er siegt, da er von ihnen gerichtet wird.

"Sollte denn ihre Ungläubigkeit Gottes Treue aufheben?" [3, 3], d. h. folgt nun daraus, dass, weil jene die Verheißung nicht angenommen haben, demnach überhaupt keine Verheißung angenommen worden ist, so dass die Juden den Heiden nichts voraushaben? Wenn es an dem wäre, dass sie deswegen keinen Vorzug hätten oder den Glauben an Gottes Reden nicht, dann würde daraus generell folgen, dass Gott in seinen Verheißungen trügerisch wäre, der sie jenem Volk gegeben hat. Aber die Folgerung ist abwegig und falsch. Denn (wie er später, in Kap. 9 und 11, diesen Gedanken weiter verdeutlichen wird) nicht diejenigen, die leibliche Kinder sind, "sind Abrahams Samen" [Röm. 9, 7], folglich lügen eher jene, die nicht geglaubt haben, als Gott, der verheißen und erfüllt hat, zwar nicht an allen, aber an allen Kindern der Verheißung.

"Damit du Recht behältst" [3, 4]. Dieser Schriftbeleg darf hier nicht in dem Sinn und Zusammenhang verstanden werden, den er an seinem [Ursprungs-]Ort, Psalm 50 [51], hat, sondern nur so, wie herangezogen als Beweis für die Behauptung, dass Gott wahrhaftig ist in seinem Reden. Dort jedenfalls steht er in einem anderen Rückbezug. Den übergeht der Apostel zwar nicht, aber er erörtert ihn, dem Sinn, den er im Psalm hat, gemäß beiläufig und obenhin, wenn er sagt: "Wenn aber unsere Ungerechtigkeit" usw. [3, 5]. Dort jedenfalls steht, dass Gott Recht behält durch das Bekenntnis unserer Sünde. Denn mag er auch in sich selbst gerecht und wahrhaftig sein, so ist er es doch nicht bei uns, bis dass wir, als Bekennende, sagen: "An dir allein habe ich gesündigt" usw. [Psalm 50 [51], 6]; dann erst wird er in der Tat als allein gerecht anerkannt. Und auf diese Weise wird er bei uns erst wirklich gerecht.

"Wenn aber unsere Ungerechtigkeit" [3, 5]. Manche sagen, Gottes Gerechtigkeit werde gepriesen durch unsere Ungerechtigkeit, wenn er sie straft, weil er offensichtlich gerecht ist, da er die Ungerechten nicht ungestraft lässt. Dieser Gedanke ist schon richtig. Aber er hat mit dem Thema des Apostels hier nichts zu tun - denn er spricht nicht von der Gerechtigkeit Gottes, kraft deren er in sich selbst gerecht ist -, er streitet vielmehr ab, dass Gottes Gerechtigkeit durch unsere Gerechtigkeit gepriesen werde. Oder wenn [215] er dem zustimmt, stimmt er der Meinung des Psalms entsprechend zu, der sagt: "An dir allein habe ich gesündigt" usw.

Dem Psalm aber geht es nicht darum, dass unsere Sünde Gott Recht gibt, sondern er ist Bekenntnis und Erkenntnis - der Sünde -, welche den hochmütigen Gerechten demütig macht, der sich darauf verlässt, gerecht zu sein, und damit Gott die Gerechtigkeit abspricht, von dem allein die Gerechtigkeit kommt, ebenso Kraft und Weisheit und alles Gute. Weshalb der, der die Gerechtigkeit demütig von sich zurückweist und sich vor Gott als Sünder bekennt, Gott jedenfalls die Ehre gibt, dass allein er gerecht sei. So gibt denn nicht unsere Ungerechtigkeit, die Gott allezeit als Feind seiner Ehre verhasst ist, sondern die Erkenntnis und das Bekenntnis unserer Ungerechtigkeit [der Gerechtigkeit Gottes] die Ehre und preist sie, weil sie sie als notwendig und heilbringend anerkennt.

Andere hingegen verstehen es so, dass sie [die Sünde] rein faktisch [die Gerechtigkeit Gottes] preist, "wie Gegensätze sich, nebeneinander gestellt, umso mehr erhellen"[11], etwa der Schatten die Farben auf einem Gemälde. Doch der Apostel streitet überhaupt ab, dass unsere Ungerechtigkeit Gottes Gerechtigkeit irgendwie preist, bloß jenen fleischlich Denkenden scheine es richtig so nach den Worten des Psalms. -- Das ist nach dem Apostel völlig klar, der, wenn er den Psalmvers "damit du Recht behältst" heranzieht, aus ihm nicht die Gerechtigkeit, sondern die Wahrheit Gottes ableitet. --

Von daher spricht er hier nicht von der Gerechtigkeit, kraft deren Gott an sich gerecht ist, sondern kraft deren er - gerecht ist und - uns rechtfertigt und - selber, was uns angeht, allein gerecht ist -; diese nämlich preist unsere Ungerechtigkeit, wenn sie zu unserer gemacht (d. h. anerkannt und bekannt) worden ist. Denn sie macht uns demütig, wirft sich vor Gott nieder und verlangt nach seiner Gerechtigkeit, durch die wir, haben wir sie angenommen, Gott in seiner Freigebigkeit rühmen, loben, lieben. Wo hingegen unsere Gerechtigkeit Gottes Gerechtigkeit herabsetzt, ja sogar beseitigt und bestreitet, und sie beschuldigt, trügerisch und falsch zu sein, wenn nämlich wir uns Gottes Worten widersetzen, seine Gerechtigkeit für nicht notwendig halten und glauben, die unsere reiche. Zu sagen ist folglich: "An dir allein habe ich gesündigt, damit du Recht behältst" (d. h. mit Lob und Ehre als allein [216] gerecht und unser Rechtfertiger verkündet wirst) "in deinem Reden", d. h. wie du es verheißen und beglaubigt hast.

"Wenn aber die Wahrheit Gottes ." [3, 7]. Dies meint: Wenn man es so verstehen muss, dass Gottes Wahrheit ruhmreich wird, wenn ich lüge, und Gottes Gerechtigkeit ruhmreich, wenn ich Ungerechtes tue (dies meint ja "nach Menschenweise reden" [3, 5], und so haben es auch jene verstanden, die gesagt haben, lasst uns »Gutes« tun [3, 8]), wieso dann straft Gott die Welt [3, 6] und verurteilt mich als Sünder [3, 7], da er mich doch auszeichnen müsste? - Wenn seine Gerechtigkeit und Wahrheit und überhaupt seine Ehre auf diese Weise umso größer werden, was er jedenfalls immer gewollt hat? Und wir daher im Tun des Bösen seinen Willen erfüllen? -

Durch diese Frage baut der Apostel gerade dem vor, es so zu verstehen, nämlich gerade nicht, wie die Wörter sich anhören oder "nach Menschenweise", sondern, wie es gesagt worden ist, von der Gerechtigkeit aus und der Ungerechtigkeit. Dass nicht dadurch Gottes Gerechtigkeit gepriesen wird, dass ich Ungerechtes tue, nein, vielmehr dadurch, dass ich erkenne, Ungerechtes getan zu haben, und aufhöre, es zu tun, und auf diese Weise die Gerechtigkeit Gottes oder, die von Gott kommt, ins Herz schließe, da ja auch meine gerechten Taten bei ihm ungerechte sind, wovon ich nicht Ehre, sondern Schimpf und Schande habe bei Gott. Und so wird ihm in der Gerechtigkeit, durch die er mich rechtfertigt, allein die Ehre gegeben, weil er allein Recht behält (d. h. anerkannt wird, gerecht zu sein).

Entsprechend ist auch von der Wahrheit zu sagen, dass Gottes Wahrheit nicht damit die Ehre gegeben wird, dass ich lüge, sondern weil ich anerkenne, dass ich lügnerisch bin, und aufhöre, lügnerisch zu sein, da ich die Wahrheit, die von Gott kommt, ins Herz schließe, damit ich durch sie und nicht durch meine wahrhaftig werde, so dass auf diese Weise meine Selbstherrlichkeit in mir aufhört; sondern Gott allein in mir die Ehre gegeben wird, der mich allein wahr gemacht oder wahrhaftig gemacht hat, da ja auch meine Wahrheit vor ihm Lüge ist.

Das aber, was hier von Wahrheit und Lüge, von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit gesagt worden ist, muss auch von allen anderen Idealen und ihrem Gegenteil angenommen werden, etwa von Kraft und Schwäche, von Weisheit und Torheit, von Unschuld und Sünde usw. Denn über sie alle herrscht beharrlich Streit zwischen Gott und den hochmütigen Menschen, zumal den Juden, da Gott, der sich ihrer wie aller beispielsweise Lügner, Ungerechten, Unverständigen, Schwachen, Sünder erbarmt hat, sie durch seine Wahrheit, Gerechtigkeit, Weisheit, Kraft, Unschuld... wahrhaftig, gerecht, weise, stark, unschuldig machen und auf diese Weise von Lüge, Ungerechtigkeit, Unverstand, Schwäche, Sünde befreien will, damit seine Wahrheit, Gerechtigkeit, Weisheit, Kraft, Unschuld an und von ihnen verherrlicht und gepriesen werde.

[217] Jene Hochmütigen, sozusagen schon Wahrhaftige, Gerechte, Weise, Starke, Unschuldige aus sich selbst und aus ihrer eigenen Kraft, wollen das dann nicht und sie widersprechen Gott, und damit richten sie ihn und machen ihn zu einem Lügner, einem Ungerechten, Unverständigen, Schwachen, Sünder, soweit es an ihnen ist. Denn sie richten ihre Wahrheit, Gerechtigkeit, Weisheit, Kraft, Unschuld auf und wollen nicht für Lügner, Ungerechte, Unverständige, Schwache, Sünder gehalten werden. Also ist es entweder Gott oder es sind zwangsläufig sie, die lügen, ungerecht sind, schwach usw.

Und das ist so ähnlich, wie wenn - bei Persius[12] - ein Arzt, der einen Kranken heilen will, auf einen Menschen stößt, der abstreitet, krank zu sein, und den Arzt für dumm erklärt und schlimmer krank, als er selbst es ist, weil er sich anmaßt, einen gesunden Menschen zu behandeln. Über dessen Widerstand hinweg kann ja nun der Arzt den Beweis seiner Kunst und der Medizin nicht erbringen. Er erbrächte ihn aber, wenn jener Kranke in Anerkennung der Krankheit es zuließe, dass ihm geholfen wird, und sagte: Ja, ich bin wirklich krank; wie du gelobt werden sollst - du seiest bei Verstand und das muss man von dir sagen -, also, wenn du mich geheilt hast.

Gerade so sehen jene Gottlosen und Hochmütigen, obwohl sie krank sind vor Gott, sich selbst für kerngesund an. Darum weisen sie Gott als Arzt nicht nur ab, sondern halten ihn auch für dumm und trügerisch und schlimmer krank, da er sich doch anmaßt, sie, die Kerngesunden, zu heilen, als wären sie Kranke.

Nicht aber Gott selbst in seinem Wesen schlechthin beurteilen sie so (weil das ja kein Geschöpf, vielmehr, keine Böswilligkeit tun kann), sondern ,in seinem Reden'. Daher hat [der Psalm] so schön hinzugefügt: "damit du Recht behältst in deinem Reden". Gottes Reden nämlich, von ihm selbst zu ihnen geschickt, wird, wie wenn es nicht von Gott wäre, für dumm, lügnerisch und unverständig gehalten. Durch sein Reden jedenfalls hat er sie zu heilen begonnen. Sie aber, die abstreiten, krank zu sein, die ihn für dumm und schlimmer krank erachten, widersetzen sich ihm, widersprechen, richten, verdammen.

Jedoch vergeblich. Denn sie tragen den Sieg davon, da sie auf diese Weise gerichtet werden, oder Gott trägt den Sieg davon in diesem seinen Reden, da er von ihnen in ihm gerichtet wird. Denn dadurch, dass sie ihn abweisen, ist eindeutig klar, dass sie ihn für dumm und unverständig, schwach halten, da sie von sich selber erklären, nichts als die Weisheit, die Kraft und die Wahrheit zu lieben, als ob sie sagen würden: Kann denn der Verstand haben, der uns als Unverständige bloßstellt? Nein, im Gegenteil, er ist unverständig, denn wir besitzen die Weisheit und lassen uns von ihr leiten.

Dasselbe gilt von allem anderen. Kann denn der (also Gott oder seine Rede) wahrhaftig, gerecht, stark usw. sein, der uns als lügnerisch, ungerecht, schwach bloßstellt, da wir doch die Wahrheit, die Gerechtigkeit, die Kraft besitzen? Nein, im Gegenteil, er ist so, denn er ist nicht mit uns weise, wo allein jene Werte zuhause sind.

In dieser Weise haben sie im Evangelium nach ebendiesem Muster von Christus gesagt: "Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder [218] ist" [Joh. 9, 24]. Und nochmals: "Dieser Mensch ist nicht von Gott" [Joh. 9, 16]. Von daher [heißt es] auch in Psalm 4: "Viele sagen: Wer wird uns Gutes sehen lassen?" [Psalm 4, 7], was meint: Da wir das Gute wissen, irrt doch wohl selber, wer sich anmaßt, uns anders zu lehren, und er lässt kein Gutes sehen. Wie in Joh. 9: "Sind wir denn auch blind?" Jesus sprach zu ihnen: "Wäret ihr blind, so hättet ihr keine Sünde; weil ihr aber sagt: Wir sind sehend, bleibt eure Sünde" [Joh. 9, 40 f.].


Wir fassen also zusammen, dass

Gott in seinem Reden nicht
weise, gerecht, wahrhaftig, stark, gut
werden kann, wenn nicht wir im Glauben
und der Hingabe an ihn bekennen, dass
wir
unverständig, ungerecht, lügnerisch, schwach, böse
sind.

Folglich bedarf es der Demut und des Glaubens. Welcher auch allein von jenen Worten angefragt und aufgerichtet wird, so dass wir im Innersten zu nichts werden, uns von allem frei machen, uns unserer selbst entäußern. --- Und mit dem Propheten sagen: "An dir allein habe ich gesündigt, damit du Recht behältst in deinem Reden." Dir bin ich unverständig und schwach, damit du weise und stark seist in deinem Reden. ---

Denn so lehrt es die ganze Schöpfung. Da "bedürfen nur die Kranken des Arztes" [Matth. 9, 12], wird nur das Schaf gesucht, das verloren ging [Luk. 15, 4], nur der Gefangene befreit, nur der Arme reich gemacht, nur der Schwache gestärkt [Luk. 4, 18 (= Jes. 61, 1)], nur der Erniedrigte erhöht [Luk. 1, 52], wird nur das Leere gefüllt, nur das Unverbundene verbunden. Oder wie es die Philosophen sagen: Nur, wo ein Mangel an Gestalt herrscht und die voraufgehende Gestalt verdrängt worden ist, entwickelt sich eine [neue] Gestalt[13], [219] und: Das aufnahmebereite Verstandesvermögen nimmt nur Gestalt an, ist es am Anfang seines Seins bar jeder Gestalt und wie ein saubergeschabtes Schreibtäfelchen.[14]

Da nun die ganze Schöpfung so redet, kann es unmöglich geschehen, dass jemand, der von seiner eigenen Gerechtigkeit voll ist, mit Gottes Gerechtigkeit erfüllt wird, er sättigt nur die Hungrigen und Dürstenden [Matth. 5, 6]. Darum ist der, der von seiner eigenen Wahrheit und Weisheit satt ist, nicht empfänglich für die Wahrheit und Weisheit Gottes, die nur im Leeren und Ledig-gewordenen aufgenommen werden kann. Lasst uns also zu Gott sagen: O wie gern sind wir leer, damit du voll seiest in uns! Gern bin ich schwach, damit deine Kraft in mir wohne; gern Sünder, damit du Recht behältst in mir; gern unverständig, damit du meine Weisheit seiest; gern ungerecht, damit du seiest meine Gerechtigkeit! Siehe da, dies meint, was er [der Psalm] sagt: "An dir habe ich gesündigt, damit du Recht behältst in deinem Reden."

[220] Hauptsächlich behält Gott danach auf dreifache Weise Recht:

Erstens, wenn er die Ungerechten straft; denn dann zeigt er, dass er gerecht ist, und seine Gerechtigkeit wird durch unsere Ungerechtigkeit, die bestraft wurde, greifbar und gepriesen. Aber dies ist eine nur mäßige Empfehlung, weil auch der Gottlose den Gottlosen straft.

In zweiter Linie rein faktisch oder im Verhältnis, so wie Gegensätze einander mehr erhellen, wenn sie nebeneinander stehen als wenn sie getrennt stehen. Darum ist Gottes Gerechtigkeit desto schöner, je hässlicher unsere Ungerechtigkeit ist. Davon ausgehend wird der Apostel an dieser Stelle nicht verstanden, weil dies die innere und formale Gerechtigkeit Gottes meint.

Drittens, wenn er die Gottlosen rechtfertigt und Gnade in sie einströmen lässt, also wenn geglaubt wird, er sei gerecht in seinen Worten. Denn durch solches Geglaubt-werden rechtfertigt er, d. h. erachtet er sie für gerecht. Von daher wird dies die Gerechtigkeit des Glaubens und Gottes genannt.

Ganz ähnlich empfiehlt sich etwa ein guter Fachmann auf dreifache Weise. Erstens, indem er die Laien bloßstellt und widerlegt, wo sie sich irren. Zweitens, wenn er im Vergleich mit ihnen fähiger erscheint als sie. Drittens, wenn er die Meisterschaft in seinem Fach an andere weitergibt, die diese noch nicht hatten. Und das ist die wahre Empfehlung. Weil nicht andere zu widerlegen oder als Fachmann zu erscheinen bedeutet, dass ein Fachmann zu loben ist, sondern [221] Fachleute hervorzubringen, das bedeutet, ein guter Fachmann zu sein. In dieser Weise ist der gerechte Gott in seinem Wirken in uns zu loben. Aber wie die Laien sich weigern, belehrt zu werden, so wollen die Hochmütigen nicht gerechtfertigt werden.

Auf dreifache Weise behält Gott Recht, erweist er sich als wahr usw.

Erstens, wenn er den Ungerechten, Lügner, Törichten usw. straft und verurteilt; denn dann lässt er erkennen, dass er gerecht ist, wahr usw. Und auf diese Weise wird seine Gerechtigkeit, Wahrheit usw. durch unsere Ungerechtigkeit und Lüge gepriesen und gerühmt, weil sie greifbar wird. Aber diese Empfehlung ist eine mäßige. Denn auch der Lügner straft und entlarvt oft den Lügner, der Ungerechte den Ungerechten, und wird dennoch darum nicht sogleich als völlig wahrhaftig und gerecht gerühmt.

Zweitens im Verhältnis. So wie nebeneinander gestellte Gegensätze einander mehr erhellen als getrennt stehende, ist Gottes Gerechtigkeit darum desto schöner, je hässlicher unsere Ungerechtigkeit ist. Von diesen beiden Weisen spricht der Apostel nicht, weil dies die innere und formale Gerechtigkeit Gottes meint, von der er nicht spricht.

Drittens in seinem Wirken, d. h. wenn wir aus uns selbst nicht gerechtfertigt werden können und ihn angehen, dass er uns gerecht macht, indem wir bekennen, dass wir nicht die Kraft haben, die Sünde zu überwinden. Das tut er, wenn wir seinen Worten glauben; denn durch solches Glauben rechtfertigt er uns, d. h. erachtet er uns für gerecht. Von daher wird dies die Gerechtigkeit des Glaubens und Gottes Gerechtigkeit in seinem Wirken genannt.

Zusatz.

Der Apostel sagt hier ganz und gar nicht, dass "unsere Ungerechtigkeit Gottes Gerechtigkeit preist", sondern streitet es vielmehr ab, denn es ist nicht wahr. Dagegen stellt er die Rolle derjenigen in Frage, die meinten, dies folge aus den Worten des Psalms, was aber nicht folgt. Psalm und Apostel wollen nämlich nicht, dass unsere Sünde Gott rechtfertigt oder preist, sondern [es sind] die Anerkenntnis und das Bekenntnis der Sünde. Daher sagt er: "Denn ich erkenne meine Missetat" usw. [Psalm 50 [51], 5]. Dann folgt: Und gerade so "habe ich an dir allein gesündigt" [V. 6] (d. h. ich erkenne, dass ich vor dir allein Sünder bin).

Diese Anerkenntnis nämlich macht Gottes Gerechtigkeit begehrenswert, das Bekenntnis sie empfehlenswert. Denn wenn ich anerkenne, dass ich nicht gerecht sein kann vor Gott, da ja geschrieben steht: "Vor dir ist kein Lebendiger gerecht" [Psalm 142 [143], 2] (und auch anderswo viel Entsprechendes, womit Gott sagt, dass wir in Sünden sind), dann fange ich an, von ihm die Gerechtigkeit zu erbitten. Und auf diese Weise hat die Anerkenntnis der Sünde mich dahin getrieben, dass Gott in mir Recht behält (d. h. dass ich ihm glaube und er mich auf diese Weise rechtfertigt). Und das Bekenntnis preist und rühmt ihn dann, weil er allein gerecht ist und unser Rechtfertiger. Weshalb er nicht gepriesen wird, wo die Sünde nicht bekannt oder wenigstens [an]erkannt wird, und seine Gerechtigkeit von denen nicht begehrt, denen ihre eigene behagt und genügt.

[222] Es ist jedenfalls ähnlich so, wie ein guter Fachmann sich auf dreifache Weise empfehlen kann. Erstens, indem er die in seinem Fach Ahnungslosen bloßstellt und aus der Fassung bringt. Aber das ist eine dürftige und hochmütige Empfehlung. Zweitens, wenn er im Vergleich mit den anderen (auch wenn er sie nicht bloßstellt) fähiger erscheint. Drittens, wenn er die Meisterschaft in seinem Fach den anderen, die sie erstreben, weitergibt, weil sie sie von sich aus nicht haben konnten. Das ist die wahre Empfehlung. Denn andere zu widerlegen und als Fachmann zu erscheinen, das bedeutet nicht, dass man der beste Fachmann ist, sondern Fachleute hervorzubringen, sich selber ähnlich, das bedeutet, ein zu lobender Fachmann zu sein. Denn die erste Weise geht oft mit Hochmut einher und Überheblichkeit, die zweite dagegen mit Gehässigkeit und Arroganz. Die dritte dagegen ist eitel Wohlwollen und Menschlichkeit. Auf diese Weise ist der gerechte Gott in seinem Wirken in uns zu loben, weil er uns sich ähnlich macht.

Aber wie jener Fachmann Skeptikern und denen, die sich selbst für erfahren genug halten, seine Erfahrung nur dann weitergeben kann und nur dann den Ruhm und Preis seiner Kunst wie seines Unterrichts bei ihnen erlangen kann, wenn sie zuvor erkennen, dass sie ahnungslos sind, und ihm glauben, wenn er ihnen bestätigt, dass sie ahnungslos sind - doch der Hochmut lässt es nicht zu, dass sie ihm glauben -, so glauben die Gottlosen nicht, dass sie gottlos sind, und deswegen erkennen sie das auch nicht an. Daher lassen sie es letzten Endes nicht zu, dass Gott bei ihnen selber Recht behält, sich als wahr erweist usw. und dadurch gepriesen und gerühmt wird.

Zusammenfassung in Kürze.

"Was hat denn der Jude voraus?" [3, 1] (also der, der es dem Augenschein und dem Buchstaben nach ist. Wenn er nämlich nicht als Jude angesehen wird, dann ist er in allem den Heiden gleich und nichts weiter.) "Oder was nützt die Beschneidung?" [3, 1] (also die, die am Fleisch und dem Buchstaben nach besteht. Wenn sie nämlich nicht als Beschneidung angesehen wird, wie im vorigen Kapitel [Röm. 2, 25 ff.] gesagt wurde, war sie dann nutzlos?)

"Viel" [3, 2] (er hat etwas voraus, und sie war sehr nützlich). "In jeder Hinsicht" [3, 2]. Dies ist entweder die Aussage von jemandem, der einen Anspruch geltend macht und ihn sozusagen beeidet, oder es deutet die Aspekte an, unter denen die Beschneidung nützlich war; sie zählt er später im 9. Kap. mit den Worten auf: "welchen gehört die Kindschaft, das Gesetz, die Herrlichkeit, der Bund, der Gottesdienst, die Verheißungen, die auch die Väter" usw. [Röm. 9, 4 f.].

"Zum Ersten" [3, 2] (d. h. als Erstes davon, ich ziehe es jetzt als die Hauptsache heran): "Ihnen ist [an]vertraut, was Gott geredet hat" [3, 2]. Dies jedenfalls hatten die Heiden genauso wenig wie das übrige, vgl. Psalm 147, er sagt: "So hat er [223] an keinem Volk getan" [Psalm 147, 9 bzw. 20]. Denn dies, samt dem übrigen, hatten allein die Juden den Heiden voraus, schon die, die es dem Augenschein und dem Buchstaben nach sind.

"Ist [an]vertraut/wurde geglaubt" [3, 2], d. h. wurde durch Glauben angenommen. Denn alle Juden erhielten die Verheißungen, wenn auch nicht alle die Erfüllung. "Was Gott geredet hat" [3, 2], d. h. die Verheißungen, wie er später im 9. Kap. dazu sagt.

Der Apostel hat nicht "ihnen" [3, 2], trotzdem kann es dort stehen und bezogen werden auf "dem Juden" und "der Beschneidung" in Vers 1. Gerade so sagt er später in Kap. 15, "Christus sei ein Diener der Beschneidung geworden, nicht aber der Heiden, um der Wahrhaftigkeit Gottes willen" [Röm. 15, 8], also weil Gott es ihnen so verheißen hat und nicht den Heiden.

"Dass aber einige nicht geglaubt haben, was liegt daran?" [3, 3] Dieses "geglaubt haben" wird hier absolut verwendet und anders als zuvor "geglaubt worden ist", denn es ist nicht mitzudenken "seinem Reden". Alle haben ja Gottes Reden und Verheißungen erhalten und warten noch bis heute auf die [Erfüllung der] entsprechenden Verheißungen durch die Sendung des Christus. Sie haben folglich geglaubt, d. h. bloß zu Gläubigen und an Christus Glaubenden sind sie nicht geworden. --- Gemeint ist: Was soll's?[15] Was können wir dazu? Wem wird das schaden? Nicht ausschließlich ihnen? Gott jedenfalls nicht, und uns auch nicht. Was völlig klar ist, weil weder Gottes Wahrheit noch unser Glaube durch ihre Ungläubigkeit aufgehoben werden wird. ---

"Sollte denn ihre Ungläubigkeit Gottes Treue aufheben?" [3, 3] (d. h. die Wahrheit und Verlässlichkeit Gottes). Das aber sagt er nun alles, weil man, wenn er gesagt hätte, dass die Verheißungen der Beschneidung, die am Fleisch vollzogen wird, und dem Juden, der es dem Augenschein nach ist, anvertraut worden seien, einwenden könnte: Wieso hat dann keiner, der es buchstäblich und augenscheinlich ist, die Verheißung aufgenommen? Wenn denn dem fleischlichen und buchstäblichen Juden verheißen worden ist (darin zeichnen sie sich vor den Heiden aus) und kein solcher hat sie aufgenommen, vielmehr stehen sie ihr bis zum heutigen Tage fern, dann liegt es doch auf der Hand, dass sie wohl [224] keine Verheißung gehabt haben, oder Gott hat sie nicht erfüllt; denn der fleischliche hat die [Erfüllung der] Verheißung erhalten sollen, weil sie dem fleischlichen gemacht worden ist.

Diesem Einwand tritt der Apostel entgegen und sagt, indem er der Spitze sozusagen mit einer Spitze die Spitze nimmt: Folglich ist Gottes Wahrheit aufgehoben, getilgt die Verheißung und ungültig sein Reden? Das ist unmöglich, also auch das, woraus es folgt. Allerdings klärt der Apostel diesen Streitpunkt hier nicht, sondern schiebt ihn auf bis zum 9. Kap. Dort zeigt er dann auf, wie dem fleischlichen Israel, das zugleich das Israel der Verheißung und Erwählung ist und das fleischliche Israel, die Erfüllung zuteilwurde, dem fleischlichen nun aber doch, Israel bloß der Abstammung nach, ganz und gar nicht. Darum macht ihre Ungläubigkeit die Wahrheit Gottes in der Tat nicht ungültig. Und darum lässt er jenen Einwand für den Augenblick jetzt einfach beiseite - drängt ihn in den Hintergrund - und geht Gottes Wahrheit nach, die er ihm entgegengehalten hatte, und macht entschieden geltend, dass er [Gott] seine Verheißungen erfüllt hat.

"Das sei ferne" [3, 4]. Als Gottes Treue bezeichnet er nun aber die dann durch Christus verwirklichte Verheißung, entsprechend jenem Vers in Psalm 84: "Wahrheit spross aus der Erde hervor" [Psalm 84 [85], 12] (d. h. der verheißene Christus wurde dargebracht aus der Jungfrau). Daher ist gemeint: Gott hat jetzt das Verheißene erfüllt und wurde wahrhaftig, und jene glauben es nicht und nehmen es nicht an. Sollte es denn eine Täuschung sein, dass Gott erfüllt hat, und soll auf diese Weise gar die jetzt verwirklichte Wahrheit aufgehoben und von ihr gesagt werden, dass sie nicht die Erfüllung des Verheißenen sei, allein deswegen, weil jene nicht glauben? Das sei ferne. Denn dann würden die Apostel, ja sogar Gott würde in ihnen lügen, da von ihm bezeugt wird, er habe das Verheißene in Christus erfüllt.

Ich für mich nehme allerdings an, dass ,Treue' [fides] hier nicht Gottes Verlässlichkeit, sondern das Vertrauen auf Gott [näher am lateinischen Text: die Gläubigkeit an Gott] meint, das selber die Erfüllung der Verheißung ist, wie völlig klar ist an vielen Stellen. Denn die Gerechtigkeit aus Glauben ist verheißen, Röm. 1: "Der Gerechte wird aus Glauben leben" [Röm. 1, 17]. --- Diese Unterscheidung ist in der Tat kein Selbstwiderspruch. Denn was immer über die sachliche Wahrheit des Glaubens im Buchstabensinn gesagt wird, gilt genauso vom Glauben an diese Wahrheit im moralischen Sinn.[16] ---

Und so ist das Gemeinte ganz und gar offensichtlich, also, was liegt daran, dass jene nicht zu Glaubenden geworden sind? Werden wir denn deswegen Gottes Treue / die Treue zu Gott aufgeben und lieber denen folgen, die abstreiten, dass die Erfüllung geschehen ist, als dass wir Gott glauben, der bestätigt, er habe sie erfüllt? Sogleich [225] folgt aufs passendste: Das sei ferne. Wir werden ihnen nicht folgen, sondern wir werden an Gottes Treue / der Treue zu Gott festhalten. "Denn Gott ist wahrhaftig" [3, 4], folglich ist ihm zu glauben. "Jeder Mensch aber ein Lügner" [3, 4]; folglich ist ihm weder zu glauben noch zu folgen. --- Oder wie es im Griechischen heißt: Es sei aber Gott wahrhaftig (d. h. geglaubt werden soll eher Gott und nicht dem Menschen, denn er ist ein Lügner). ---

Und so hat er jenen Einwand widerlegt, da es hieß: Das fleischliche Israel hat die Verheißungen nicht angenommen und doch galten sie ihm; folglich ist die Erfüllung noch nicht geschehen. Folglich sagen jene das Wahre und Gott das Falsche? Das sei ferne. Jene sagen: Nein, Gott: Gerade so. Geantwortet wird: Gott ist eher zu glauben, denn er ist wahrhaftig. "Wie geschrieben steht" [3, 4] - dass nämlich ihm zu glauben sei, dem griechischen Text zufolge, denn gerechtfertigt werden, das bedeutet zu glauben, wie es später gesagt werden wird. -

"Damit du Recht behältst in deinem Reden und den Sieg davonträgst, wenn du gerichtet wirst" [3, 4 (= Zitat: Psalm 50 [51], 6)]. Diesen Schriftbeleg zieht der Apostel dem Gedanken nach heran, nicht zur Begründung des Gedankens, d. h. er soll nicht als Begründung, sondern als Ansage verstanden werden, wie wenn man sagt: Du wirst Recht behalten in deinem Reden und den Sieg davontragen, wenn du gerichtet wirst, mag er jenen Satz auch später in einem Gedankenspiel wie eine Begründung verwenden. Also behält Gott Recht in seinem Reden, d. h. wenn ihm im Evangelium bezüglich der Erfüllung des Verheißenen geglaubt wird, so dass er für wahrhaftig und gerecht gehalten wird. Diese Reden jedenfalls sind das Wort des Evangeliums, in ihnen behält er Recht, wenn ihm geglaubt wird: dass er Wahres in ihnen sagt, dass künftig Geschehendes gerade so durch dieses Wort prophezeit wird.

Und er behält nicht nur Recht bei denen, die glauben, sondern er trägt auch den Sieg davon, wenn er gerichtet wird, d. h. wenn er von den anderen zurückgewiesen wird, die abstreiten, dass der Christus gesandt worden und das Verheißene erfüllt worden sei. Die nämlich richten dieses Reden und verdammen und geben ihm ganz und gar nicht Recht - d. h. glauben, es ist gerecht und wahr -, ja, sie richten Gott in ihm und verdammen den, dem andere Recht geben. Aber sie behalten nicht die Oberhand. Denn er trägt den Sieg davon und setzt sich durch, weil, wie sehr sie sich auch widersetzen, diese Treue zu Gott Bestand hat, jene ,Rechtfertigung Gottes in seinem Reden' (d. h. das Vertrauen [226] auf sein Wort [näher am lateinischen Wortlaut: die Gläubigkeit an sein Wort]). Rechtfertigung Gottes und Vertrauen auf Gott ist dasselbe. Denn es behält die Oberhand und besteht fort, ja, es schreitet immerzu voran und wächst, wo die, die nicht glauben, abnehmen und vergehen.

"Dass Gott in seinem Reden Recht behält" bedeutet, dass er selber gerecht und wahr wird in seinem Reden oder dass sein Reden gerecht und wahr wird. Das aber geschieht, indem man glaubt, es aufnimmt und an ihm als wahr und gerecht festhält. Dieser Rechtfertigung indes widersteht allein der Hochmut des menschlichen Herzens durch Ungläubigkeit. Denn er gibt nicht Recht, sondern verdammt und richtet. - Darum glaubt er nicht, weil er es nicht für wahr erachtet. Darum aber erachtet er es nicht für wahr, weil er sein Denken, zu dem es im Gegensatz steht, für wahr erachtet. -

Von daher bedeutet Gott in seinem Reden zu richten, dass er oder sein Reden verdammenswert, lügnerisch und ungerecht werden. Was geschieht durch hochmütige Ungläubigkeit und Empörung. Danach ist völlig klar, dass jene Rechtfertigung und Verurteilung Gottes - Gott und seinem Wort - äußerlich sind, also in den Menschen. Denn zuinnerst ist sowohl Gott wie sein Reden gerecht und wahr. Aber es ist bei uns noch nicht dazu geworden, bis unsere Weisheit sich ihm fügt, ihm durch Glauben Raum gibt und es annimmt. Von daher heißt es in Psalm 50: "An dir habe ich gesündigt" Psalm 50 [51, 6], d. h. ich verzichte auf meine Gerechtigkeit und meine eigene Denkweise, die deinem Reden widersteht und es verdammt, und bekenne, dass ich ein Sünder bin, ungerecht und lügnerisch, damit dein Reden in mir Raum hat und Recht behält, wahr ist und wird, damit es in uns wird, was es in sich selber ist; denn was er geredet hat, ist gerechtfertigt in sich selbst.

Zusatz.   Durch dieses "Gerechtfertigt-werden Gottes" [= Recht-behalten Gottes] aber werden wir gerechtfertigt. Und gerade jene passive Rechtfertigung Gottes, durch die er von uns gerechtfertigt wird [ihm von uns Recht gegeben wird], ist unsere Rechtfertigung, aktiv, von Gott her. Denn jenen Glauben, in dem sein Reden Recht behält, erachtet er für Gerechtigkeit, wie er [Paulus] im 4. Kap. sagt [4, 5] und im 1.: "Der Gerechte wird aus Glauben leben" [1, 17].

Wie auch umgekehrt: Der passive Richterspruch über Gott, mit dem er von den Ungläubigen gerichtet wird, ist deren eigene Verdammung. Denn jene Ungläubigkeit, mit der sie sein Reden richten und verdammen, erachtet er für Ungerechtigkeit und Verdammung. Und so steht es im Einklang mit dem hebräischen Text, der es ebenso [227] formuliert: "Vor dir habe ich gesündigt, deswegen wirst du rechtfertigen" - d. h. du wirst die Rechtfertigung vornehmen - "in deinem Wort, und du wirst reinigen im Richten über dich"[17]. Denn er behält Recht - siegt - in seinem Wort, da er uns zu solchen macht, die sind, wie sein Wort ist, es ist gerecht, wahr, weise usw. Und so verändert er uns in Richtung auf sein Wort hin, nicht aber sein Wort in Richtung hin auf uns.

Er macht aber dann dazu, wenn wir glauben, sein Wort sei so, also gerecht, wahr. Dann jedenfalls ist schon ein ähnlicher Charakter im Wort und im Glaubenden, d. h. Wahrheit und Gerechtigkeit. Folglich rechtfertigt er, wenn er gerechtfertigt wird, und wird er gerechtfertigt, wenn er rechtfertigt. Weshalb mit dem aktiven Ausdruck im hebräischen Text und dem passiven in unserer Übersetzung dasselbe ausgesagt wird. Es siegt aber Gott, d. h. er behält die Oberhand und bringt zuletzt an den Tag, dass alle lügnerisch sind und falsch, die nicht glauben, d. h. die ihn im Richten befleckt haben, wie völlig klar ist bei den Juden und klarer sein wird beim Gericht. Daher der hebräische Text: "Und du wirst reinigen", d. h. du wirst eine Reinigung vornehmen, "im Richten über dich", d. h. du wirst dein Wort und die, die an es glauben, und zugleich dich selbst in ihnen rein machen und es von der Lüge her beweisen, die jene Ungläubigen ihm anhängen, und eher sie entehren, d. h. du wirst an den Tag bringen, dass sie schändlich und lügnerisch sind. Das ist damit gemeint, dass deren Ungläubigkeit die Treue Gottes nicht aufheben wird.

Zusatz. Die aktive und passive Rechtfertigung Gottes und seine Treue oder die Gläubigkeit an ihn sind dasselbe. Denn dass wir sein Reden rechtfertigen, ist seine eigene Gabe, und [228] um dieser Gabe willen hält er uns für gerecht, d. h. rechtfertigt er. Wir aber rechtfertigen sein Reden nur, wenn wir glauben, es sei gerecht usw.

"Wenn aber unsere Ungerechtigkeit Gottes Gerechtigkeit preist" [3, 5]. Diese Fragestellung speist sich aus zwei Quellen, nämlich dem Anstoß des herangezogenen Schriftbelegs aus Psalm 50 [51] und aus dem Wesen und sozusagen Mutterschoß der behandelten Sache selbst. Denn der Psalmvers kann, da er mit der Wendung "Damit du Recht behältst" ursächlich formuliert ist (zumindest in unserer Übersetzung und der der Septuaginta), dem Menschen so erscheinen, als ob wir darum gesündigt haben sollten, dass Gott Recht behält, und dementsprechend, dass man sündigen müsste, damit Gott die Ehre gegeben werde. Die verhandelte Sache indes zielt darauf ab, dass Gott oder sein Reden nur dann Recht behalten und wahrhaftig werden kann, wenn wir als lügnerisch und ungerecht erkenntlich werden, denn es steht im Gegensatz zu uns, und so wird er durch unsere Sünde erkenntlich als gerecht.

Die Lösung indessen ist: Der Apostel redet im Geist, darum wird er nur von denen verstanden, die im Geist sind. Insofern taugt Lyras[18] Lösung nichts, dass die Sünde rein faktisch zur Empfehlung Gottes dient, denn sie dient weder als solche noch rein faktisch zur Ehre von Gottes Wahrheit, insbesondere, wenn man sie von der Gott oder seinen Worten eigenen inneren Wahrheit her begreift. Dagegen taugt sie an sich und speziell zur Empfehlung der Wahrheit Gottes im moralischen oder tropologischen Sinn[19]; d. h. die Gläubigkeit, mit der wir Gott glauben, dass wir in Sünden sind, wenngleich unser Bewusstsein das weder weiß noch meint, sie verortet uns als Sünder und gibt Gott die Ehre, indem sie die Reden von der ,Gnade und Wahrheit' [Joh. 1, 17] annimmt als für sie unentbehrlich. Wer denn sollte Gnade und Gerechtigkeit empfangen, wenn nicht der, der bekennt, dass er Sünde hat?

[229] Zusatz.   "Du wirst Recht behalten in deinem Reden" spielt auf dasselbe an wie jenes "Gott aber ist wahrhaftig und jeder Mensch ein Lügner", und "Du trägst den Sieg davon, wenn du gerichtet wirst" spielt auf dasselbe an wie jenes "Sollte denn ihre Ungläubigkeit Gottes Treue aufheben?", wie ganz klar ist nach dem Gesagten. Weshalb er [Paulus} mit Recht zwischen beides gesetzt hat: "Wie geschrieben steht" [3, 4], er beweist beides mit der Schrift.

Desgleichen: Wie gesagt worden ist, dass Gott oder sein Reden Recht behält, wenn es in uns durch Treue/Vertrauen als gerecht und wahr geglaubt wird, was es in sich selber auch ohne unsere Gläubigkeit ist, so muss man in ähnlicher Weise begreifen, dass wir Sünder werden müssen und Lügner, Törichte, und dass all unsere Gerechtigkeit, Wahrheit, Weisheit, Kraft zugrunde gehen muss. Das aber geschieht, wenn wir glauben, dass wir Sünder, Lügner usw. sind und unsere Kraft und Gerechtigkeit vor Gott im Innersten nichts ist. Auf diese Weise werden wir dann in uns drinnen so, wie wir es nach außen hin (d. h. vor Gott) sind, wenngleich wir drinnen nicht so sind, d. h. wenngleich wir nicht glauben, dass wir so sind.

Denn wie Gott, der allein wahrhaftig, gerecht und mächtig ist in sich selbst, auch nach außen hin - d. h. in uns - so sein will, damit ihm dadurch Ehre gegeben werde (die Ehre eines Guten, das jemandem zuinnerst zu eigen ist, ist ja das Sich-ausbreiten nach außen und auf andere), so will er, dass der Mensch, jeder, ebenso wie er allein ein Lügner ist, ungerecht, schwach nach außen hin (d. h. vor Gott), auch in seinem Inneren zu einem solchen werde, d. h. dass er bekennt und anerkennt, das zu sein, was er ist. Und gerade so verschafft Gott uns durch sein Hervortreten inneren Zugang zu uns selbst und bringt uns durch seine Erkenntnis [dadurch, dass wir ihn erkennen] auch zur Erkenntnis unserer selbst. Denn wenn Gott nicht auf diese Weise zuerst hervorträte und danach verlangte, wahrhaftig zu werden in uns, könnten wir nicht an uns herankommen [näher am lateinischen Text: bei uns eintreten] und Lügner und ungerecht werden.

Es hat ja der Mensch aus sich selbst heraus nicht wissen können, dass er das vor Gott ist, wenn Gott selbst es ihm nicht offenbarte. "Denn wer hat die Gedanken des Herrn erkannt? Oder wer ist sein Ratgeber gewesen?" [Röm. 11, 34] Der Mensch würde sich sonst immerzu für wahrhaftig, gerecht, weise halten, insbesondere, weil er das vor sich selbst und den Menschen ist. Jetzt aber hat Gott offenbart, was er über uns denkt und urteilt, dass nämlich alle in der Sünde sind. Dieser seiner Offenbarung oder seinem Reden müssen wir uns demnach fügen und glauben, ihm auf diese Weise Recht geben und es als wahr erweisen, und auf diese Weise uns selbst (was wir nicht erkannt hatten) ihm gemäß als Sünder bekennen. Genauso [sagt es] der Apostel: "Wenn jemand unter euch weise sein will, dann werde er töricht, um weise zu werden" [1. Kor. 3, 18].

Was er aber von der Torheit sagt, muss man auch von allen anderen [230] Unzulänglichkeiten begreifen: Wer gerecht, wahrhaftig, mächtig sein will, werde Sünder, Lügner und schwach. - Dies ist der geistliche Lauf, nicht der natürliche oder angeborene, also, sich ganz um das eigene Denken drehende, damit es zerstört wird, das über uns, uns selbst, nicht recht urteilt. Darum "zerstreut er, die hochmütig sind in ihrer Denkweise" [Luk. 1, 51]. Das ist die ganze "Macht, die er ausgeübt hat" [ebd.]. - Woraus folgt, dass die Auslegung durch und durch geistlich ist, die lehrt, dass wir Sünder werden. Als der Apostel sie predigte, haben viele sie buchstäblich und fleischlich aufgefasst. Wodurch zum Sünder wird, wer zuvor gerecht war, wie er hier anschließend sagt.

In diesem Horizont bewegt sich Psalm 50 [51], wenn er sagt [V. 5]: "Denn ich erkenne meine Missetat." Und darum folgt [V. 6]: "An dir habe ich gesündigt", d. h. vor dir bekenne ich mich als Sünder, mag ich vor den Menschen auch noch so gerecht sein. Dadurch komme ich doch nicht daran vorbei, dass ich dir gegenüber Sünder bin; "damit du Recht behältst", d. h. damit es geschieht, dass ich deinen Worten glaube, wodurch dann ich gerechtfertigt werde. Und weiter unten [V. 8]: "das Verborgene und Geheime deiner Weisheit" usw., d. h. du hast mir jenes Geheime offenbart, dass wir vor dir Sünder sind, wir hatten es ja nicht von uns aus.

Zusatz: Es genügt nicht, wenn manche jenes "An dir allein habe ich gesündigt" usw. erläutern, als wenn David[20] es deswegen gesagt hätte, weil Fürsten nur Gott über sich haben, dem sie bekennen können und von dem sie bestraft werden können.[21] Er redet vielmehr in seiner Eigenschaft als geistlicher Mensch so, wie in der Tat alle reden müssen, wie es in Psalm 31 [32] heißt: "Ihretwegen" (also der Gottlosigkeit ihrer Sünde wegen) "werden alle Heiligen zu dir beten" [V. 6], d. h. jeder, der ein Heiliger sein wollte, wird bekennen, er sei Sünder und gottlos, und zwar mit folgenden Worten: "Ich will dir bekennen", "du vergibst die Gottlosigkeit ihrer Sünde" [Psalm 31 [32], 5].

Von daher [heißt es] 1. Joh. 1: "Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, machen wir Gott zum Lügner" [V. 10] (was doppelte Sünde ist). "Wenn wir aber bekennen, so ist er treu, der uns vergibt" [V. 9]. Und abermals: "Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, verführen wir uns selbst und die Wahrheit ist nicht in uns" [V. 8]. Lasst uns also mit dem Propheten sagen: "Und mein Mund wird deinen Ruhm verkündigen" [Psalm 50 [51], 17], nicht unseren. Und abermals: "Preisen wird meine Zunge deine Gerechtigkeit" [Psalm 50 [51], 16], nicht unsere.

[231] Damit ist mehr als genug bewiesen, dass allein Gott wahrhaftig ist und jeder Mensch Lügner. Weshalb es "deren Ungläubigkeit" nicht schafft, "Gottes Treue aufzuheben". Was geht es unseren Glauben an, dass jene nicht glauben? Er ist darum weder aufzugeben noch ist Gottes Wahrheit darum abgeschafft, sondern sie ihrerseits vielmehr sind Lügner.

Zusatz. Auch wenn wir keinerlei Sünde bei uns erkennen können, ist es dennoch geboten zu glauben, dass wir Sünder sind. Daher der Apostel: "Ich bin mir nichts bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt" [1. Kor. 4, 4]. Denn gleichwie durch den Glauben Gottes Gerechtigkeit in uns lebt, so lebt durch sie auch die Sünde in uns, d. h. allein im Glauben [fides] ist zu glauben [credere], dass wir Sünder sind. Denn das liegt für uns nicht auf der Hand, im Gegenteil, wir sind uns dessen offensichtlich öfters nicht bewusst. Darum muss man sich an Gottes Urteil halten und seinem Reden glauben, mit dem er uns ungerecht nennt, da er selbst nicht lügen kann.

Und das verhält sich notwendigerweise so, wenngleich es nicht zu sehen ist. "Denn der Glaube ist ein Nichtzweifeln an dem, das man nicht sieht" [Hebr. 11, 1], und allein mit Gottes Worten begnügt er sich. In dieser Demut wie dann auch im Gericht wird sich das Reich Christi, so ist es prophezeit, verwirklichen. Denn so "richtet er unter den Völkern" [Psalm 109 [110], 6]. Und "dort stehen die Stühle bereit zum Gericht" [Psalm 121 [122], 5], da es notwendig ist, dass wir uns selber unablässig anklagen, verurteilen, verdammen und als schlecht bekennen, damit Gott Recht behält in uns. Entsprechend laufen im nämlichen Glauben Worte um wie: "Von meinen verborgenen Vergehen mache mich frei. Verirrungen - wer erkennt sie?" [Psalm 18 [19], 13]. Auch: "Gedenke nicht meiner unerkannten Vergehen" [Psalm 24 [25], 7].

Doch das ist aufs Genaueste zu bedenken: Es genügt nicht, mit dem Munde zu bekennen, Sünder zu sein, ungerecht, ein Lügner, unverständig. Denn was wäre wohl leichter als das, zumal, wenn du damit beruhigt sein könntest und unanfechtbar geworden wärest. Doch du sollst, wenn du dich als solchen mit dem Munde bekannt hast, ebenso auch fest im Herzen von dir denken und dich bei allem Tun und im ganzen Leben danach verhalten. Deswegen kommt es sehr selten vor, dass einer sich als Sünder [an]erkennt und glaubt. Wie denn soll sich einer als Sünder bekennen, der kein Wort gegen ihn, seine Taten, seine Pläne aushalten will, sondern sofort einen Streit beginnt und selbst dann nicht mit dem Munde bekennen will, Lügner zu sein, nein, er besteht darauf, er sei wahrhaftig und verhalte sich richtig und müsse sich gegen Unrecht wehren und Fehler zurückweisen? Wenn er dann doch etwas zu dulden gezwungen ist, wird er völlig wütend und ödet alle damit an, dass ihm allerseits Unrecht geschehe. Siehe, so ist der Heuchler! Er hat bekannt, er sei Sünder, obwohl er nichts, was einem Sünder ansteht, tun und ertragen will, sondern was den Gerechten und Heiligen zukommt.

[232] Alle sind wir daher bereit zu sagen: Ich bin der erbärmlichste Sünder. Doch sich wie ein Sünder betragen will niemand gern oder selten einer. Heißt Sünder zu sein denn nicht, jede Bestrafung und jedes Scheitern verdient zu haben? Sich mit dem Munde als einen solchen zu bekennen, mit der Tat aber nicht wie ein solcher handeln zu wollen, das jedenfalls ist Heuchelei, das ist Lüge. Denn es steht dem Gerechten an, Frieden zu haben, Ruhm, Ehre und alles Gute. Wenn du also zurückweist, dass du gerecht bist, musst du das ebenfalls zurückweisen. Und wenn du bekennst, dass du Sünder bist, sollst du Strafen, Unrecht, Schmach gutheißen als dein eignes Ding und dein Vermögen. Dem aber, was ausschließlich Sache der Gerechten ist, sollst du wie etwas Fremdem aus dem Weg gehen.

Wenn also eine Beleidigung oder ein Wort der Beschimpfung, wenn die Peitsche, wenn Unrecht, wenn Verlust, wenn Krankheit dir widerfahren und du sagst: Das habe ich nicht verdient, warum muss ich es erdulden? Unrecht geschieht, ich bin unschuldig: Weist du dann nicht schon zurück, dass du ein Sünder bist, lehnst dich gegen Gott auf und überführst dich mit deinem eigenen Munde als Lügner, während Gott dich durch dies alles (als ob es seine Worte wären, denn "er spricht, und es geschieht" [Psalm 32 [33], 9]) als Sünder bloßstellt und bestätigt, denn er erlegt dir auf, was den Sündern eigen ist? Und bei alledem kann er weder irren noch lügen. Da lehnst du dich auf, indem du Streit beginnst, und als wenn Gott übel, töricht und lügnerisch handelte, widersprichst du und leistest Widerstand. Und so bist du denen ähnlich, von denen oben die Rede war: "denen, die vom Streit herkommen, die der Wahrheit nicht trauen, aber sie trauen der Ungerechtigkeit" [Röm. 2, 8].[22] Denn auch du traust der Wahrheit (d. h. jenem Tun Gottes, das dir zu Recht auferlegt wurde) nicht.

Wenn du dagegen sagst, nachdem dies eingetroffen ist: Oh ja, das geht tatsächlich mich an, mir geschieht recht, ich gebe es gern zu, ich bin tatsächlich ein Sünder, so dass dies alles gerecht ist und wahr; so oder so habe ich an dir gesündigt, so dass dieses dein Tun, deine Worte Recht behalten, Gott ist wahrhaftig und gerecht; du irrst nicht, was mich anbelangt, keine Lüge ist bei dir, denn so, wie du damit zeigst, dass ich Sünder bin, ist es wahr, ich bin es ja auch: Siehe da, das meint zu sagen: "An dir allein habe ich gesündigt und übel vor dir getan, damit du Recht behältst in deinem Reden" [Psalm 50 [51], 6].

Wie es auch jene [Verse nach] Daniel 3 besagen: "Alles, was du uns angetan hast, Herr, hast du uns auf Grund richtigen Urteils angetan, denn wir haben gesündigt an dir" usw.[23] Weshalb das so ähnlich ist, wie wenn zwei Menschen sich über irgendeine Sache streiten und der eine von ihnen, der demütig nachgibt, sagt: Ich gebe gern nach, damit du gerecht und wahrhaftig da stehst; ich will lieber geirrt, ich will lieber übel getan haben, damit du recht getan und gedacht hast. Würde der nicht sagen: Dir gegenüber habe ich mich geirrt, du hast richtig gedacht? Auf diese Weise sind dann einer Meinung, die sonst durch den Streit uneins geblieben wären. In diesem, genau diesem Sinn [schreibt Paulus]: "Haltet euch nicht selbst für klug!" [Röm. 12, 16].

Von daher habe ich gesagt, dass es ausnehmend selten und äußerst mühsam ist, ein Sünder zu werden und diesen Vers aufrichtig zu sprechen und von Herzen. Denn niemand möchte ohne weiteres Lügen gestraft werden in seinem Denken, für untüchtig erklärt in seinem Tun oder gering geschätzt in seinem Plan. Wenn einer es dennoch schaffte, [233] indem er sagt: Lehre mich bitte anders, ich will es gern anders tun, und auf diese Weise stets unentschieden wäre, wie ,glücklich' [Psalm 1, 1] wäre der doch! Aber allzu abgrundtief ist der Hochmut unseres Denkens und Wollens. Niemand ist gänzlich frei von dieser Seuche, vor allem bei unerwartet eintretendem Unglück.

Doch nun ist zu sagen, auf welche Art und Weise es dahin kommt, dass jemand geistlich zum Sünder wird. Das ist jedenfalls nicht die natürliche. Denn auf diese geschieht es nicht, sondern jeder Mensch steht als Sünder da. Doch die ganze Macht der Verwandlung liegt in der Denkweise verborgen oder in unserer Beurteilung und Bewertung. Sie nämlich zu verwandeln, darauf ist alles Reden der Schrift und alles Wirken Gottes aus. Sie nämlich ist der "scheele Blick" [Matth. 20, 15] und der unverbesserliche Hochmut (auf menschliche Weise). Daher die selige Jungfrau: "Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hochmütig sind in ihres Herzens Sinn" [Luk. 1, 51], d. h. in der Denkweise und Beurteilung des Selbstgefälligen im Widerspruch gegen Gott.

Daher wird dieses Denken "Rat der Gottlosen" Psalm 1 [,1] genannt, und "goldenes Kalb", geheimnisvoll in der Wüste [2. Mose 32], sowie Götzenbild, Baal und Moloch usw., womit "die Gottlosen im Gericht nicht bestehen werden" [Psalm 1, 5]. Folglich heißt Sünder zu werden, dass dieses Denken zerstört wird, mit dem wir beharrlich gut, heilig, gerecht zu leben, zu reden, zu handeln meinen, und ein anderes Denken (das von Gott herkommt) anzulegen, mit dem wir von Herzen glauben, dass wir Sünder sind, übel handeln, reden, leben, im Irrtum sind, und so uns anklagen, verurteilen, verdammen und verabscheuen. "Wer das tut, wird ewig nicht wanken" [Psalm 15, 5].

Allerdings muss man alle diese Aussagen vernünftig verstehen, also, sie dürfen nicht so verstanden werden, als ob gerechte, gute, heilige Werke deswegen abgelehnt würden, weil sie zu unterlassen wären, sondern lediglich, was das sie betreffende Denken angeht, ihre Beurteilung, ihre Bewertung. Das bedeutet, dass wir uns nicht in der Weise auf sie verlassen und sie nicht als solche schätzen oder sie nicht für so bedeutend halten sollen, als wenn wir ihretwegen vor Gott gerecht genug zu sein vermöchten. Jenes der Eitelkeit geschuldete Denken jedenfalls und allein die törichte Beurteilung wird in Frage gestellt, um durch jene Worte ausgetrieben zu werden.

Im Übrigen müssen sie in diesem Sinne höchst eifrig getan und mit ganzer Hingabe ausgeführt werden, also mit dem Ziel, dass wir durch sie, wie in Vorbereitung, am Ende geeignet und aufnahmebereit werden können für Gottes Gerechtigkeit, nicht, damit sie die Gerechtigkeit sind, sondern damit sie nach der Gerechtigkeit fragen. Und insofern sind sie noch nicht unsere Gerechtigkeit, weil wir sie uns nicht als Gerechtigkeit zurechnen. ,Zu bereiten' gilt es ja durch sie alle ,den Weg des Herrn' [Jes. 40, 3 und Mark. 1, 3 parr., Joh. 1, 23], der zu uns kommen wird. Aber sie sind nicht der Weg des Herrn. Dieser ist ja Gottes Gerechtigkeit, welche der gegenwärtige Herr im Anschluss an sie in uns hervorbringt, er allein.

[234] Zusatz. Gott ist im Höchstmaß wandelbar. Das ist völlig klar, weil er Recht behält und gerichtet wird, wie in Psalm 17: "Mit dem Erwählten wirst du ein Erwählter sein, und mit dem Verworfenen wirst du verworfen" [Psalm 17 [18], 27]. Wie nämlich ein jeder in sich selber ist, so ist Gott ihm im Gegenüber. Wenn gerecht, gerecht; wenn rein, rein; wenn ungerecht, ungerecht usw. Daher wird er den Verdammten ewiglich ungerecht erscheinen, den Gerechten aber wirklich gerecht und so, wie er in sich selber ist. Allerdings ist diese Wandelbarkeit eine äußerliche. Was völlig klar ist aufgrund jener Wendung "du wirst gerichtet". Denn ganz so, wie Gott nur von außen her und vom Menschen gerichtet wird, wird ihm auch Recht gegeben. Weshalb man "damit du Recht behältst" zwangsläufig äußerlich von Gott sagt.

"Wir haben bewiesen" [3, 9]. Denn wenn die Juden sich auch durch das auszeichnen, wovon die Rede war und was später, Kap. 9 [V. 4 f.] aufgezählt wird, so sind sie dennoch vor Gott um dessentwillen nicht besser, sondern ebenso wie die Heiden in Sünden. Von daher ist völlig klar, dass das, was er [Paulus] zuvor gesagt hat, "dass die Heiden von Natur aus tun, was des Gesetzes ist" [Röm. 2, 14], sie damit nicht zu Gerechten erklären wollte, es sei denn im Sinne einer vereinzelten und gesetzlichen Gerechtigkeit, aber nicht im Sinne der umfassenden, die ohne Ende ist, ewig und ganz und gar von Gott; sie wird uns nur in Christus gegeben.

Denn es genügt nicht, die Werke des Gesetzes nach außen hin zu tun, aber es genügt auch nicht, sie nach innen hin zu tun, wenn nicht vorab die Rechtfertigung aus Christus hinzukommt. Selbst dann nicht, wenn von jemandem zu sagen ist, er tue die Werke des Gesetzes von innen her, da wir vom Herzen und Denken her (wie die Schrift sagt) von jeher ,zum Bösen geneigt sind' [1. Mose 8, 21] und daher unwillig zum Gesetz und zum Guten; weshalb wir auch nichts Gutes tun, wie oben lang und breit gesagt worden ist.

"Dass alle unter der Sünde sind" [3, 9]. Dieser gesamte Text muss verstanden werden als im Geiste gesagt, das bedeutet, dass er nicht von den Menschen spricht, wie sie in ihren eigenen Augen sind und vor den Menschen, sondern wie sie vor Gott sind: Da sind alle unter der Sünde, also sowohl die, die [235] eindeutig auch vor den Menschen böse sind, als auch die, die sich selber und den Menschen gut erscheinen.

Und der Grund ist, dass diejenigen, die eindeutig böse sind, gewiss nach beiden menschlichen Seiten hin sündigen und auch bei sich selber keinen Anschein von Gerechtigkeit haben. Diejenigen aber, die sich und den Menschen nach außen hin gut erscheinen, sündigen nach dem inneren Menschen hin. Denn mögen sie auch sichtbar gute Werke tun, sie tun das aus Furcht vor Strafe oder aus Verlangen nach Vorteil, Ehre oder einem anderen Geschöpf, nicht aus freien Stücken und mit Freuden, und so wird gewiss der äußere Mensch zu guten Werken gedrängt, aber der innere sprudelt über, voll von Begierden und widersprüchlichen Wünschen.

Denn wenn es straffrei möglich wäre oder wenn er wüsste, dass sich Ehre oder auch nur Ruhe nicht einstellen, würde er das Gute lieber unterlassen und täte ebenso wie die anderen das Böse. Was für ein Unterschied besteht folglich vor Gott zwischen dem, der das Böse tut, und dem, der es tun möchte, wenn er es auch nicht tut, da Furcht ihn zurückhält oder das Verlangen nach zeitlichen Dingen ihn lockt?

Doch der schlechteste von allen ist er dann, wenn er behauptet, dass solche äußerliche Gerechtigkeit genug sei, und sich denen widersetzt, die die innerliche lehren, und einer, der sich, wenn er angeklagt wird, verteidigt oder gar meint, es betreffe ihn nicht, weil er deswegen angeklagt wird, nicht wegen etwas, das er nicht tut, sondern deswegen, weil er es nicht schlicht von Herzen tut, geschweige denn, dass er den Willen zurechtbringt, mit dem er das zu seinem Tun im Widerspruch Stehende wünscht.

Dann sind seine guten Werke ja schon in zweifacher Weise schlecht: erstens, weil sie nicht aus gutem Willen heraus getan wurden und daher schlecht sind. Zweitens, weil sie in erneutem Hochmut für gut befunden werden und verteidigt werden. Wie es Jeremia 2 heißt: "Zweifache Sünde hat mein Volk begangen" usw. [Jer. 2, 13]. Denn wenn nicht durch Gottes Gnade (die er denen, die an Christus glauben, verheißen hat und schenkt) dieser Wille geheilt wird, so dass wir frei sind und freudig bereit zu den Werken des Gesetzes, weil wir nur danach fragen, Gott zu gefallen und seinen Willen zu tun, indem wir nicht aus Furcht vor Strafe oder aus Liebe zu uns selbst handeln, sind wir allezeit unter der Sünde. Darum sagt er [Paulus]: "Da ist keiner, der gerecht ist" [3, 10].

In der Tat soll hier wirklich ein jeder auf sich sehen und die Augen offen halten, aufs Sorgfältigste richte er sich darauf aus. Selten nämlich gibt es den Gerechten, nach dem der Apostel hier fragt. Was daher kommt, dass wir uns selten nur so tief in Frage stellen, dass wir diese Schwäche des Willens, nein, vielmehr Seuche erkennen. Und darum demütigen wir uns selten nur, nur selten fragen wir nach Gottes Gnade in rechter Weise, weil wir nicht ,verstehen', wie er hier [3, 11] sagt. Derart abgründig ist ja diese Seuche, dass sie selbst von den geistlichsten Männern nicht voll erfasst werden kann. Und darum seufzen die wahrhaft Gerechten nicht nur und erbitten flehentlich Gottes Gnade, weil sie wahrnehmen, dass sie einen schlechten Willen haben und damit Sünde vor Gott, sondern auch, weil sie wahrnehmen, dass sie niemals ganz wahrnehmen, wie abgrundtief und in welchem Ausmaß schlecht ihr Wille ist. Darum glauben sie allezeit, sie sind Sünder, ganz wie des schlechten Willens Tiefe ohne Ende ist.

Also demütigen sie sich, also flehen sie, also seufzen sie, bis sie als Vollendete geheilt werden, was im Tode geschieht. Bis dahin ist es schließlich doch so, dass wir allezeit sündigen. "Wir fehlen in vielen Dingen" [Jak. 3, 2]. Und "wenn wir sagen, wir haben keine [236] Sünde, verführen wir uns selbst" [1. Joh. 1, 8]. Denn (um es exemplarisch zu sagen) wer tut das Gute und unterlässt das Böse mit dem Willen, mit dem er, wenn es denn nicht angeordnet wäre oder nicht verboten, so weitermachte wie bislang und es unterließe? Ich glaube, dass, wenn wir unser Herz recht prüfen, niemand sich selbst als so jemanden ausmacht, es sei denn, er wäre der vollkommenste; sondern er wird vielmehr, wenn es ihm frei steht, viel Gutes unterlassen und Böses tun. Und das bedeutet, vor Gott in Sünden zu sein, dem aus freien Stücken zu dienen wir durch den Willen, von dem ich gesprochen habe, abgehalten werden.

Darum "ist keiner auf Erden so gerecht, dass er nur Gutes tut und nicht sündigt" [Pred. 7, 20]. Darum bekennen die Gerechten es allezeit. Und in Psalm 31 [heißt es]: "Ihretwegen werden alle Heiligen beten zur rechten Zeit" [Psalm 31 [32], 6].

Ja, wer weiß denn oder kann auch nur wissen, mag es ihm in diesem Willen auch so scheinen, dass er das Gute tut und das Böse unterlässt, ob das wirklich an dem ist, da allein Gott darüber richten wird und wir uns selbst in diesem Punkt nicht richten können, dem Apostel zufolge, 1. Kor. 4: "Wer gibt dir denn den Vorzug?" [V. 7]. Sowie auch: "Richtet nicht vor der Zeit" usw. [V. 5]. Denn wenn es manchen auch so scheint, dass sie den entsprechenden Willen haben, so ist das eine gefährliche Anmaßung, in der sehr viele aufs hinterlistigste getäuscht werden, wenn sie, im Vertrauen darauf, dass sie Gottes Gnade schon haben, darauf verzichten, ihre geheimen Gedanken auszuforschen, täglich lauer werden und im [Fixiertsein auf den] Buchstaben schließlich sterben.

Denn wenn sie untersuchten, ob sie nicht aus Furcht vor Strafe oder aus Ehrgeiz, aus Scham, wegen einer Vorliebe oder eines anderen eigennützigen Bestrebens zum Tun des Guten oder zum Unterlassen des Bösen bewogen werden, stießen sie ohne Zweifel darauf, dass sie von dem schon Genannten bewogen werden und nicht allein von Gottes Willen, oder zumindest, dass sie nicht wissen, ob sie es rein aus Liebe zu Gott tun; und, so sie darauf stoßen, wie man zwangsläufig darauf stößt und weil es ja nicht an uns ist, das, was besser ist, vorzuziehen, sondern das Schlechte - wir, die wir doch von Natur aus, aus uns selbst heraus, schlecht sind -, wären sie gewiss besorgt, demütigten sich und bäten um Gottes Gnade, allezeit, mit klagendem Seufzen, und schritten auf diese Weise stetig voran.

Denn was uns zu hoffen geboten ist, ist uns gewiss nicht deswegen geboten, weil wir hoffen sollen, dass wir so gehandelt haben, wie wir sollen, sondern dass der Herr, der barmherzige, der allein in diesen unseren Abgrund (sein Aussehen liegt bei uns völlig im Dunkeln) hineinschaut, ihn uns nicht als Sünde zurechnet, wenn wir ihn ihm bekennen. So [sagt] Hiob: "Auch wenn ich aufrichtig gewesen bin - gerade das wird meine Seele nicht wissen" [Hiob 9, 21]. Und weiter: "Mir graut vor all meinen Qualen" usw. [Hiob 9, 28], soll heißen: weil er nicht wissen konnte, ob er mit unaufrichtigem Herzen gehandelt hat, und ob er nicht, was ihm zugehört, mit einem höchst verborgenen eigennützigen Bestreben begehrt hat.

Ein Fall von Hochmut und von jeder Sünde gesättigt ist daher jenes Seneca-Wort: "Wenn ich wüsste, [237] dass die Menschen es nicht bemerken und die Götter es verzeihen, würde ich noch immer nicht sündigen wollen."[24] Erstens, weil es nicht möglich ist, dass ein Mensch aus sich selbst heraus diesen Willen hat, da er allezeit so sehr zum Bösen geneigt ist, dass er nur durch Gottes Gnade zum Guten aufgerichtet werden kann. Demnach hat sich selbst noch nicht erkannt, wer so Großes über sich im Voraus vermutet. Es kann in der Tat durchaus sein, gestehe ich zu, dass er in dieser Gesinnung manch Gutes tun und wollen kann, aber nicht alles; wir sind ja nicht so durch und durch zum Bösen geneigt, dass uns nicht ein Rest verblieben wäre, der aufs Gute aus ist, wie klar zu sehen ist am Gewissen.

"Da ist deshalb keiner, der gerecht ist" [3, 10], denn es ist niemand aus sich selbst heraus freiwillig bereit zu Gottes Gesetz, sondern alle widerstreben (zumindest im Herzen) Gottes Willen, indes der gerecht ist, "der seine Lust hat am Gesetz des Herrn" [Psalm 1, 2]. Entsprechend auch:

"Da ist keiner, der verständig ist" [3, 11]. Denn Gottes Weisheit liegt im Verborgenen, ist der Welt unbekannt. "Das Wort freilich wurde Fleisch" [Joh. 1, 14] und die Weisheit, Fleisch geworden und dadurch verborgen, ist nur mittels Verstand fassbar, gleichwie Christus nur mittels Offenbarung erkennbar ist. Weshalb die, die von den sichtbaren Dingen her und bezüglich der sichtbaren Dingen weise sind (alle Menschen außerhalb des Glaubens sind so, sie kennen weder Gott noch das künftige Leben), nicht verstehen, nicht im Besitz von Weisheit sind, d. h. sie sind nicht verständig, nicht wissend, sondern unwissend und blind, und ,mögen sie sich auch für weise halten, sind sie dennoch zu Toren geworden' [Röm. 1, 22]. Denn nicht nach der Weisheit, die im Verborgenen ist, sondern nach der, die auf menschliche Weise entdeckt werden kann, sind sie weise.

"Da ist keiner, der nach Gott fragt" [3, 11]. Heißt es sowohl von denen, die ganz eindeutig nicht nach Gott fragen, wie von denen, die nach ihm verlangen oder vielmehr von sich meinen, sie fragten nach ihm, denn sie fragen nicht, [238] wie Gott gefragt und gefunden werden will, also durch Glauben - in Demut - und nicht durch die eigene Weisheit in Anmaßung.

Zusatz. Wie jenes "Da ist keiner, der gerecht ist" alle beide Sorten Menschen meint, also die, die nach rechts wie die, die nach links abweichen [vgl. Sprüche 4, 27], so auch jenes "Da ist keiner, der verständig ist" und "Da ist keiner, der fragt". Die einen nämlich verstehen nicht, weil sie nicht gerecht sind, sie fragen nicht nach, indem sie nachlassen und es dann ganz sein lassen, die anderen aber, indem sie maßlos werden und es allzu sehr übertreiben. Die nämlich sind allzu gerecht, allzu verständig, allzu sehr Fragende, bis sie schließlich in ihrem Denken unverbesserlich sind. Wie es auch der Komödiendichter sagt: "Sie kommen ja fürwahr durch Verstehen dahin, dass sie nichts verstehen."[25] Und nochmals er: "Die größte Gerechtigkeit ist oft die größte Torheit"[26], also Ungerechtigkeit, wenn nämlich beharrlich an ihr festgehalten und der Gegenseite nicht nachgegeben wird. Daher auch sagt das Sprichwort im Volksmund: Weiß Leut narrn groblich - Die Klügeren sind umso derber neben der Spur.[27]

"Keiner, der verständig ist" sagt er eher als "keiner, der fragt". Denn eher ist das Erkennen da als das Wollen und das Tun; das "Fragen" drängt zur Leidenschaft und zur Tat. Es selber aber ist später da als das Verstehen. Deshalb verstehen die Gottlosen auf der linken Seite nicht, weil sie von den sichtbaren Dingen im nichtigen Treiben der Begierde geblendet werden. Die auf der rechten dagegen verstehen nicht, weil sie in ihrer eigenen Weise, über die Weisheit und ihre Gerechtigkeit zu denken, daran gehindert werden. Und so sind sie sich selber ein Bollwerk gegen das göttliche Licht.

Deshalb heißt beidem zufolge ein Mensch zu Recht gerecht, wenn er verständig ist und wenn er nach Gott fragt, mit dem entsprechenden Verstand. Ansonsten ist der Verstand ohne das Fragen tot, gleichwie ,der Glaube ohne Werke tot ist' [Jak. 2, 17] und weder lebendig macht noch gerecht. Und umgekehrt [heißt ein Mensch] ungerecht, wenn er weder versteht noch fragt. Weshalb er [Paulus] auch vorausgeschickt hat: "Da ist keiner, der gerecht ist." Gleichsam zur Erklärung, was es bedeutet, kein Gerechter zu sein, sagt er: Er versteht weder, noch fragt er nach Gott.

Zusatz. Der Verstand, von dem hier die Rede ist, ist der Glaube selbst oder die Bekanntschaft mit den unsichtbaren [239] und zu glaubenden Dingen. Darum ist der Verstand im Verborgenen, weil er es mit dem zu tun hat, was der Mensch aus sich selbst heraus nicht wissen kann, wie es Joh. 6 heißt: "Niemand kommt zum Vater, denn durch mich" [Joh. 14, 6]. Und noch einmal: "Niemand kommt zu mir, es sei denn, mein Vater hat ihn gezogen" [Joh. 6, 44]. Und zu Petrus: "Selig bist du, Simon Barjona, denn Fleisch und Blut hat dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel" [Matth. 16, 17]. Wie sollten folglich die Gottlosen und die Sensualisten auf der linken Seite das erkennen, für die bloß das Sichtbare zählt? Und wie die auf der rechten, die bloß ihr eigenes Denken in Betracht ziehen und gelten lassen? Beide errichten sich ein Bollwerk und ihnen fremdes Hindernis wider das Licht dieses Verstandes.

Die Leidenschaft dagegen oder das bei Gott Erforderte ist Gottes Liebe selbst, die uns wollen und lieben lässt, was der Verstand uns verstehen ließ. Denn wenn man auch versteht und glaubt, kann dennoch nicht ohne Gottes Gnade geliebt und gern getan werden, was geglaubt und verstanden worden ist. Treffend dagegen sagt er [Paulus]: "Da ist keiner, der nachfragt." Denn die Umstände dieses Lebens sind durchweg nicht so, dass man Gott hat, sondern dass man nach ihm fragt.

Man muss ständig fragen und nachfragen, d. h. wieder und wieder fragen. Gleichwie es im 103. Psalm heißt: "Suchet sein Antlitz allezeit" [Psalm 104 [105], 4]. Und: "Dorthin ja ziehen die Stämme hinauf" usw. [Psalm 121 [122], 4]. Auf diese Weise geht man ja "von einer Kraft zur anderen", [Psalm 83 [84], 8], "von einer Klarheit zur anderen" [2. Kor. 3, 18][28] in dieselbe Gestalt hinein. Denn nicht wer anfängt und fragt, sondern "wer beständig bleibt" und weiterfragt "bis zum Ende, der wird gerettet werden" [Matth. 10, 22; 24, 13], immer ein Anfänger, ein Fragender und nach dem Gefragten immer Weiterfragender. Denn wer nicht vorangeht auf Gottes Weg, fällt zurück. Und wer nicht weiterfragt, verliert das Gefragte, da es kein Stehenbleiben gibt auf Gottes Weg. "Und wo wir anfangen, nicht besser werden zu wollen, hören wir auf damit, gut zu sein" - wie der heilige Bernhard sagt -.[29]

Zusatz. Mag dieser Psalm jetzt auch hinsichtlich der Gottlosen auf der linken Seite verständlich sein, so spricht er doch vor allem von denen auf der rechten. Die irren ja selten so abgrundtief, [240] dass sie "in ihrem Herzen sagen: Es ist kein Gott" [Psalm 13 [14], 1]. Sie wissen ja von Gott und dem, was Gott gebietet, doch durch ihren Lebenswandel sagen sie: »Es ist kein Gott«. Es ist nicht wahr, was gesagt wird; folglich ist da auch keine Wahrheit, folglich ist da auch kein Gott. Sie sagen das in der Tat mit dem Handeln und Reden, vor allem aber mit dem Herzen, denn sie kennen Gott in Wahrheit nicht, sondern machen ihn sich zurecht, wie sie ihn haben wollen, und hören darum auch weder, was Gott spricht, noch wissen sie es, sondern sie meinen und behaupten, Gottes Wort zu haben und auf sie müsse gehört werden.

Sie irren folglich mit dem Herzen, und wenn sie Gottes Stimme hören, als sei sie nicht von Gott und als sei es nicht Gott, der spricht, verhärten sie ihre Herzen. Und zwar, weil Gottes Stimme etwas zu ihrem Denken (das sich für gerecht und weise und ganz von Gott erfüllt hält) im Widerspruch Stehendes sagt, und im Eifer für Gott, aus Liebe zur Wahrheit und angesichts eines maßlosen Begriffs von Gott behaupten damit auch sie: "Es ist kein Gott", und sie weisen die Wahrheit zurück und werden unverständig, weil sie behaupten, sie seien weise.

Das Ganze geschieht "im Lebensvollzug"[30] bei allen hochmütigen und der eigenen Denkweise verhafteten Menschen, besonders, wenn es um die Dinge geht, die Gott betreffen und das Wohl der Seele. Denn hier spricht Gott, aber er spricht so, dass weder die Person noch Ort, Zeit oder Wort sich den Hochmütigen so erschließen, dass Gott durch sie und in den entsprechenden Gegebenheiten spricht. Und daher weichen sie zurück oder begehren auf, ebenso ungläubig wie unverständig, und zumindest im Herzen sagen sie: "Gott ist dort nicht" usw., denn nur der Demütige nimmt Gottes Wort auf.

Alle sind sie abgewichen, gleichermaßen sind sie nutzlos geworden [3, 12]. "Alle" - soll heißen: alle Menschenkinder, die noch nicht durch den Glauben Kinder Gottes sind, geboren "aus Wasser und dem Heiligen Geist" [Joh. 3, 5]. Und von diesen weichen die einen nach links ab, sie dienen dem Reichtum, dem Ansehen, den Begierden, den Mächten dieser Welt. Die anderen aber nach rechts, sie eifern um ihre Gerechtigkeiten, Kräfte und Weisheiten, indem sie - Gottes Gerechtigkeit und der Gehorsam gegen Gott sind hintan gesetzt - in geistlichem Hochmut auf die Demut der Wahrheit losgehen. Daher sagt die Schrift, Sprüche 4: "Weiche weder nach rechts ab noch nach links" [Sprüche 4, 27], also von dem Weg, der auf der rechten Seite liegt, denn es folgt: "Denn die Wege, die zur Rechten sind, hat der Herr erkannt, verworfen aber sind, die zur Linken sind."[31] Weil nämlich von der rechten Seite nach rechts abzuweichen heißt: allzu sehr wissend zu sein, rechthaberisch zu handeln usw.

Jenes "gleichermaßen" wird schlussfolgernd gebraucht, und zwar wie wenn er sagen würde: Alle sind nutzlos geworden, [241] d. h. belanglos und hinter Nutzlosem her. Denn verdientermaßen werden die, die nach Nutzlosem fragen, auch selber "nutzlos", belanglos durch das Belanglose; gleichwie die Reichen nach dem Reichtum, so heißen, besitzanzeigend, jene Nutzlosen nach dem Nutzlosen. Denn die Beschaffenheit dessen, das wir lieben, bringt uns als entsprechend Beschaffene hervor. "Du liebst Gott, du bist Gott; du liebst die Erde, du bist Erde", sagt der selige Augustinus.[32] Denn die Liebe ist eine vereinigende Kraft, die aus dem Liebenden und dem Geliebten etwas, das eins ist, macht.

Zweitens heißen sie auch "nutzlos", weil sie für Gott nutzlos sind und für sich selbst. Aber der erste Gedanke ist besser, denn er möchte begründen, dass sie dadurch belanglos geworden sind, dass sie sich von Gottes Wahrheit und Gerechtigkeit abgewandt haben hin zu ihrer eigenen.

Allerdings können jene drei im Modus der Wiederholung und auf eine Steigerung des Ausdrucks angelegten Aussagen auch so verstanden werden, dass die Wendung "Da ist keiner, der gerecht ist" dasselbe bedeutet wie "Alle sind abgewichen"; und die Wendung "Da ist keiner, der verständig ist" dasselbe bedeutet wie "Gleichermaßen sind sie nutzlos geworden"; und die Wendung "Da ist keiner, der nach Gott fragt" dasselbe bedeutet wie "Da ist keiner, der Gutes tut" [3, 12].

Denn "abzuweichen" bedeutet ja, ungerecht zu werden. Und belanglos zu werden, das bedeutet, die Wahrheit im Verstand einzubüßen und Belangloses zu bedenken. Von daher wird ihrem Erkenntnisvermögen an vielen Stellen Belanglosigkeit bescheinigt.

Obendrein bedeutet "nicht Gutes tun", nicht nach Gott zu fragen. Denn mögen sie auch nach außen hin Gutes tun, so tun sie es doch nicht von Herzen und fragen damit nicht nach Gott, sondern vielmehr nach Ehre und Gewinn oder wenigstens nach Straffreiheit. Und daher tun sie das Gute nicht, sondern sie werden es vielmehr (um es mal so zu sagen) getan, d. h. sie werden von der Furcht oder der Liebe dazu gedrängt, das Gute zu tun, aus freien Stücken täten sie es nicht. Doch die, die nach Gott fragen, tun es umsonst und freudig wegen Gott allein, nicht wegen irgendeines In-Besitz-Nehmens von was auch immer, sei es etwas Geistiges oder Materielles. Doch dies ist keine Frage der Natur, sondern von Gottes Gnade.

[242] "Ein offenes Grab ist ihr Rachen" [3, 13]. Mit diesen drei Sätzen wird aufgezeigt, auf welche Weise sie auch anderen gegenüber Übles tun, nachdem er [Paulus] in den vorhergehenden beschrieben hat, auf welche Weise sie in sich selber übel und gottlos sind - dies durch die eigene Abkehr, jenes aber durch die Hinwendung auch von anderen zu sich, durch das Abwenden von Gott, wie auch sie selber sich abgewandt haben.

Und das betrifft zunächst die, die sie hören und ihnen nachfolgen.

Erstens verschlingen sie sie als Tote. Weshalb er sagt: "Ein offenes Grab ist ihr Rachen" [Psalm 5, 10]. So, wie das Grab Aufbewahrungsort der Toten ist, und zwar der Toten, für die es keine Hoffnung gibt, dass sie wieder aufstehen, wie es die Hoffnung beim Schlaf ist, weshalb es im Psalm heißt: "Die in den Gräbern ruhen, derer du nicht mehr gedenkst, sind sie ja von deiner Hand abgeschnitten" [Psalm 87 [88], 6], so schlürft ihre Lehre oder ihr Mund bzw. ihr Rachen (d. h. die Rede des Mundes und des Rachens) die Toten von der Treue in den Treuebruch schlicht ein, und zwar schlürft sie sie so ein, dass es keine Hoffnung auf Rückkehr vom Tod dieses Treuebruchs gibt, sofern sie nicht doch noch durch die absolut einzigartige Kraft Gottes zurückgerufen werden können, bevor sie in das Reich des Todes hinabsteigen, wie es der Herr an Lazarus, der seit vier Tagen tot war [vgl. Joh. 11, 17], bildlich vor Augen geführt hat.

"Offen" aber sagt er, weil sie viele verschlingen und auf Abwege führen. "Ihre Rede ist schleichend wie ein Krebsgeschwür" [2. Tim. 2, 17], wie hinterher: "Haben die das nicht erkannt, die mein Volk verschlingen wie eine Brotzeit?" [Psalm 13 [14], 4]. D. h. geradeso wie es keinen Ekel davor gibt, Brot zu essen, sondern es wird mehr und öfter gegessen als alle anderen Mahlzeiten, so verschlingen jene unablässig ihre Toten und Schüler, und sie werden niemals satt, denn "der Mutterschoß" (d. h. der tödlichen Lehre) "ist unersättlich" [Sprüche 30, 16]. Ja doch, wie das Brot in dem, der es isst, aufgeht, so auch jene im Treuebruch ihrer Lehrer.

Dieser Vergleich hält zugleich noch den Unterschied fest, dass die besagten Gottlosen auch Gerechte verschlingen, allerdings nicht wie eine Brotzeit, da sie sie sich nicht einverleiben wie Brot, sondern sie schlucken sie lebendig und im Rohzustand herunter und setzen sie daher auch nicht um, sondern sie gehen vielmehr entweder selber an ihnen zugrunde oder sie werden durch sie korrigiert.

Daher ist die Häresie oder treulose Lehre nichts anderes als eine Art Seuche oder ansteckende Krankheit, die sehr viele infiziert und tötet, wie es auch bei einer körperlichen Krankheit geschieht.

Er sagt indes lieber "Rachen" als "Mund", um die Leistung und Überzeugungskraft ihrer Lehre zu veranschaulichen, denn sie sind übermächtig, also verschlingen sie sie auch gewissermaßen wie das, was schon bis in den Rachen heruntergeschluckt worden ist, nicht wie etwas noch im Mund Befindliches, da dies noch [243] von sich gegeben und ausgespuckt werden kann. Erfolgreich aber ist ihre Lehre, weil sie als eine schmeichelhafte und gefällige vorgetragen wird, wie der Apostel sagt: "Lehrer, die ihnen einen Ohrenkitzel bieten" [2. Tim. 4, 3]. Wie nun der Rachen keine Zähne hat, so hat sie der Mund, weil der Mund mit den Zähnen zubeißt, der Rachen dagegen schlingt ohne Biss sanft herunter.

Ferner aus dem weiteren Grund, dass solche Lehrer nicht zubeißen, nicht durchkauen und zerreiben, d. h. sie stellen nicht bloß, sie machen nicht demütig, sie führen nicht zur Buße, sie zerstören und beschädigen sie nicht. Sondern so wie sie sind, unversehrt, schlucken sie sie in ihrem Treuebruch herunter, wie es in den Klageliedern heißt: "Deine Propheten haben dir deine Verfehlungen nicht geoffenbart, so dass sie dich zur Buße herausgefordert hätten" [Klagelieder 2, 14].

Denn einen Sünder mit Worten bloßzustellen und zu tadeln, das bedeutet, ihn mit den Zähnen zu zermahlen, bis er klitzeklein und weich wird (d. h. demütig und sanftmütig). Zu schmeicheln hingegen und die Sünden zu bagatellisieren oder rasch nachzusehen, das bedeutet, sie mit dem Rachen zu verschlingen, d. h. sie unversehrt, groß und hart zu belassen, d. h. hochmütig, verhärtet, was die Buße angeht, und unwillig, sich auf sie einzulassen. Daher heißt es im Hohenlied von der Braut, sie habe "Zähne wie eine Herde frisch geschorener Schafe, die" usw. [Hhld. 4, 2], d. h., wenn man die Scheltworte aus der Schrift herausnimmt, ohne Verlangen nach Strafe usw. Von daher schließt sich auch dieser den beiden anderen Sätzen an und erklärt sozusagen, worauf er mit dem Worten: "Ein offenes Grab ist ihr Rachen" hatte hindeuten wollen, oder, wie es vor sich geht, dass sie sie verschlingen.

Zweitens, sie lehren "heuchlerisch" [Psalm 5, 10]. Darum ist ja das Grab offen, darum verschlingen sie viele, weil sie heuchlerisch lehren. Darum indessen verschlingen sie, darum ist ihr Rachen ein Grab, weil er Gift von unten einspritzt. Und so töten sie durch es und machen zu Toten, damit wiederum machen sie viele zu Toten. Denn Schmeicheleien und hinterlistige Überzeugungskraft lockt an und nimmt viele mit, das Gift indessen tötet die Mitgenommenen. Darum ist es höchst treffend gesagt, dass ein "Grab" (wegen der Toten), ein "offenes" (denn es geht um viele), "der Rachen" sei (denn sie töten schmeichelnd und heuchlerisch), und zwar "ihrer". Doch der Reihe nach!

"Handeln mit den Zungen" [Psalm 5, 10] bedeutet: zu lehren, zu ermahnen, zu ermuntern und generell: sich einem anderen gegenüber dieses Organs zu bedienen. "Heuchlerisch" indessen bedeutet: eine gefällige und prickelnde Lehre als heilige, heilbringende und von Gott kommende zu lehren, damit die Menschen, betrogen, auf diese Weise vermeintlich Gott hören und ihn auch zu hören glauben, da ihnen die Rede gut zu sein scheint, sowohl wahrhaftig als auch von Gott. Von daher ist auf dieses Gefällige und Einschmeichelnde, durch das eine solche Rede dem Hörer gefallt, mit der Formulierung "mit - ihren - Zungen" nicht nur locker angespielt, genau wie oben mit "im Rachen".

Die Zunge nämlich ist ein weicher Muskel ohne Knochen und sie leckt sachte. Geradeso tätschelt jede ihrer Reden bloß das Herz der Menschen, die sich selber gefallen in ihrer Weisheit oder Gerechtigkeit, oder dem Handeln oder dem Wort. Wie in Jesaja 30: "Sagt uns [244] Angenehmes! Erschaut für uns nicht, was das Rechte ist" [Jesaja 30, 10], d. h. sagt nicht, was im Gegensatz steht zu unserer Denkweise. So, geradeso schrecken sie vor dem Wort vom Kreuz (durch welches die eigene Denkweise getötet werden sollte und sozusagen mit den Zähnen zermalmt) bloß zurück, und das, was sie fördert, wollen sie hören. Ein schreckliches Wort! So gewinnt jene Arglist denn die Masse, doch das Gift tötet die Gewonnenen. Darum ist das Grab offen und weit usw.

Von daher: Drittens, sie töten die derart Unterwiesenen; denn "Gift ist unter ihren Lippen" [Psalm 139 [140], 4]. Es ist eben diese schöntuende und gefällige Lehre, die die, die sie glauben, nicht nur nicht lebendig macht, sondern sogar tötet. Und zwar so tötet, dass sie unwiederbringlich verloren sind. Weil Otterngift nicht zu heilen ist. Die Otter nämlich ist eine Schlangenart in Afrika, deren Biss, wie Aristoteles sagt[33], nicht zu heilen ist. Entsprechend ist das treulose und häretische Volk ein unverbesserliches Volk.

Aber dieses Gift, diesen Tod der Seelen, sehen die ach so Elenden nicht. Darum sagt er: "Unter ihren Lippen", was meint, unten verbirgt sich der Tod, wo sich ihnen nach außen hin dem Anschein nach in den nämlichen Worten ihrer Lehren das Leben und die Wahrheit kundtut. Also hat er, da das Otterngift nicht zu heilen und der Tod unwiederbringlich ist, treffend "ein Grab" gesagt. Denn der schmeichlerisch erweckte äußere Anschein von Wahrheit und Gerechtigkeit ist der Grund dafür, dass - das Grab ist offen - von dem Gift zu heilen unmöglich ist und aussichtslos. Alle lieben wir ja die Wahrheit und die Gerechtigkeit. Darum hängen sie ihr beharrlich an, wo sie blendend aussieht, und sie wird missachtet, wo sie verächtlich aussieht, wie sie in der Tat immer aussieht. Das ist klar ersichtlich an Christus, der "weder Gestalt noch Hoheit" hatte [Jes. 53, 2]; so auch bei jeglicher Wahrheit, die uns, konträr zu unserem Denken, entgegenkommt.

"Ihr Mund ist voll Fluch..." [3, 14]. Sieh da, hier haben sie einen "Mund", wo er zu denen vorgedrungen ist, die ihnen nicht nachfolgen. Hier ist es nicht der "Rachen", nicht die "Zunge", sondern der "Mund" voller Zähne, wie daraus folgt. Also:

Zum zweiten, wie sind sie zu denen, die sich ihnen nicht anschließen, sondern vielmehr Widerstand leisten und sie Gutes und Richtiges lehren, um sie vom angekündigten Tod abzuwenden? Sieh an, womit sie es ihnen vergelten. Wiederum tun sie dreierlei.

Erstens, "ihr Mund ist voll Fluchens" [Psalm 10, 7]. Ein vortrefflicher Ausdruck, denn ihr Fluch geht nicht auf die von ihnen Verfluchten über, sondern er bleibt bei ihnen. Sie schaden nur sich selber, gemäß dem, was für Christus gilt: [245] "Wer dir flucht, wird verflucht sein" [vgl. Gen. 12, 3; Gen. 27, 29; Num. 24, 9; Psalm 36 [37], 22].[34] Genauso in einem anderen Psalm: "Gott zerstört ihre Zähne in ihrem Mund" [Psalm 57 [58], 7], nicht in der Verwundung oder im Körper der anderen. Denn er lässt sie so zubeißen, dass sie dennoch niemandem schaden, also zerstört er in ihrem Mund. Entsprechend fehlt es auch ihnen nicht an Zähnen und Flüchen, aber sie sind nur im Mund, denn er ist "voll".

Dieses "Fluchen" bedeutet, unverhohlen mit Schmähungen, Verwünschungen, Lästereien dreinzuschlagen und Böses zu wünschen. Das aber tun alle, die bemerken, dass ihrem Denken, das sie sich in den Kopf gesetzt haben (es erscheint gerecht und wahrhaftig) widersprochen wird, gleichsam bereit, die Wahrheit zu hüten und Gott einen Dienst zu erweisen [vgl. Joh. 16, 2] in erstaunlichem Eifer, der aber keinen "Verstand" hat [vgl. Röm. 10, 2]. Und sie tun das nicht lasch, sondern, wie gesagt, mit erstaunlichem Eifer. Denn er sagt, "der Mund ist voll", sie fluchen ja reichlich.

Zweitens, "in Bitterkeit" [Psalm 10, 7], d. h. mit zutiefst neidischen Herabwürdigungen. Neid ist ja eine Bitterkeit des Herzens, so wie Liebe im Gegensatz dazu Süßigkeit des Herzens ist. So fluchen jene Hochmütigen und Gottlosen nicht allein den Gerechten, sondern sie würdigen sie bei sich wie vor anderen mit bittersten Worten herab. Doch auch dieser Neid - er verbleibt in ihrem Mund - schadet denen nicht, denen sie neiden. Darum sagt er: Voll ist er wohl, aber bitter und böse macht er darüber hinaus keinen anderen.

Drittens, "Ihre Füße eilen" usw. [3, 15-17 (= Jes. 59, 7-8 bzw. Psalm 13, 3 in der Septuaginta und entsprechend der Vulgata)]. Wieder ein vortrefflicher Ausdruck! Denn mit den Händen können sie nicht allezeit erreichen, was sie wollen, dennoch sind sie rege, um es stets zu erreichen. Wo sie die Boten der Wahrheit nicht durch Verfluchungen und Herabsetzungen bezwingen können, sind sie am Ende zu vernichten bereit und zu töten, damit ihr Denken nicht umgestoßen werde. Dies jedenfalls haben die Juden (von denen nach dem Buchstabensinn die Rede ist) aufs hartnäckigste getan, wie in der Apostelgeschichte zu sehen ist. Doch so setzt sich auch jetzt noch ein jeder Feind der Wahrheit auf ähnliche Weise für sein Denken ein, um es hochzuhalten, denn er hat eine gute Absicht und tut es aus Liebe zu Gott.

"Zerstörung" [3, 16]. Hier beschreibt er ihr Los. Das Erste ist die Zerstörung, d. h. sie werden zerstört, sie werden verringert und gedemütigt an Leib und Seele, wie an den Juden zu sehen ist. Sie sind wie "Spreu vor dem Wind", so Psalm 1 [V. 4], denn zerstört wurden, die groß und mächtig waren und immerzu weiter zerstört werden und "zertreten wie Dreck auf der Gasse" [Micha 7, 10]. Allein, wie sie in jener leiblichen Zerstörung vor den Menschen leben, so und bei weitem elender leben sie in der geistlichen Zerstörung durch [246] die Dämonen, die von oben auf sie eintreten, sie "lassen bei ihnen keinen Stein auf dem anderen" [Matth. 24, 2]. Obendrein werden sie auch, da sie auf ihren Wegen allezeit verringert werden, allezeit böser und härter, solange sie auf ihnen verharren. Wie im Gegensatz dazu die auf den Wegen Christi allezeit wachsen und größer werden. Darum gibt es bei ihnen eher Verdichtung und Mehrung, bei jenen dagegen Zerstörung und Minderung.

Das Zweite, "Unheil", d. h. Misslingen. Denn wie Christus bei allem, was er tut, begünstigt ist, so haben im Gegensatz dazu sie kein Glück, so sehr sie auch darauf bedacht sind. Was bei den Juden ganz offensichtlich ist. Denn mögen sie auch vorwärts kommen in ihrem Treuebruch, so werden sie doch in anderen Belangen von gar vielen Widrigkeiten niedergehalten.

"Den Weg des Friedens haben sie nicht erkannt" [3, 17]. Warum haben sie ihn nicht erkannt? Weil er verborgen ist, da er ein Frieden im Geist ist - und verhüllt von vielen Beeinträchtigungen -. Wer denn würde ihn für den Weg des Friedens halten, wenn er sieht, dass Christen Schaden erleiden im Materiellen, im Ansehen, an Ehre und Leib und lebenslang nicht Frieden haben, sondern Kreuz und Leiden? -- Sie freilich streben durch ihre Gerechtigkeit nach Frieden im Fleische. Darum verlieren sie beides. -- Doch unter diesem verdeckt liegt der Friede, den nur der erkennt, der glaubt und ihn erprobt, jene aber wollten nicht glauben und scheuten lieber vor dem Erproben zurück.

"Der Friede nämlich ist groß", allerdings "bei denen, die dein Gesetz lieben, und für sie", also die, die es lieben, "gibt es kein Straucheln" [Psalm 118 [119], 165]. Wieso? Nur für die, die es hassen, gibt es ein Straucheln.

Doch die Ursache von all dem Erwähnten ist der Hochmut, der sie absolut unfähig macht zu begreifen. Gottesfurcht nämlich lässt in jeder Hinsicht demütig werden, Demut aber lässt einen alles begreifen. Darum begreifen jene nichts, weil sie hochmütig sind, hochmütig aber sind sie darum, weil sie Gott nicht fürchten. Darum aber fürchten sie Gott nicht, weil sie voraussetzen, dass er ihr Denken und Tun billigt, da es ihnen selber als gerecht und gut einleuchtet, ohne dass sie berücksichtigen, dass, wenn Gott richtet, er nichts Gerechtes, nichts Reines finden wird.

Denn Gottes Gericht ist von unermesslicher Feinheit. Und nichts ist so fein gemacht, dass es vor ihm nicht grob erschiene, nichts so gerecht, dass es nicht ungerecht, nichts so wahrhaftig, dass es nicht lügnerisch, nichts so rein und heilig, dass es nicht befleckt und profan vor ihm wäre. Oder falls sie das berücksichtigen, streben sie gewiss nach einem "Ansehen der Person bei Gott" [Röm. 2, 11], auf dass er ihr Gerechtes und Wahres nicht richte und verdamme, also in einzigartigem Gunstbeweis zulassen müsse, dass sie, die Unreinen, für rein gehalten werden.

Und darum hätten sie, wenn sie ihn fürchteten, das Wissen, [247] da doch allein Christus seine Gerechtigkeit und Wahrheit ist, die von Gott nicht gerichtet werden können, da auch sie in jeder Hinsicht unermesslich sind. Doch Gott sei Lob und ewiglich Dank, der dies alles in ihm und mit ihm gegeben hat, damit wir durch ihn gerecht und wahrhaftig sein werden und dem Gericht entgehen. Um das Unsrige dagegen muss (so wie wir unsicher sind, weil es das Unsrige ist) immer gebangt werden vor Gott.

Und doch nehmen sie auch von sich selber an, "Gottesfurcht" [3, 18 (= Psalm 35 [36], 2)] zu haben, die allergrößte. Welche Tugend maßen sich die Hochmütigen denn nicht an? Darum glauben sie, genauso wie sie sich als gerecht verstehen, als nach Gott Fragende, auch die Gottesfurcht und alles, was der Apostel ihnen hier abspricht, zu haben und setzen voraus, alles, was er ihnen zuschreibt, liege ihnen absolut fern. Deswegen wird niemand, wo nicht im Glauben diesen Worten des Geistes in diesem Psalm getraut wird, dass sie wahr sind und vor Gott keiner gerecht ist, das aus sich selbst heraus meinen, er nimmt an, er ist gerecht. Von daher muss man es zwingend allezeit so bewerten, dass dies die Wahrheit über uns ist und es von einem jeden heißt, er sei ungerecht und ohne Gottesfurcht, auf dass wir, in dieser Weise demütig geworden und uns als gottlos wie für Gott ungenießbar bekennend, verdienen gerechtfertigt zu werden aus ihm.

"Untertan" [3, 19] bezieht sich an dieser Stelle auf den Straffälligen, den Schuldner, den Verantwortlichen oder Angeklagten, so dass in der Formulierung zum Ausdruck kommt, dass das Gesetz darum alle als ungerecht erweist, dass sich auf Grund seines Erweises alle als ungerecht begreifen und davon ablassen, sich für gerecht zu erachten und zu rühmen, von ihrer Gerechtigkeit schweigen und Angeklagte werden der Gerechtigkeit Gottes. Gleichwie es in Psalm 36 heißt: "Sei dem Herrn untertan und rufe ihn an", was der hebräische Text so sagt: "Sei stille dem Herrn" usw. [Psalm 36 [37], 7].

Jesaja 41: "Still sein vor mir sollen die Inseln und die Völker Stärke gewinnen" [Jesaja 41, 1], d. h. sie sollen schweigen und sich den Mund stopfen, sie sollen ablassen, sich zu rühmen, vor mir gerecht zu sein. Psalm 64: "Dir gebührt Lobpreis, Gott auf dem Zion", im Hebräischen so: "Dir sei Schweigen Lob, Gott, auf dem Zion" [Psalm 64 [65], 2], d. h. dir gebührt Schweigen über unsere Gerechtigkeit, was eben bedeutet, dir sei Lob ob deiner Gerechtigkeit. Mitgedacht [248] nämlich ist die Konjunktion ,und': "Dir sei Schweigen und Lob, Gott" usw. Aber ohne die explizite Konjunktion wird deutlicher festgehalten, dass ebendies Gott zu verherrlichen und zu loben bedeutet, wenn wir beschweigen, dass wir uns selber loben und uns zuschreiben, etwas zu sein.

Fraglich ist, wie Rechtfertigung ohne die Werke des Gesetzes eintritt und "aus den Werken des Gesetzes" [3, 20] keine Rechtfertigung kommt, während Jakobus 2 deutlich sagt, "Der Glaube ohne Werke ist tot" [Jak. 2, 26] und "Der Mensch wird aufgrund der Werke gerechtfertigt" [Jak. 2, 24], da er das Beispiel von Abraham [V. 23] und Rahab [V. 25] heranzieht. Ebenso Paulus selbst, Galater 5: "der Glaube, der durch die Liebe tätig ist" [Gal. 5, 6], und oben Kap. 2: "Die das Gesetz tun, sind gerecht bei Gott" [Röm. 2, 13].

Die Antwort: Der Apostel unterscheidet zwischen Gesetz und Glaube, oder zwischen dem Buchstaben und der Gnade, ebenso auch zwischen deren Werken. Werke des Gesetzes nennt er, was außerhalb von Glauben und Gnade geschieht und um des Gesetzes willen getan worden ist, das durch Furcht erzwingt oder durch die Verheißung vergänglicher Güter Anreize setzt. Werke des Glaubens hingegen nennt er, was aus dem Geist der Freiheit, allein aus Liebe zu Gott geschieht. Und diese können nur von denen getan werden, die durch den Glauben gerechtfertigt sind; zu solcher Rechtfertigung tragen die Werke des Gesetztes nichts bei, vielmehr behindern sie sie gar sehr, da sie den Menschen sich nicht als ungerecht erkennen lassen und auf Rechtfertigung angewiesen.

Dazu ein Vergleich: Wenn ein Laie sämtliche Aufgaben eines Priesters äußerlich erfüllt mit Messfeiern, Zuspruch, Erteilen der Absolution, Verwaltung der Sakramente, Weihe von Altären, Kirchen, Gewändern, Altargerät usw., ist sicher, dass diese Handlungen in jeder Hinsicht den Handlungen eines tatsächlichen Priesters höchst ähnlich sind, vielleicht sogar annehmbarer und vollendeter als die tatsächlichen. Doch weil er nicht geweiht und ordiniert ist und überhaupt nicht geheiligt, tut er im Grunde nichts, sondern er spielt bloß und täuscht sich und die Seinen. Entsprechend verhält es sich mit den gerechten, guten, heiligen Werken, die außerhalb oder vor der Rechtfertigung getan werden. Denn wie jener Laie durch solche Handlungen nicht zum Priester wird, es aber werden kann, ja sogar ganz und gar ohne sie Priester wird, nämlich durch Ordination, so wird auch ein nach dem Gesetz Gerechter durch des Gesetzes Werke selbst nicht gerecht, ja sogar ohne sie aufgrund von etwas ganz anderem, nämlich durch den Glauben an Christus, durch den er gerechtfertigt und sozusagen ordiniert wird, damit er als Gerechter fähig sei, die Werke der Gerechtigkeit zu tun, so wie ein Laie zum Priester ordiniert wird, um die Aufgaben eines Priesters zu tun. Und es kann geschehen, dass ein nach Gesetz und Buchstaben Gerechter trefflichere und ansehnlichere Werke tut als ein aus Gnaden Gerechter. Aber dennoch ist er nicht deswegen gerecht, sondern vielmehr wird er gerade dadurch daran gehindert, zur Gerechtigkeit und zu den Werken der Gnade vorzudringen.

[249] Noch ein weiteres Gleichnis: Ein Affe kann die Gesten von Menschen vortrefflich nachahmen, doch er ist darum kein Mensch. Weswegen er, wenn er ein Mensch würde, es ohne Zweifel nicht durch die Kraft jener Gesten würde, mit denen er den Menschen nachgemacht hat, sondern durch eine andere, nämlich die Gottes; aber zum Menschen geworden, würde er dann durchaus tatsächlich die Gesten von Menschen vollführen.

Wenn also der selige Jakobus und der Apostel [Paulus] sagen, der Mensch werde aus den Werken gerechtfertigt, wenden sie sich gegen die falsche Auffassung derjenigen, die meinten, der Glaube reiche ohne seine Werke aus, während der Apostel nicht sagt, dass der Glaube ohne die ihm eigenen Werke (denn das wäre dann gar kein Glaube, weil "die Handlung beweist, dass eine Form da ist" nach den Philosophen[35]) rechtfertige, sondern ohne die Werke des Gesetzes. Also verlangt die Rechtfertigung nicht nach den Werken des Gesetzes, sondern nach dem lebendigen Glauben, der die ihm eigenen Werke wirkt.

Doch wenn der Glaube mit seinen Werken, allerdings ohne die Werke des Gesetzes, rechtfertigt, warum werden dann die Häretiker für außerhalb der Rechtfertigung stehend gehalten, da sie doch glauben und aus diesem Glauben heraus Beachtliches und vielleicht Beachtlicheres tun als die übrigen Gläubigen? Ja, sind dann nicht all die hochmütigen Geistgesinnten in der Kirche, die Beachtliches und Beträchtliches bewerkstelligen, das durchaus aus dem Glauben hervorgeht, gleichwohl ungerecht? Sollte also vielleicht noch etwas anderes für die Rechtfertigung erforderlich sein als der Glaube an Christus mit den [entsprechenden] Werken?

Darauf antwortet kurz jener Vers des Jakobus: "Wer gegen eines verstößt, ist an allen [Geboten] schuldig geworden" [Jak. 2, 10]. Denn der Glaube ist in sich unteilbar; er ist folglich entweder ganz und glaubt alles, was zu glauben ist, oder er ist keiner, wenn er etwas nicht glaubt. Darum vergleicht der Herr ihn mit einer Perle [Matth. 13, 46], einem Senfkorn [Matth. 13, 31 f.] usw. -- Weil "Christus nicht zerteilt ist" [1. Kor. 1, 13], folglich wird er in einem als ganzer abgelehnt oder als ganzer bejaht. Man kann ihn nicht gleichzeitig ablehnen und bekennen, mal in dem einen, mal in dem anderen Wort. -- Die Häretiker hingegen wählen aus den Glaubensinhalten stets den einen oder mehrere aus, gegen die sie ihre eigene Denkweise setzen in ihrem Hochmut, als ob sie klüger wären als alle anderen zusammen.

Und so glauben sie nichts von den Glaubensinhalten und gehen ohne Glauben, ohne Gehorsam gegen Gott in ihren beachtlichen Werken, die den wahren höchst ähnlich sind, zugrunde, nicht anders als [250] die Juden, die ja doch vieles glauben, was in der Tat auch die Kirche glaubt. Doch einem allein setzen sie hochmütig die Vernunft ihres Herzens entgegen, nämlich Christus; darum gehen sie in ihrem Treuebruch zugrunde. Genauso stellt sich aber auch jeder andere Hochmütige in seinem Denken allezeit sei es dem Gebot, sei es dem Rat dessen entgegen, der in rechter Weise anhält zum Heil. Da er ihm nicht glaubt, glaubt er auf ähnliche Art nichts und der Glaube geht als ganzer zugrunde um der Hartnäckigkeit einer einzigen Denkweise willen.

Jederzeit muss folglich unser Denken demütig nachgeben, damit wir uns nicht an diesem ,Stein des Anstoßes' [vgl. Röm. 9, 32. 33; Jes. 8, 14; 1. Petr. 2, 8] stoßen, d. h. der Wahrheit, die uns demütig entgegenkommt und unserer Denkweise widerspricht. Denn da wir Lügner sind, kann die Wahrheit niemals zu uns kommen, es sei denn in einer Gestalt, die dem widerspricht, was wir uns vorstellen, weil wir davon ausgehen, dass wir uns die Wahrheit vorstellen, und eine Wahrheit, die mit uns übereinstimmt und uns Beifall spendet, hören und vor Augen haben wollen. Doch das kann unmöglich geschehen.

Also sind die Werke von jenen allen Werke des Gesetzes, weder des Glaubens noch gar der Gnade, ja sie stellen sich ihr sogar in den Weg und kämpfen gegen den Glauben an. Weshalb die Rechtfertigung nicht allein ohne sie geschehen kann, ja, sie muss sogar ohne sie geschehen und sie sind mit dem Apostel "für Dreck zu erachten um Christi willen" [Phil. 3, 8].

Zusatz. Immer ist es sicherer, das zu hören, was zu unserer Meinung im Gegensatz steht, als das zu hören, was sie, mit ihr im Einklang, billigt und uns Beifall spendet.

Vielmehr, wenn ein Mensch nicht lernt, das gern zu hören, was gegen ihn spricht, wenn er es nicht mag, dass sein Denken widerlegt wird, und er sich nicht über Tadel freut, im Gegenteil, das fürchtet und betrübt ist und nicht einmal einen Verdacht schöpft, wenn sein Wort, seine Meinung, sein Werk gebilligt, gelobt und akzeptiert wird, dann wird er gewiss nicht gerettet werden können. Denn es gibt keinen zuverlässigeren Beweis dafür, dass sein Denken, Wort und Werk aus Gott ist, als wenn es getadelt und verworfen wird. Alles nämlich, was aus Gott ist (wie an Christus ganz klar zu sehen ist), wird von den Menschen verworfen, wie der Stein von den Bauleuten [vgl. Psalm 117 [118], 22; Matth. 21, 42 und Parallelen; Apg. 4, 11; 1. Petr. 2, 7]. Wenn es aber nicht aus Gott ist, dann ist es weitaus sicherer, ja es ist sogar zwingend, dass es verworfen wird, damit er nicht dabei bleibt als einer, der zugrunde gehen soll. Daher wird auch von dem gottlosen König Ahab berichtet, er habe den Propheten Micha aus keinem anderem Grund gehasst, als weil er ihm ständig Unheil prophezeit hat [vgl. 1. Kön. 22, 8 ff.]. Ebenso König Jojakim, er zerschnitt und verbrannte aus demselben Grund die Reden Jeremias [vgl. Jer. 36, 23].

Und generell haben die Juden die Propheten verfolgt, weil sie ihnen Unheil und [251] das Gegenteil von dem, was ihrem Denken gefiel, ankündigten, während sie es demütig doch eher hätten annehmen müssen und [an]erkennen, dass sie schuldig sind vor Gott. Sie jedoch haben gesagt: "Friede, Friede" [Jer. 6, 14], wir sind doch Gottes Volk, er wird kein Unheil geschehen lassen, er wird nicht strafen, wir werden kein Unheil sehen [Jer. 5, 12; 14, 13; 23, 17], denn wir sind gerecht. Und so haben sie niemals die Stimme des Herrn gehört, im Gegenteil, sie haben sich ständig widersetzt.

Darum sagt der Herr in Kap. 6 bei Lukas: "Weh euch, wenn euch alle Welt bejubelt; das Gleiche nämlich haben ihre Väter mit den falschen Propheten getan" [Luk. 6, 26]. Also ist verflucht, gescholten und beschuldigt zu werden der Weg der Sorglosigkeit; bejubelt, gelobt und anerkannt zu werden der Weg der Gefahr und des Verderbens. Denn man muss darauf warten, vom Herrn gesegnet und gelobt zu werden; "von ihm nämlich kommt der Segen über sein Volk", wie es in Psalm 3 heißt [Psalm 3, 9], nicht aber von den Menschen.

"Die Gerechtigkeit vor Gott aber kommt durch den Glauben" [3, 22]. Die Lehre: Da der Glaube an Christus, durch den wir gerechtfertigt werden, darin besteht, nicht allein an Christus - oder anders: an die Person Christi - zu glauben, sondern an alles, was mit Christus zu tun hat, bilden die Hochmütigen und Häretiker sich vergeblich ein und sich etwas darauf ein, dass sie an Christus glauben und das, was mit ihm zu tun hat, nicht glauben wollen. Allerdings zerteilen sie auf diese Weise Christus, so dass es das eine ist, an Christus zu glauben, und etwas anderes, an das, was mit Christus zu tun hat; tatsächlich hingegen "ist Christus nicht zerteilt", wie der Apostel [1. Kor. 1, 13] sagt, auch oben ist vom Glauben an Christus in ähnlicher Weise gesagt worden, dass er in sich unteilbar sei, so dass es dasselbe ist: Christus und das, was mit Christus zu tun hat.

So bekennen denn die Häretiker und prahlen damit, dass sie an Christus glauben, dem gemäß, was die Evangelien über ihn sagen, er sei geboren, habe gelitten, sei gestorben usw., aber sie glauben nicht an das, was mit ihm zu tun hat. Was ist das? Die Kirche, also auch ein jedes Wort, das aus dem Mund eines Bevollmächtigten der Kirche kommt oder dem eines guten und heiligen Mannes, Christi Wort ist es, der sagt: "Wer euch hört, der hört mich" [Luk. 10, 16].

Die sich also den Bevollmächtigten entziehen, ihr Wort nicht hören wollen, ihrem eigenen Denken folgen - ich frage, wie sie an Christus glauben? Oder glauben sie vielleicht, dass er geboren wurde und gelitten hat, an ihn als Lehrer aber glauben sie nicht? "Ist [252] also Christus zerteilt", weil sie dort an ihn glauben, hier nein sagen? Das sei ferne. Sondern sie lehnen den ganzen Christus auch hier ab, er kann nicht gleichzeitig abgelehnt und bekannt werden. -- Das ist gemeint, wenn der Lehrer der Sentenzen sagt: "Es ist das eine, zu glauben, dass Gott existiert, etwas anderes, Gott zu glauben, noch etwas anderes, an Gott zu glauben."[36] Das gilt so auch für Christus. Denn an Christus zu glauben bedeutet, sich von ganzem Herzen auf ihn auszurichten und alles nach ihm zu einzurichten. --

Von daher sagt der Herr in Matth. 4: "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus Gottes Mund kommt" [Matth. 4, 4]. Was ist Gottes Mund? Der des Priesters und Bevollmächtigten. Maleachi 2: "Weisung sucht man aus seinem Mund, denn er ist ein Bote des Herrn der Heerscharen" [Mal. 2, 7]. Und zu Jeremia: "Du sollst mein Mund sein" [Jer. 15, 19].

Doch weshalb sagt er: "von einem jeden Wort" [Matth. 4, 4]? Weil du ja, wenn du ein Wort nicht glaubst, schon nicht in Gottes Wort lebst. Weil in jedem Wort der ganze Christus begegnet und er ganz in den einzelnen. Also wird er, in einem abgelehnt, als der ganze abgelehnt, der er in allen ist. -- So wird es jedenfalls nach beiden Seiten hin geschlossen. -- Gleich, wie du auch, wenn du einen Christen tötest bei der Rettung aller anderen, den ganzen Christus tötest.[37] So ist das auch in allen anderen Dingen. Wenn du Christus in einer Hostie ablehnst, hast du ihn in allen abgelehnt.

Unter diesen Umständen ist es angebracht/hilfreich, dass wir unendlich demütig werden. Denn weil wir nicht wissen können, ob wir in einem jeden Wort Gottes leben oder keines ablehnen (da ja viele von einem Bevollmächtigten, viele von den Brüdern, - viele im Evangelium und bei den Aposteln -, viele innerlich in uns von Gott gesprochen werden), können wir niemals wissen, ob wir gerechtfertigt sind, ob wir glauben. Deswegen sollen wir, wie wir dafür halten sollen, dass unsere Werke Werke des Gesetzes sind, auch demütig Sünder sein, die in seiner Barmherzigkeit allein gerechtfertigt werden wollen. Denn obwohl wir sicher sind, dass wir an Christus glauben, sind wir dennoch nicht sicher, dass wir an alle Worte glauben, die mit ihm zu tun haben. Und somit ist auch das "An-ihn-Glauben" unsicher.

Auch bei den Propheten wird ja nichts weiter vorgehalten, als dass die Stimme des Herrn von seinem Volk nicht gehört wird. Wer sie dagegen in dieser Weise fürchtet und sich demütig bekennt, dem wird die Gnade zuteil, dass er gerechtfertigt wird und seine Sünde vergeben, falls er einmal etwas in verborgener und ihm nicht bewusster Ungläubigkeit getan hat. In dieser Weise graute Hiob vor all seinen Qualen [Hiob 9, 28]. Und der Apostel war ,sich nichts bewusst und hielt sich dennoch darin nicht für gerechtfertigt' [1. Kor. 4, 4].

Und so soll damit allein Christus die Gerechtigkeit überlassen werden, allein ihm die Werke der Gnade und des Geistes. Wir aber, wir sind allezeit [253] in den Werken des Gesetzes, allezeit ungerecht, allezeit Sünder, gemäß jenem Vers in Psalm 31: "Ihretwegen werden alle Heiligen zu dir beten" [Psalm 31 [32], 6]. Der Hochmütige aber, der diese Demut nicht kennt und so viel Feinheit des Glaubens nicht begreift, sondern meint, dass er glaubt und den ganzen Glauben in vollkommener Weise besitzt, kann die Stimme Gottes nicht hören, widersetzt sich ihr, als wäre sie falsch, weil sie im Gegensatz zu seiner Meinung steht, als wäre die wahr.

Du fragst dagegen: Wenn das Leugnen so wirksam ist, dass er, in einem verleugnet, in allem verleugnet wird, warum ist dann nicht auch die Zustimmung so wirksam, dass er, in einem bestätigt, in allem bestätigt wird? Die Antwort: Das Gute ist vollkommen und einfach, daher wird es durch eine Verleugnung aufgehoben, aber es wird nur dann durch ein Bekenntnis bewahrt, wenn es eines, unvermindert, ohne Verleugnung ist. Denn im Hinblick auf ein und dasselbe können zwei Gegensätze nicht gleichzeitig bestehen. Und Gott will alles rein und unbefleckt haben. Verleugnung hingegen ist ein Schande, darum befleckt sie das Bekenntnis usw.

Zusatz.   Darum heißt es bei den Propheten schlechthin ,Stimme des Herrn', dass wir ein jedes ertönende Wort, durch wen immer es gesprochen wird, als wenn der Herr selber es sagte, aufnehmen, glauben, uns fügen und ihm unser Denken demütig unterwerfen. Denn so werden wir gerechtfertigt und nicht anders. Doch "wer erkennt das" oder hat darauf überall Acht? Folglich: "Von meinen verborgenen Vergehen mache mich frei", Herr! [Psalm 18 [19], 13].

Denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde [3, 20]. Diese Erkenntnis der Sünde durch das Gesetz geschieht auf zweifache Weise, erstens theoretisch, wie es später in Kap. 7 heißt: "Ich hätte von der Begierde nichts gewusst, wenn das Gesetz nicht gesagt hätte: du sollst nicht begehren" [Röm. 7, 7].

Zweitens, durch die praktische Erfahrung, also durch das Tun des Gesetzes, oder anders: durch das Gesetz, das mit dem Tun zugleich angewandt wird. Weil das Gesetz auf diese Weise zum Anlass der Sünde wird. Wenn der Wille des Menschen, zum Bösen geneigt, durch das Gesetz zum Guten gedrängt wird, wird er durch es unleidlicher und verdrossener dem Guten gegenüber, da er es hasst, von dem abgehalten zu werden, was er liebt, er liebt aber das Böse, wie die Schrift sagt [vgl. Gen. 8, 21].

Doch wenn er das durch das Gesetz Erzwungene trotzdem vollbringt und das ihm Widerstrebende tut, dann begreift der Mensch, wie abgrundtief die Sünde ist und das Böse in ihm selber verwurzelt, was er nicht begriffen hätte, wenn er das Gesetz nicht hätte und ihm entsprechend zu handeln begonnen hätte. Über diesen Gedanken geht der Apostel hier kurz hinweg, weil er darüber später in Kap. 5 und 7 ausführlicher unterrichten wird; hier reicht es, auf den Einwand [254] kurz zu antworten, dass das Gesetz nicht unnütz ist, weil die Werke des Gesetzes nicht rechtfertigen.

Wir sollen also, sobald nur ein Ge- oder Verbot Geltung über uns erlangt und wir Widerwillen gegen es empfinden, daran erkennen, dass wir das Gute nicht lieben, sondern das Böse. Darum sollen wir, gerade durch es, anerkennen, dass wir böse und Sünder sind, weil nur der ein Sünder ist, der das Gesetz nicht erfüllen will, welches das Gute gebietet und vom Bösen abhält. Wenn wir nämlich gerecht und gut wären, wären wir nur zu gern einverstanden mit dem Gesetz und freuten uns an ihm, so wie wir uns an den Sünden freuen und unserem bösen Verlangen. Von daher: "Dein Gesetz aber habe ich geliebt" [Psalm 118 [119], 97]. Und: "Sondern er hat Lust am Gesetz des Herrn" usw. [Psalm 1, 2]. Sieh da, auf diese Weise kommt durch das Gesetz die Erkenntnis der Sünde, die in uns ist, d. h. des bösen Willens, der zum Bösen geneigt ist und vor dem Guten zurückscheut.

Wie nützlich allerdings ist diese Erkenntnis! Denn wer das erkennt, fängt an, Gott zu klagen, und bittet, demütig geworden, dass dieser Wille aufgerichtet und geheilt werde. Wer es aber nicht erkennt, bittet nicht; wer aber nicht bittet, empfängt nicht [vgl. Matth. 7, 8 f.; Luk. 11, 9 f.], darum wird er auch nicht gerechtfertigt, weil er von seiner Sünde nichts wissen will. Insofern ist es dasselbe zu sagen: durch das Gesetz kommt die Erkenntnis "der Sünde" wie "der Sünder". Denn durch es erkennen wir, dass wir Sünder sind und die Sünde in uns ist, böse und dass das Böse in uns ist.

Zusatz.   Werke des Gesetzes werden nicht die genannt, die in Vorbereitung auf die zu erlangende Rechtfertigung geschehen, sondern die, von denen man meint, sie seien gleichsam als solche genug für Gerechtigkeit und Heil. Weil wer so handelt, dass er sich durch sie auf die Gnade der Rechtfertigung einstellt, schon gewissermaßen gerecht ist. Weil ein großer Teil der Gerechtigkeit darin besteht, gerecht sein zu wollen. Sonst wären die Stimmen und Klagen aller Propheten belanglos gewesen, mit denen sie nach Christus riefen, und das Wehklagen aller Büßer wäre vergeblich. -- Sonst hätten Christus und Johannes umsonst gelehrt: "Tut Buße, denn nahe gekommen ist das Himmelreich" [Matth. 2, 3]. -- Ja, im Gegenteil, es wäre, da alle Gerechten nicht anders als so handeln, dass sie immer weiter gerechtfertigt werden, keiner gerecht.

Folglich sind jene Werke gut, weil sie [die Gerechten] sich nicht auf sie verlassen, [255] sondern sich durch sie bereit machen zu der Rechtfertigung, auf die allein sie sich verlassen, was ihre künftige Gerechtigkeit angeht. Die nun in dieser Weise handeln, sind nicht unter dem Gesetz, weil sie sich nach der Gnade sehnen und hassen, dass sie Sünder sind. -- "Werke des Gesetzes" jedenfalls sind etwas anderes als die "Erfüllung des Gesetzes". Denn die Gnade ist die Erfüllung des Gesetzes, nicht aber die Werke. Und er [Paulus] sagt exakt "Werke des Gesetzes", aber nicht "Lust zum Gesetz", denn sie wollen nicht, was das Gesetz will, obgleich sie tun, was das Gesetz befiehlt. Das Gesetz aber will es und fragt nach der Lust. --

Andere handeln sogar so, dass sie meinen, sie erfüllten das Gesetz und seien damit gerecht - sie sehnen sich weder nach der Gnade noch erkennen sie an oder hassen sie, dass sie Sünder sind -, denn sie handeln gesetzeskonform, -- sie richten sich nicht nach der zu erstrebenden Gerechtigkeit aus, sondern, als ob sie sie um derentwillen besäßen und erworben hätten, rühmen sie sich --. Wobei sie bei sich selber nicht bemerken, dass sie sich entweder lustlos, besser: widerwillig und ihm abgeneigt, an das Gesetz halten oder zumindest aus Liebe zu irdischen Gütern und Verlangen nach ihnen, nicht aus Liebe zu Gott. Und so stehen sie zufrieden still, richten sie nicht darauf aus, nach der Gnade zu fragen, mit ihr hätten sie dann auch Lust zum Gesetz.

-- Allerdings, es rechtfertigen weder die voraufgehenden Werke noch die nachfolgenden, um wieviel weniger die Werke des Gesetzes! Die voraufgehenden nicht, weil sie auf die Gerechtigkeit vorbereiten; die nachfolgenden erst recht nicht, weil sie weiterfragen nach der bereits geschehenen Rechtfertigung. Denn nicht indem wir Gerechtes tun, werden wir gerecht, sondern indem wir gerecht sind, tun wir Gerechtes. Folglich rechtfertigt allein die Gnade --.

... durch den Glauben an Jesus Christus [3, 22]. Ein nützlicher Einwurf gegen die Empörung der Hochmütigen, wenn sie sozusagen vorbringen: Wir räumen ein, dass wir aus uns heraus ungerecht sind, als zum Bösen geneigt nehmen wir uns wahr und im Herzen sind wir Feinde des Gesetzes. Darum glauben wir, dass wir aus Gott gerechtfertigt werden müssen, doch wir selber werden das durch unser Bitten erreichen, indem wir zu ihm beten, betrübt und bekennend; Christus hingegen wollen wir nicht, er kann uns ohne Christus seine Gerechtigkeit geben.

... durch den Glauben an Jesus Christus [3, 22]. Ein nützlicher Einwurf gegen die Empörung der Hochmütigen, wenn sie sozusagen vorbringen: Wir räumen ein, dass wir aus uns heraus ungerecht sind, als zum Bösen geneigt nehmen wir uns wahr und im Herzen sind wir Feinde des Gesetzes. Darum glauben wir, dass wir aus Gott gerechtfertigt werden müssen, doch wir selber werden das durch unser Bitten erreichen, indem wir zu ihm beten, betrübt und bekennend; Christus hingegen wollen wir nicht, er kann uns ohne Christus seine Gerechtigkeit geben.

Doch hier sollen auch die die Augen aufmachen, von denen ich oben gesprochen habe, die an Christus glauben, aber nicht an das Wort Christi, die den Bevollmächtigten nicht hören, [256] sondern sich in ihrem Denken, dem eigenen, selber gefallen; sich glauben sie, nicht dem Wort eines Bevollmächtigten oder eines guten Mannes, d. h. Christus, der in jenen spricht, wobei sie voraussetzen, dass sie ohne diesen Gehorsam, ohne diesen Glauben nichtsdestoweniger aufgrund ihrer Werke durch Gott gerechtfertigt werden können. Aber das wird nicht geschehen. Denn es gilt der Satz: "Gottes Gerechtigkeit kommt durch den Glauben an Jesus Christus" [Röm. 3, 22].

Daraus folgt zusätzlich:

Wenn es "ohne das Gesetz" heißt, ist das Gesetz selber mit seinen Werken gemeint. Genauso ist, wenn es "der Glaube an Christus" heißt, das Vertrauen auf Christus und das Wort eines jeden, in dem dieser selbst spricht, gemeint.

Wie "ohne das Gesetz" - d. h. ohne die Mitwirkung des Gesetzes und der Werke des Gesetzes -, so die Gläubigkeit Christus gegenüber, wo auch immer und in wem auch immer er spricht.

Mit dem größten Eifer müssen wir uns folglich davor hüten, dass wir, solange wir in unserem Denken befangen sind, uns nicht etwa Christus widersetzen und ihm nicht glauben, von ihm wissen wir nicht, wann, wo, wie, durch wen er zu uns spricht. Auch vielleicht immer dort, dann, auf die Art und Weise, durch den, wo und wie wir es nicht vermuten. So wie er selbst es gesagt hat: "Der Wind weht, wo er will (nicht wo wir es wollen oder vermuten), du hörst wohl sein Rauschen und weißt doch nicht, woher er kommt und wohin er geht" [Joh. 3, 8].

Nahe ist er uns jedenfalls und in uns, allerdings nur in fremder Gestalt, nicht in einer Gestalt von Glanz, sondern in Demut und Sanftmut usw., so wie man nicht vermuten würde, dass er es ist, er ist es dennoch wahrhaftig. Von daher gebietet der Heilige Geist: "Höre, Tochter, sieh her und neige dein Ohr" [Psalm 44 [45], 11], was meint, du sollst unbedingt immer und überall bereit sein zu hören und geneigten Ohres einherschreiten, dein ganzes Amt sei es, demütig zu hören und belehrt zu werden. Wie es auch in Psalm 2 heißt: "Und nun, Könige, begreift, lasst euch unterweisen" [Psalm 2, 10].

"Bezeugt vom Gesetz" usw. [3, 21]. Etwa Habakuk [wie zitiert in Kap.] 1: "Der Gerechte wird aus Glauben leben" [Hab. 2, 4 = Röm. 1, 17]. Hosea 2: "Anverloben werde ich dich mir in Treue" [Hosea 2, 22][38]. Und Jeremia 32: "Einen neuen Bund werde ich schließen mit dem Hause Juda. Ich werde meine Weisungen in ihr Herz schreiben usw." [vgl. Jer. 31, 31-33]. Ferner steht in der Genesis das Beispiel Abrahams [vgl. Gen. 15, 6] und das anderer aus Glauben Gerechtfertigter.

Der selige Augustinus, De spiritu et littera, Kap. 13: "Was das Gesetz der Werke unter Androhung befiehlt, das erreicht das Gesetz des Glaubens durch Glauben. Jenes sagt: ,Du sollst nicht begehren' [Ex. 20, 17], [257] dieses sagt: ,Da ich erkannte, dass ich nur in ihren Besitz gelangen könnte, wenn Gott es gibt, wandte ich mich an den Herrn und betete zum ihm'" usw. [Sap. Sal. 8, 21]. "Und damit sagt Gott durch das Gesetz der Werke: Tu, was ich befehle! Durch das Gesetz des Glaubens wird zu Gott gesagt, also in demütigem Bitten: Gib, was du befiehlst! Deswegen nämlich befiehlt das Gesetz, weil es zu dem anhält, was der Glaube tun soll (d. h. tun muss), das heißt: damit der, dem befohlen wird, sofern er noch nicht dazu fähig ist, weiß, worum er bitten soll."[39]

Und Kap. 19: "Das Gesetz ist folglich gegeben, damit man nach der Gnade fragt. Die Gnade ist gegeben, damit das Gesetz erfüllt wird. Es wurde nicht aufgrund seiner Unzulänglichkeit nicht erfüllt, sondern aufgrund der Unzulänglichkeit der Klugheit des Fleisches. Denn die Unzulänglichkeit ist durch das Gesetz zu beweisen, durch die Gnade ist sie zu beheben." - Röm. 8 [, 3 f.] - ",Denn weil das Gesetz es nicht vermochte, zumal es durch das Fleisch geschwächt war, sandte Gott seinen Sohn in der Gestalt des Fleisches, das unter der Macht der Sünde steht, und verdammte um der Sünde willen die Sünde an seinem Fleisch, damit die gerechte Forderung des Gesetzes erfüllt werde an uns, die wir nicht nach dem Fleische wandeln.'"[40] - Joh. 1: "Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben, die Gnade hingegen und die Wahrheit ist durch Jesus Christus verwirklicht worden" [Joh. 1, 17]. -

Doch wer nun wird uns all die hinterlistigen Anschläge des ,Engels des Satans' [2. Kor. 11, 14] offenbaren, mit denen er uns übel mitspielt? Alle beten wir: Gib, was du befiehlst, und nehmen es dennoch nicht an. Alle glauben und reden, bekennen und handeln wir, und werden dennoch nicht alle gerechtfertigt.

Die einen nämlich, die ungebildeteren, täuscht er so, dass sie, da sie Schwäche und Neigung ihres bösen Willens weder bemerken noch sich selber daraufhin überprüfen, wie ungern sie Gottes Gesetz halten und dass sie es nicht lieben, sondern in ,knechtischer Furcht' [vgl. Röm. 8, 15] glauben und handeln, [sie täuscht er so], dass sie dennoch meinen, sie seien rege genug und müssten bei Gott als Gerechte gelten, weil sie glauben und handeln, obwohl sie um nichts besorgt und nicht darauf bedacht sind, dass sie es vergnügt mit Freude, mit Liebe und ganz und gar mit Lust tun oder dazu Gottes Gnade für nötig halten. Sondern sie laufen und regen sich im Vertrauen allein auf ihr Vermögen, mit Verdrossenheit und Unleidlichkeit allezeit, während man sich mit unablässigem Flehen auf Gott ausrichten muss, damit er diese Verdrossenheit beseitige, den Willen zum frohen Mut vollende und dessen Neigung zum Bösen aufhebe.

Dafür, sagte ich, muss man leidenschaftlich beten, leidenschaftlich lernen, leidenschaftlich handeln, sich zur Ordnung rufen, bis jenes alte Sein ganz und gar ausgerottet ist und das neue Sein im Willen wächst. Denn es wird keine Gnade geben ohne jene Feldbestellung bei sich selber. Deswegen schnarchen jene und werden lau, dumm, vertrocknet allezeit und verhärtet, bis sie, nachdem auch der Glaube aufgegeben worden ist, gesättigt werden von Leidenschaftslosigkeit und den übelsten Wünschen, "zu jedem guten Werk untüchtig" [Titus 1, 16].

[258] Die anderen aber, die Feineren, täuscht er in feinerem Licht. Sie lässt er sich durchaus mit Freude und frohem Mut regen, um ihnen ihre Schwäche unter diesem Deckmantel zu verbergen, so dass sie glauben, die Gnade zu haben und sich insgeheim in ihrer Feinheit besser gefallen als alle anderen und sich großtun, bis es dahin kommt, dass sie vom Streben nach Einzigartigkeit und Aberglauben beseelt sind, wie an den Häretikern und Fanatikern unter dem Anschein von Wahrheit und Gerechtigkeit, im "Eifer ohne Verstand" [Röm. 10, 2], klar zu sehen ist. Dann werden sie zu Aufrührern, unter dem Anschein des Gehorsams und der Gottesfurcht ungehorsam und ungenießbar für die Menschen Gottes, d. h. Christi Stellvertreter und Boten.

Wenn wir den Blick also aufmerksam auf uns richten, werden wir bei uns allezeit zumindest Überreste des Fleisches finden, durch die wir auf uns selbst hingelenkt werden und durch die wir unleidlich sind gegenüber dem Guten, zum Bösen geneigt. Denn wenn die Überreste von solcher Sünde nicht in uns wären und wir schlicht nach Gott fragten, würde der Mensch gewiss bald aufgelöst werden und die Seele flöge zu Gott. Doch dass sie nicht fliegt, ist ein Zeichen, dass sie durch eine Art Leim des Fleisches noch festsitzt, bis sie durch Gottes Gnade abgelöst wird, was beim Tod zu erwarten ist. Unterdessen muss man allezeit mit dem Apostel seufzen: "Wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes?" [Röm. 7, 24].

Allezeit ist zu befürchten, dass sie unablässig weiter heruntergezogen wird. Deshalb muss man allezeit beten und so handeln, dass die Gnade zunimmt und der Geist, der Leib der Sünde aber abnimmt und zerstört wird und das alte Sein vergeht. Denn er hat uns nicht gerechtfertigt, d. h. die Gerechtigkeit vollendet und uns als Gerechte freigesprochen, sondern er hat angefangen, um zu vollenden. Von daher Jakobus 1: "damit wir gleichsam der Anfang seiner Schöpfung seien" [Jak. 1, 18]. Worauf auch der halbtote Mann, der in die Herberge gebracht worden war, verweist: Er war nach dem Verbinden der Wunden nicht gesund, sondern wurde als jemand, der gepflegt werden soll, aufgenommen [vgl. Luk. 10, 34 f.].

Allein, es ist leicht, wenn etwas Aufmerksamkeit dafür da ist, die Verkehrtheit des Willens in den leiblichen Dingen, wo man das Böse liebt und das Gute vermeidet, zu erkennen, zum Beispiel, wenn wir zu Wollust, Habgier, Völlerei, Hochmut, Ehrungen aufgelegt sind und vor moralischem Verhalten, Freigebigkeit, Nüchternheit, Demut, Schmach zurückscheuen; leicht, sagte ich, ist wahrzunehmen, wie wir darin nach uns selbst fragen und uns selbst lieben, auf uns selbst bezogen und verbogen, im Empfinden zumindest, sofern wir es nicht ausleben können.

Dagegen ist es in den geistlichen Dingen (d. h. beim Erkenntnisvermögen, der Gerechtigkeit, dem moralischen Verhalten, Frömmigkeit) äußerst schwierig zu erkennen, ob wir bei ihnen nicht nach uns selbst fragen. Weil die Liebe zu ihnen [259] ehrenwert und gut ist, legt sie uns allermeist auf dieses Ziel fest und lässt nicht weiter zu, sie auf Gott hin auszurichten und zurückzuführen, so dass wir sie nicht, weil es Gott gefällt, tun, sondern weil es uns behagt und im Herzen beruhigt oder auch weil es von den Menschen gelobt wird, und damit nicht um Gottes willen, sondern um unsertwillen. Das beweist hinwiederum die Anfechtung. Denn wenn wir wegen dieser Dinge kritisiert werden oder wenn Gott die angenehmen Gefühle dabei fortnimmt und das Ergötzen des Herzens, unterlassen wir sie sofort, oder entgegnen den Kritikern Entsprechendes und verteidigen uns.

Zusatz. Durch solche Vermessenheit und Hoffart geschieht es, dass auch Werke der Gnade sich in Werke des Gesetzes verwandeln und die Gerechtigkeit Gottes in die Gerechtigkeit der Menschen, weil sie sich nämlich, wo sie in der Gnade gute Werke getan haben, in diesen selber gefallen, dabei stehenbleiben und sich nicht darum kümmern voranzugehen, als ob sie damit die Gerechtigkeit vollends empfangen hätten, während so voranzugehen gewesen wäre, dass sie diese guten Werke gleichsam als vorbereitend hätten bewerten müssen.

Ja, es sind tatsächlich alle gerechten und in der Gnade getanen Werke vorbereitend auf die künftige Vollendung der Gerechtigkeit, gemäß jenem "Wer gerecht ist, wird weiter gerechtfertigt werden" [Offb. 22, 11], "sie gehen von einer Kraft zur anderen" [Psalm 83 [84], 8] wie auch "von einer Klarheit zur anderen" [2. Kor 3, 18][41], mit dem Apostel gesagt, der sich ,nach dem, was vorne ist, ausgestreckt hat und vergaß, was hinter ihm lag oder voraufgegangen war' [Phil. 3, 13 f.] Daher hält keiner der Heiligen sich für gerecht oder bekennt sich als gerecht, sondern dass er gerechtfertigt werde, darum bittet er allezeit und hofft darauf, weswegen er von Gott für gerecht befunden wird, denn er ,sieht die Demütigen an' [Psalm 112 [113], 6; Luk. 1, 48].

In dieser Weise ist Christus ,der König der Juden'[42], d. h. derjenigen, die bekennen, dass sie ja allezeit in Sünden sind, doch zugleich danach fragen, gerechtfertigt zu werden, und ihre Sünden verabscheuen. Hierhin "führt der Herr seine Heiligen wunderbar" [Psalm 4, 4], da er diejenigen, die sich als Sünder wahrnehmen und darüber betrübt sind, für gerecht befindet, die hingegen, die sich für gerecht halten, verdammt er. Entsprechend [heißt es] in Psalm 31: "Ich sprach: Eingestehen will ich mir meinen Frevel, eingestehen [vor dem Herrn][43], da vergabst du die Gottlosigkeit meiner Sünde. Ihretwegen soll jeder Heilige zu dir beten" [Psalm 31 [32], 5 f.], (d. h. der Gerechte, der Gerechtfertigte).

Ein wunderlich Ding, dass der Gerechte für seine Sünden betet. Wie es ja auch im Ecclesiasticus vom Gerechten heißt: "für seine Vergehen wird er um Gnade flehen" [Sirach 39, 7] und im Gebet dem Herrn bekennen, also seine Sünde. "Mir" [Psalm 31 [32], 5], heißt es, weil es um das geht, was ich sagte: dass der Gerechte sich als Sünder [an]erkennt und doch seine Sünde gehasst hat, so wie der Gottlose seine Gerechtigkeit [an]erkennt und sich in ihr gefällt. Ebenso auch Psalm 50: "Denn ich erkenne meine Missetat und" (nicht nur, [260] ich erkenne, sondern auch,) "meine Sünde ist immer vor mir" [Psalm 50 [51], 5]. Ich bekenne folglich: "An dir allein habe ich gesündigt und übel vor dir getan, weshalb du Recht behältst in deinem Reden" [Psalm 50 [51],6], was meint, weil ich die Sünde anerkenne und hasse, deswegen vergibst und rechtfertigst du, denn Recht behältst allein du.[44]

Also sind wir allein dadurch gerettet, dass wir, da wir Sünde haben und in Sünde leben, betrübt darüber sind, sie zu haben, und zu Gott um Erlösung seufzen, entsprechend jenem Zeugnis des Johannes: "Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, verführen wir uns selbst und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir sie aber bekennen, ist er treu; er vergibt uns unsere Sünden und reinigt uns von allem Unrecht" [1. Joh. 1, 8 f.]. So, genau so ist "das Opfer, das Gott gefällt, ein bußfertiger Geist; das bedrängte, zerschlagene Herz, Gott, wirst du nicht verachten" [Psalm 50 [51], 19].

"Es gibt ja niemanden auf Erden, der nicht sündigt", sagt Salomo in seinem Gebet [1. Kön. 8, 46]. Und Mose in Exodus: "vor dem keiner von sich aus ungestraft bleibt" [2. Mose 34, 7]. Und der Prediger wiederum: "Denn niemand ist so gerecht auf Erden, dass er nur Gutes tut und nicht sündigt" [Pred. 7, 20]. Und wiederum: "Wer kann von sich behaupten, er habe ein reines Herz?" [Sprüche 20, 9]. Darum "ist da keiner, der gerecht ist" [Röm. 3, 10], "alle sind sie abgewichen" [Röm. 3, 12]. Darum beten wir: "Vergib uns unsere Schuld" [Matth. 6, 12].

Woher also die Sünden und Schuld? Weil doch niemand das Gesetz erfüllt außer Christus. Kein Lebender jedenfalls wird von Gott gerechtfertigt angesichts dessen, dass sein Herz allezeit schwach ist gegenüber dem Guten und geneigt zum Bösen. Es liebt die Gerechtigkeit nicht, nein, es liebt sogar gewissermaßen das Unrecht. Christus dagegen "liebt die Gerechtigkeit und hasst das Unrecht" [Psalm 45, 8]. Wie der Apostel es später in Kap. 7 erörtert: "Mit dem Fleisch dienen wir dem Gesetz der Sünde, mit dem Geist aber dem Gesetz Gottes" [Röm. 7, 25]. Und in dieser Weise sind wir zum Teil gerecht, aber nicht ganz. Darum haben wir Sünde und Schuld.

Darum bitten wir, wenn wir darum beten, dass bei uns die Gerechtigkeit vollendet und die Sünde aufgehoben werde, zugleich um das Ende dieses Lebens. Denn in diesem Leben wird jene Neigung zum Bösen nicht vollends geheilt -- wie ja auch die Kinder Israel die Jebusiter in der Geschichte [Jos. 15, 63] nicht vertreiben konnten --. Von daher folgt auf die Bitte "Geheiligt werde dein Name" [Matth. 6, 9] (was durch unsere Heiligung von dem Bösen und den Sünden geschieht) sogleich: "Dein Reich komme" [Matth. 6, 10], was meint, er wird erst vollends geheiligt werden in deinem Reich. Doch auch es wird nur kommen durch [261] Bedrängnis hindurch. Darum folgt: "Dein Wille geschehe" [Matth. 6, 11], wie es auch Christus im Garten gebetet hat zur Zeit der Bedrängnis [vgl. Matth. 26, 39 ff.; Mark. 14, 36 ff.; Luk. 22, 42 ff.].

Wer kann sich folglich gegenüber einem anderen großtun, als sei er gerechter als jener? Da er doch nicht nur dasselbe tun kann, was jener auch tut, sondern auch schon im Herzen vor Gott tut, was der andere vor den Menschen betreibt. Und darum darf man auch niemanden verachten, der sündigt, sondern als Gefährten des gemeinsamen Unglücks muss man ihn bereitwillig ertragen und einander helfen, wie ja auch zwei, die im selben Dreck stecken, einander helfen. So "tragen wir einer des anderen Last und erfüllen Christi Gesetz" [Gal. 6, 2]. Anderenfalls werden wir beide im Dreck zugrunde gehen, wenn wir ihn verachten.

... und entbehren Gottes Ruhm [3, 23]. "Ruhm" (gloria) steht hier für die "Berühmung" (gloriatio [V. 27]).[45] Und "entbehren" bezeichnet negativ, worum es geht: Sie sind frei davon oder ohne Anteil daran, so dass gemeint ist: Sie haben die Gerechtigkeit nicht, deren sie sich vor Gott rühmen könnten, wie später - 1. Kor. 1 -: "damit sich vor ihm kein Mensch rühme" [1. Kor. 1, 29]. Und zuvor: "Du rühmst dich im Hinblick auf Gott" [Röm. 2, 17]. Und weiter unten: "und wir rühmen uns im Hinblick auf Gott durch Jesus Christus" [Röm. 5, 11].

Demnach heißt "sie entbehren Gottes Ruhm": sie haben nicht, wodurch sie sich im Hinblick auf Gott und um Gottes willen rühmen könnten, wie es in Psalm 3 heißt: "Du aber, Herr, bist mein Schild, mein Ruhm" [Psalm 3, 3], d. h. meine Berühmung. Entsprechend weiter unten: "Wenn Abraham durch Werke gerecht geworden ist, mag er Grund zum Ruhm haben, doch nicht vor Gott" [Röm. 4, 2]. So wie auch jene Grund zum Ruhm haben vor den Menschen um ihrer gerechten Taten willen. Es heißt deshalb "Gottes Ruhm" wie bei der Gerechtigkeit, der Weisheit, der Kraft - also Ruhm, der uns von Gottes Seite gegeben ist und dessen wir uns vor ihm rühmen können, sowohl im Hinblick auf ihn als auch seinetwegen.

Der Lehrer der Sentenzen und manch andere beziehen jenes "der Voraufgehenden Vergehen in der Zeit von Gottes Geduld" [3, 25] so aufeinander und verstehen es so, dass Gott seine Gerechtigkeit - d. h. Wahrheit - zeigt mit Rücksicht auf die Vergebung der Vergehen, die die Voraufgehenden begingen (d. h. die Väter im alten Bund), deren Vergehen er "in der Zeit der Geduld" vergeben habe, also mit Rücksicht auf die künftige Wiedergutmachung durch Christus.[46] Indem er vergibt, hat er ja geduldet und ertragen, dass die Wiedergutmachung auf die Vergebung folgt; - bei uns dagegen ist die Wiedergutmachung durch Christus voraufgegangen -. Und so wäre der Text des Apostels dann so zu verdeutlichen: ,zum Erweis seiner Gerechtigkeit' im Vergeben oder, weil er ,die Vergehen der Voraufgehenden in der Zeit der Geduld [262] Gottes' vergibt. Die Sünden aller werden ja allein durch Christus vergeben, die der Voraufgehenden nicht anders als die der Nachfolgenden.

Doch besser ist die Überlegung, "der voraufgehenden Vergehen" als ein Adjektiv und ein Substantiv aufzufassen, so dass gemeint ist: Durch die Vergebung der Sünden, die wir in der Vergangenheit begangen haben, zeigt sich Gott als derjenige, der alle rechtfertigt. Und so beweist die Vergebung der Sünden, dass er gerecht ist und gerecht machen kann. Gleichwie es oben hieß: "damit du Recht behältst in deinem Reden" [Röm. 3, 4], was er [Paulus] hier jetzt gleich nochmals mit den Worten wiederholt: "damit er derjenige sei, der gerecht ist und gerecht macht" [3, 26].

"Der voraufgehenden" aber sagt er, weil er [Gott] nicht alle Sünden vergibt, damit nicht einer sagen mag: Wenn nun die Sünden durch Christus vergeben sind, so lasst uns tun, was wir wollen, niemand kann zu unseren Zeiten sündigen -- wie die es tun, die ,den Geist zum Vorwand nehmen für das Fleisch' [Gal. 5, 13] und ,die Freiheit zum Deckmantel der Niedertracht machen' [1. Petr. 2, 16] --. Denn gegeben sind Gnade und Nachsicht nicht, damit gesündigt und nach Belieben gehandelt werden kann, wie es später heißt, wo er sagt, dass wir nicht unter dem Gesetz sind: "Was nun? Werden wir sündigen, weil wir nicht unter dem Gesetz sind?" [Röm. 6, 15]. Er antwortet: Nicht so vergibt er die Sünden, dass er niemandem eine Tat als Sünde anrechnet oder das Gesetz aufhebt, sondern er vergibt die voraufgehenden, die er in Geduld ertragen hat, indem er sie nicht straft, um Gerechtigkeit zu üben - er ist nicht darum nachsichtig, dass wir sie nach Belieben begehen können -.

Ganz klar ist entsprechend nach diesem Text, dass Gott beim Apostel wegen der vorzunehmenden Rechtfertigung gerecht genannt wird oder weil er gerecht macht, wie es zuvor hieß. Und damit ist dann augenscheinlich auch völlig klar, insofern der Apostel sich selber erklärt, dass "Gottes Gerechtigkeit" die genannt wird, durch die er uns rechtfertigt, so wie Gottes Weisheit die ist, durch die er uns weise macht.

Also stellt sich er sich durch dieses Wort "voraufgehende" der törichten und fleischlichen Vorstellung entgegen, die aus den Worten des Apostels etwa Folgendes ableiten möchte: Gott hat das Gesetz erfüllt, er stellt die Sünde nicht weiter in Rechnung, er will das nicht weiter als Sünde zurechnen, was er früher als Sünde zurechnete. Lasst uns dies also unbekümmert tun, da es früher Sünden waren, jetzt aber keine mehr sind.

"Dass das Gesetz aufgerichtet wird" [3, 31] ist in zweifacher Weise zu verstehen, also nach der inneren Seite hin und nach der äußeren. Nach der inneren Seite hin und formal wird es aufgerichtet, wenn der Inhalt und die Worte des Gesetzes in Kraft gesetzt werden, so dass es ansagt und zu verstehen gibt, was zu tun ist, was zu unterlassen ist. "Außer Kraft gesetzt" [3, 31] dagegen wird es dem gegenüber, wenn es aufgehoben und abgeschafft wird, so dass es nicht [263] länger bindet und so zur Erlaubnis wird, ihm zuwider zu handeln. Und so könnten fleischlich Denkende verstehen, der Apostel setze das Gesetz außer Kraft, weil er sagt, dass wir durch das Gesetz nicht gerechtfertigt werden, sondern "ohne das Gesetz ist Gottes Gerechtigkeit offenbart und gegeben worden" [3, 21].

In zweiter Linie - nach der äußeren Seite hin und exemplarisch - wird das Gesetz aufgerichtet und bestätigt, wenn durchgesetzt wird und geschieht oder unterbleibt, was das Gesetz gebietet oder untersagt. Wie in Jeremia 35: "Es galten die Worte Jonadabs, die er seinen Söhnen geboten hat, denn sie gehorchten dem Gebot ihres Vaters" [Jer. 35, 14]. Sieh da, dass die Worte gelten, bedeutet, ihnen zu gehorchen.

Und dann: "Gehalten haben die Söhne Jonadabs das Gebot ihres Vaters, dieses Volk aber hat mir nicht gehorcht" [Jer. 35, 16], was meint, mein Gebot haben sie nicht gehalten, sie haben es nicht aufgerichtet, sondern vielmehr außer Kraft gesetzt.

Wie in Psalm 10: "Denn sie haben zum Einsturz gebracht, wo du den Grund gelegt hast" [Psalm 10,4 [11, 3]]. Und in Psalm 118: "Es ist Zeit zu handeln, Herr; sie haben dein Gesetz in Stücke geschlagen" [Psalm 118 [119], 126].

Ferner Habakuk 1: "Deswegen ist das Gesetz zertrümmert, und das Gericht gelangt nicht an Ziel" [Hab. 1, 4]. Und Jeremia 31: "ein Bund, den sie aufgekündigt haben" [Jer. 31, 32], indem sie sich nicht an ihn hielten.

Folglich wird das Gesetz nach außen hin außer Kraft gesetzt, wenn nicht geschieht oder geschieht, was es selbst gebietet oder untersagt. In dieser Weise redet der Apostel, wenn er sagt: "sondern wir richten das Gesetz auf" [3, 31], d. h. durch den Glauben wird es erfüllt und bestätigt, sagen wir. Ihr dagegen setzt es vielmehr außer Kraft, ihr erfüllt es nicht, sondern lehrt auch noch, es müsse nicht erfüllt werden, indem ihr lehrt, dass die Werke des Gesetzes genügen, ohne Glauben. - S. unten Kap. 8: "Unmöglich war es dem Gesetz, zumal es durch das Fleisch geschwächt war" [Röm. 8, 3]. -

Genauso in Psalm 17: "Du gabst weiten Raum meinen Schritten unter mir, und meine Tritte sind nicht schwach" [Psalm 17 [18], 37], d. h. das Muster meines Lebens ist gefestigt, da viele sich nach ihm richten. Wie man gewöhnlich sagt: Eine Theorie oder diese oder jene Partei ist gefestigt und gesichert, wenn viele sich zu ihr bekennen. Doch sie schwächelt und geht zugrunde, wenn sie keine Anhänger hat.

Folglich wird das Gesetz in sich selber aufgerichtet und in uns. In sich, da es öffentlich verkündet wird; in uns, wenn wir es gern und tätig erfüllen. Doch außerhalb des Glaubens tut das niemand. Folglich kündigen wir Gottes Bund allezeit auf, wenn wir ohne die Gnade durch den Glauben an Christus sind.

"Durch welches Gesetz? Das der Taten? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens" [3,27]. Das Gesetz der Taten bläst unweigerlich auf und bewirkt Berühmung, denn wer gerecht ist und das Gesetz erfüllt, hat ohne Zweifel etwas, dessen er sich rühmen und worauf er stolz sein kann. [264] Und dann glauben jene, sie seien entsprechend, weil sie nach außen hin getan haben, was das Gesetz aufrichtet und untersagt. Darum werden sie nicht demütig, sie achten sich nicht gering wie die Sünder. Sie fragen nicht danach, gerechtfertigt zu werden, sie seufzen nicht um Gerechtigkeit, denn sie verlassen sich darauf, sie als erworbene zu besitzen.

Von daher ist zu beachten, wie es auch oben mit dem seligen Augustinus gesagt worden ist, dass "das Gesetz der Werke sagt: Tu, was ich befehle, das Gesetz des Glaubens hingegen: Gib, was du befiehlst."[47] Und insofern antwortet das Volk des Gesetzes dem Gesetz und Gott als dem, der im Gesetz spricht: Ich habe getan, was du befohlen hast, es ist geschehen, wie du es geboten hast. Dagegen sagt das Volk des Glaubens: Ich kann es nicht tun, ich habe es nicht getan, aber gib, was du befiehlst; ich habe es nicht getan, aber ich möchte es tun. Und weil ich es nicht kann, bitte ich und erbitte ich von dir, wodurch ich es kann. Und dadurch wird jenes stolz und ruhmredig, dieses hingegen demütig und geringschätzig sich selbst gegenüber.

Und darin besteht der wirkliche Unterschied zwischen den beiden Völkern, dass jenes sagt: Ich habe getan, dieses: Ich bitte, um tun zu können; jenes sagt: Fordere was du willst, und ich will es tun, dieses sagt: Gib, was du gefordert hast, damit ich es tun kann; jenes verlässt sich auf die erworbene Gerechtigkeit, dieses sehnt sich danach, sie zu erlangen.

Weshalb das ganze Leben des neuen Volkes, des gläubigen Volkes, des geistlichen Volkes allein darin besteht, mit dem Seufzen des Herzens, dem Ausdruck des Handelns, dem Handeln des Körpers danach zu verlangen, danach zu fragen und darum zu bitten, gerechtfertigt zu werden, unablässig bis zum Tod, niemals stehen zu bleiben, niemals Besitz ergriffen zu haben, keine Werke gleichzusetzen mit dem Ziel erworbener Gerechtigkeit, sondern gleichsam immer noch allezeit weiterhin gewärtig zu sein, dass sie außerhalb von ihm wohnt, es aber allezeit noch weiterhin in Sünden lebt und ist.

Von daher spricht der Apostel, wenn er sagt, "wir werden ohne die Werke des Gesetzes gerechtfertigt" [3, 28], nicht von den Werken, die, um nach der Gerechtigkeit zu fragen, geschehen. Denn diese sind schon keine Werke des Gesetzes mehr, sondern der Gnade und des Glaubens, weil, wer sie tut, sich nicht darauf verlässt, dass er um ihretwillen gerechtfertigt worden ist, sondern er begehrt gerechtfertigt zu werden, und geht nicht davon aus, dass er mit ihnen das Gesetz erfüllt habe, sondern fragt nach dessen Erfüllung.

Doch er nennt er diejenigen Werke des Gesetzes, bei denen die, die sie getan haben, deswegen, weil sie geschehen sind, darauf bauen, dass die Rechtfertigung auch geschehen sei und sie darum gerecht seien, weil sie sie getan haben. Deshalb tun sie sie nicht, um nach ihr zu fragen, sondern um sich der erworbenen Gerechtigkeit zu rühmen. Deshalb richten sie sie auf, nachdem sie sie getan haben, gleich als ob es nun, da das Gesetz schon gänzlich erfüllt ist, auch keinen weiteren Bedarf an Rechtfertigung mehr gibt.

Was zweifellos hochmütig und überaus ruhmredig ist. Nein vielmehr, es ist falsch, dass die Werke des Gesetzes das Gesetz erfüllen, weil das Gesetz ja ein geistliches ist, das nach dem Herzen fragt und nach dem Willen, den aus uns selber zu haben unmöglich ist, wie zuvor schon öfters gesagt wurde. Insofern tun sie Werke des Gesetzes, aber nicht das, was das Gesetz will.

Das Volk des Glaubens bringt deshalb sein ganzes Leben damit zu, nach der Rechtfertigung zu fragen. Sein sind jene Stimmen: "Ziehe mich dir nach" [Hoheslied 1, 4], und "Auf meinem Lager habe ich ihn gesucht; ich habe ihn gesucht und habe ihn nicht gefunden" [Hoheslied 3, 1], "Ich habe gerufen, und er antwortet mir nicht" [Hoheslied 5, 6], [265] d. h. niemals habe ich gemeint, ich hätte es ergriffen, sondern allezeit suche ich. Daher wird seine Stimme schließlich "Stimme der Turteltaube" [Hoheslied 2, 12] genannt, weil sie seufzt und sucht. Und besonders: "Selig, die dürsten nach der Gerechtigkeit" [Matth. 5, 6].

Und Psalm 33: "Die aber, die nach dem Herrn fragen, haben keinen Mangel an jeglichem Gut" [Psalm 33 [34], 11].

Und Psalm 13: "Da ist keiner, der nach Gott fragt" [Psalm 13 [14], 2], was meint: sondern sie sind Erfinder.

Und Psalm 104: "Suchet sein Antlitz allezeit" [Psalm 104 [105], 4], was meint: Geht nun aber niemals davon aus, gefunden zu haben.

Und [weiter] Psalm 104: "damit sie nach seinen Rechtssatzungen fragen" [Psalm 104 [105], 45].[48]

Und Jesaja 21: "Wenn ihr fragen wollt, fragt" [Jes. 21, 12].

Dort 65: "Gesucht haben mich, die vorher nicht fragten" [Jes. 65, 1].

In solcher Weise erschallt durch den ganzen 118. Psalm[49] die ähnliche Melodie, nahezu durch alle Verse: "O dass doch meine Wege geleitet würden, deine Rechtssatzungen zu hüten" [Psalm 118 [119], 5]. "Ich will nach deinen Rechtssatzungen fragen" [V. 145]. "Von ganzem Herzen habe ich nach dir gefragt, lass mich nicht abirren" [V. 10].

So nimmt auch der Apostel nicht von sich an, dass er ,es ergriffen habe, sondern er streckt sich im Suchen nach dem aus, was vorne liegt, vergisst, was im Finden hinter ihm liegt' [Phil. 3, 12 f.]. Denn wer auf solche Weise sucht, mit dem Herzen und mit dem Tun, ist ohne Zweifel gerade dadurch, dass er bittet, gerechtfertigt zu werden, und nicht davon ausgeht, dass er gerecht sei, schon bei Gott gerecht. Er bekennt sich ja nicht in dieser Form als Sünder, um die Sünden zu wollen und sich von Gott loszusagen, sondern um von ihnen erlöst und gerechtfertigt zu werden, da er allezeit sagt: "Vergib uns unsere Schuld" [Matth. 6, 12; Luk. 11, 4], "geheiligt werde dein Name" [Matth. 6, 9; Luk. 11, 2] usw.

Doch was bedeutet es, was Jesaja 65 sagt: "Ich bin gefunden worden von denen, die mich nicht suchten; frei und offen habe ich mich denen gezeigt, die nicht nach mir fragten"? -- Röm. 10 .[50] -- Folglich ist er nicht zu suchen, sondern man muss darauf warten, dass er durch Zufall gefunden wird? Aber das widerspricht erstens dem törichten Suchen derer, die nach Gott auf einem Weg suchen, den sie selber gewählt haben, nicht auf dem, auf dem Gott gesucht und gefunden werden will.

Zweitens meint es, dass uns die Gerechtigkeit, Gottes Gerechtigkeit, ohne unsere Verdienste und Werke geschenkt worden ist, uns, die wir mit allem anderen beschäftigt sind und nach allem anderen fragen als nach Gottes Gerechtigkeit. Wer denn hat gefragt oder hätte gefragt nach dem ,fleischgewordenen Wort' [Joh. 1, 14], [266] wenn es selber sich nicht offenbart hätte? Folglich ist es gefunden worden, nicht gesucht. Nachdem es aber gefunden wurde, will es jetzt weiter allezeit gesucht und umso mehr gefunden werden. Es wird gefunden, wenn wir uns zu ihm hinwenden, weg von den Sünden, aber gesucht, sofern wir bei der Hinwendung verbleiben.

Von daher gibt es einen Unterschied zwischen Sündern und Sündern. Die einen nämlich sind es - Sünder - und bekennen, dass sie gesündigt haben, aber sie sehnen sich nicht danach, gerechtfertigt zu werden, nein, sie verzweifeln vielmehr und sündigen weiter, wie solche, die im Tode verzweifeln und im Leben der Welt dienen. Die anderen dagegen sind Sünder und bekennen, dass sie sündigen und gesündigt haben, aber sie sind betrübt darüber und hassen sich selbst darum und sehnen sich danach, gerechtfertigt zu werden, und sie fragen ohne Unterlass danach und seufzen um Gerechtigkeit zu Gott. Das ist Gottes Volk, das beständig das Urteil des Kreuzes trägt, was es selber anbelangt [vgl. Röm. 6, 6; Gal. 2, 19].

In dieser Weise unterscheiden sich auch die Gerechten von den Gerechten. Die einen nämlich versichern, sie seien gerecht, und sehnen sich nicht danach, gerechtfertigt zu werden, sondern sie erwarten vielmehr, belohnt und ausgezeichnet zu werden. Die anderen streiten ab, gerecht zu sein, sie fürchten verdammt zu werden und sehnen sich danach, gerechtfertigt zu werden.

Folglich schadet es nicht, dass wir Sünder sind, solange wir nur mit allen Kräften darauf bedacht sind, gerechtfertigt zu werden.

Deswegen stellt der Teufel uns meisterhaft mit tausend wunderlichen Listen nach. Denn er reißt einige mit sich, indem er sie in offensichtliche Sünden verstrickt. Andere dagegen, diejenigen, die sich für gerechtfertigt halten, lässt er stehen bleiben, lau werden und das Interesse verlieren, wovon Offenbarung 3, über den Engel von Laodizea [Offb. 3, 14 ff.], spricht. Noch andere verführt er drittens zu Aberglauben und Einzigartigkeitsphantasien, so dass sie sozusagen als Heiligere und gleichsam im Vollbesitz der Gerechtigkeit gewiss nicht lau werden, sondern glühend heiß vor den anderen auftreten, die sie von ferne verachten in Hochmut und Spott.

Wieder andere treibt er 4. in törichter Anstrengung dazu, dass sie versuchen rein und heilig ohne jede Sünde zu sein. Und solange sie bemerken, dass sie sündigen und sie etwas Böses beschleicht, verängstigt er sie so mit dem Gericht und macht dem Gewissen so zu schaffen, dass sie schier verzweifeln. Denn da er die Neigung eines jeden wahrnimmt, greift er ihn ihr entsprechend an. Und weil jene Vierten für die Gerechtigkeit glühen, kann er sie nicht leicht zum Gegenteil überreden. Er beginnt sie in ihrer Absicht zu unterstützen, so dass sie allzu große Eile haben, jede Begierde abzustreifen. Was sie, wo sie es nicht können werden, traurig, niedergeschlagen, kleinmütig, verzweifelt [267] und äußerst unruhig im Gewissen macht.

Es bleibt also nur noch übrig, dass es angebracht/hilfreich für uns ist, in Sünden zu bleiben und in der Hoffnung auf Gottes Erbarmen nach Erlösung von ihnen zu seufzen. Gleich wie ein Genesender, der allzu große Eile hat, gesund zu werden, mit Sicherheit einen umso schwereren Rückfall erleiden kann.

Nach und nach soll man folglich genesen und manche Einschränkungen eine Weile lang ertragen. Denn es reicht, dass die Sünde zuwider ist, wenn sie auch nicht völlig verschwindet. Christus trägt sie ja alle, wenn sie zuwider sind und schon nicht mehr unsere, sondern sie sind seine und seine Gerechtigkeit ist unsere stattdessen.

Fußnoten

[1] Augustinus, De spiritu et littera XI 18, vgl. ebd. IX 15.

[2] Vgl. Aristoteles, Ethica Nicomachaea III 7.

[3] Nikolaus von Lyra, Postilla super totam bibliam : in epistola ad Romanos, z. St.

[4] So die mittelalterliche Bibelauslegung, die sog. Glossa ordinaria, z. St.

[5] In den zeitgenössischen Bibelübersetzungen, die letzten beiden Revisionen der Lutherbibel (1984, 2016) eingeschlossen, heißt es: „von einer Herrlichkeit zur anderen“. Luther übersetzt „Klarheit“. An diesem Ausdruck hält er zeitlebens fest. In Übereinstimmung mit der Vulgata trägt er dem sprachlichen Befund Rechnung, dass der Begriff der „Herrlichkeit Gottes“ (hebr.: kabod, griech.: doxa) sich aus einer Vielzahl von Facetten zusammensetzt. „Herrlichkeit“ ist Größe, Ehre, Lobpreis, Pracht, Schönheit, Klarheit, Glanz, Stärke, Kraft, Hoheit, Majestät usw. Demgemäß begegnen in der Vulgata je nach Kontext die Vokabeln gloria (Herrlichkeit/Ehre), claritas (Klarheit) oder maiestas (Hoheit) – eine Differenzierung, die Luther aufrechterhält. Seiner Entscheidung für die „Klarheit“ folgt die heutige Version der Lutherbibel nur noch an einer Stelle. In der Weihnachtsgeschichte des Lukas-Evangeliums ist weiterhin von der „Klarheit des Herrn“ (Luk. 2, 9) die Rede.

[6] Vgl. unten den „Zusatz“ zur Auslegung von Röm. 3, 21: „Bezeugt vom Gesetz“.

[7] Augustinus, De spiritu et littera XI 18.

[8] So sinngemäß die Erklärung des Paul von Burgos zu Röm. 1, 17, wie sie als fünfter Zusatz im Anschluss an Kap. 1 in die Postille des Nikolaus von Lyra eingefügt ist.

[9] Die zeitgenössischen Bibelübersetzungen bevorzugen die Lesart, dass den Juden Gottes Reden „anvertraut worden“ sei. Sie folgt darin der lateinischen Bibelübersetzung, die den griechischen Text durch den Zusatz des Pronomens „ihnen“ verdeutlicht. Rein lexikalisch entspricht sowohl ‚glauben‘ als auch ‚trauen/anvertrauen‘ dem lateinischen ‚credere‘ wie auch dem griechischen ‚pisteuein‘. Luther spielt beide Aspekte nicht gegeneinander aus, wägt allerdings gegeneinander ab und argumentiert, ganz im Horizont des geläufigen Verständnisses von ‚credere‘/‚glauben‘, mit dem Akzent auf diesem Blickwinkel. 1516 erschien das Neue Testament erstmals im Druck und ermöglichte so den direkten Zugriff auf dessen Sprachgestalt.

[10] Der lateinische Wortlaut ist im Deutschen nicht einfach wiederzugeben. Das griechische ‚pistis‘ (Glauben, Vertrauen, Treue) hat im lateinischen ‚fides‘ seine lexikalisch Entsprechung. Vom Untreu-sein im Gegensatz zu Gottes Treue ist die Rede, aber zugleich klingt mit an, dass der Unglaube der Menschen (ihre „ Ungläubigkeit“, so die Vulgata) in Opposition zu „Gottes Glauben“ steht, wie Luther selber zeitlebens übersetzt. Denn der Glaube ist „Gottes Glaube“: er kommt von Gott, entspricht ihm, stimmt mit ihm überein, ist „Gottes Glaube“ und zugleich „Glaube an Gott“. Die Wiedergabe mit „Treue“ bildet diesen Hintergrund in seiner Komplexität lexikalisch nicht ab.

[11] Argument aus der Tradition der Sentenzen-Kommentare, vgl. Aegidius Romanus, Expositio in librum I Sententiarum, dist. 46, q. 2. Die Formulierung begegnet wörtlich bei Thomas von Aquin, Quaestiones disputatae, De malo q. 1 a. 1 arg. 14.

[12] Aulus Persius Flaccus, Satire III, 90 ff.

[13] Grundlegend Aristoteles, Physik I 7. Vgl. ferner dessen mittelalterliche Kommentatoren, namentlich Thomas von Aquin und William von Ockham, und Luthers Zeitgenossen und Kollegen, etwa seinen Erfurter Lehrer Bartholomäus Arnoldi von Usingen (Parvulus philosophiae naturalis) oder Jodocus Trutvetter (Summa in totam physicen, Erfurt 1514).

[14] Grundlegend und ebenso vielfach wiederholt und kommentiert: Aristoteles, De anima III 4.

[15] Luther notiert auf Deutsch: „Was leit [= liegt] daran?“

[16] Gemeint ist der „moralische“ oder „tropologische“ Schriftsinn, traditionell Bestandteil der Bibelauslegung nach der mittelalterlichen Lehre vom vierfachen Schriftsinn und notwendige Ergänzung des Textverständnisses dem Inhalt oder Wortlaut, „dem Buchstabensinn“, nach. Der „moralische Sinn“ bezeichnet das Verhalten und Verhältnis zu diesem Inhalt; Luther erläutert ihn in der Auslegung des folgenden Verses als „die Gläubigkeit, mit der wir Gott glauben“.

[17] Luther zitiert Psalm 50 [51], 6 hier nach der „wortwörtlichen Auslegung der sieben hebräischen Bußpsalmen“ durch Johannes Reuchlin [Ioannis Revchlin Phorcensis LL. doctoris in septem psalmos poenitentiales hebraicos interpretatio de uerbo ad uerbum, & super eisdem commentarioli sui, ad discendum linguam hebraicam ex rudimentis, Tubingae : Anshelmus, 1512].

[18] Nikolaus von Lyra, Postilla super totam bibliam : in epistola ad Romanos, z. St.

[19] S. o. Anm. 16.

[20] Psalm 51 trägt die Überschrift „Ein Psalm Davids“.

[21] Vgl. Nikolaus von Lyra, Postilla super totam bibliam : in Psalmos, z. St. und die mittelalterliche Glossa Ordinaria.

[22] Der griechische Bibeltext, Paulus selber, verwendet die Vokabeln „gehorchen“/„nicht gehorchen“, was so im Lateinischen nicht möglich ist. Demzufolge umschreibt die Vulgata: „sie schenken der Wahrheit keinen Glauben (non adquiescunt), doch sie glauben/trauen (credunt) der Ungerechtigkeit.“ Luther zitiert den Vers nur annähernd wörtlich. Wie an anderen Stellen auch (vgl. unten Psalm 104, 45 mit Anm. 48) gebraucht er das zuletzt verwendete Verb. Mit der deutschen Wortwahl ‚trauen‘/‚trauen nicht‘ gewinnt die Argumentation an dieser Stelle ihre spezifische Farbe. Zutrauen zu haben und zuzustimmen ist die Voraussetzung des Gehorchens wie auch die des Glaubens. Vor dem sprachlichen Hintergrund werden Luthers Denken und Reden transparent.

[23] Dan. 3, 31. 29 und 35, zitiert nach dem ‚Introitus‘ der Messe zum 20. Sonntag nach Pfingsten im ‚Missale Romanum‘.

[24] Der Satz ist in Senecas Schriften nicht belegt, wird jedoch im Mittelalter häufig als Seneca-Zitat tradiert, zumeist in der Fassung: „Si scirem deos esse ignoscituros et homines ignoraturos, dedignarer peccare“. In der obigen Formulierung findet er sich z. B. auch bei Engelbert von Admont, Speculum virtutum I, 11 (ed. Karl Ubl, Monumenta Gemaniae Historica, Staatsschriften des Späten Mittelalters Bd. 1, Teil 2, Hannover 2004, S. 108, mit Anm. 57).

[25] P. Terentius Afer, Andria, Prologus, 17.

[26] Ders., Heautontimoroumenos, IV, 5, 796. Wörtlich heißt es dort: „Das größte Recht ist oft die größte Bosheit“ (ius summum saepe summast malitia).

[27] Luther zitiert zunächst auf Deutsch und übersetzt dann ins Lateinische.

[28] Vgl. oben zu Röm. 1, 17 („aus Glauben in Glauben“) sowie unten den „Zusatz“ zur Auslegung von Röm. 3, 21: „Bezeugt vom Gesetz“.

[29] Bernhard von Clairvaux, Epistola 91.

[30] „moraliter“, vgl. dazu auch Anm. 16.

[31] Dieser zweite Teil des Verses steht in der Vulgata wie in der Septuaginta, fehlt jedoch in der hebräischen Bibel und den heutigen Bibelübersetzungen.

[32] Vgl. Augustinus, Tractatus in epistolam Johannis ad Parthos, Tract. 2, 2.

[33] Vgl. Aristoteles, De historia animalium VIII 29.

[34] In seiner Psalmenvorlesung bezieht Luther Psalm 36 [37], 22 ausdrücklich auf Christus, vgl. WA 3, 207, 10.

[35] Die auf Aristoteles zurückgehende Theorie über das Verhältnis von Form und Materie erläutert Jodocus Trutvetter [s. o. Anm. 12] mit dem Hinweis auf den Merkvers: „Die Handlung beweist die Form wie die Umwandlung die Materie“ (operatio arguit formam sicut transmutatio materiam), Summa in totam physicen I c. 1, Erfurt 1514, Bl. b ii.

[36] Petrus Lombardus, Sententiarum liber III, dist. 23, q. 4.

[37] „Wer einen Menschen tötet, tötet eine ganze Welt“ – so die jüdische Gesetzesauslegung, formuliert im Talmud (Buch IV, Kapitel Sanhedrin 37a), bezogen auf Israel.

[38] Hosea 2, 20 nach der Zählung der Vulgata/Septuaginta.

[39] Augustinus, De spiritu et littera XIII 22.

[40] Augustinus, De spiritu et littera XIX 34.

[41] Vgl. dazu oben die Auslegung zu Röm. 1, 17, ferner den „Zusatz“ zur Auslegung von Röm. 3, 11: „Da ist keiner, der nach Gott fragt.“

[42] Vgl. Matth. 2, 2 und vor allem, mit vielfachen Belegen in allen vier Evangelien, die Passionsgeschichte. Die WA verweist speziell auf Luk. 23, 38 und die zugehörige Auslegung in der Glossa ordinaria als Hintergrund.

[43] In Luthers Zitat des Psalmverses fehlt an dieser Stelle, anders als im Bibeltext, das Wort „Domino“ (dem Herrn).

[44] Vgl. dazu oben die Auslegungen zu Röm. 3, 4.

[45] Zu ‚gloria‘ als Übersetzung des griechischen ‚doxa‘ (Ruhm, Ehre, Herrlichkeit) vgl. oben Anm. 5. ‚Berühmung‘ (gloriatio) steht in der Sprache des Rechts für die Geltendmachung des Anspruchs, Inhaber eines bestimmten Rechts zu sein.

[46] Vgl. Petrus Lombardus, Collectanea in epistolas Pauli : in ep. ad Romanos III, z. St.; ferner die mittelalterliche GlossaOrdinaria sowie Nikolaus von Lyra, Postilla super totam bibliam: in epistola ad Romanos, z. St.

[47] De spiritu et littera XIII 22, vgl. oben zu Röm. 3, 21: „Bezeugt durch das Gesetz“.

[48] Ein verkürztes Zitat. Der Psalmvers lautet vollständig: „damit sie seine Rechtssatzungen hüten und nach seinem Gesetz fragen.“

[49] Luther nennt ihn hier nach seiner Form, den aus je acht Versen bestehenden Strophen, den „achtversigen“ (octonarius).

[50] Röm. 10, 20. Luther gibt das Zitat Jes. 65, 1 mit den Worten des Römerbriefes wieder.


Dr. Dagmar Ludwig, Göttingen
E-Mail: dagmar.ludwig@theologie.uni-goettingen.de

Prof. Dr. Dr. Ulrich Nembach, Göttingen
E-Mail: ulrich.nembach@theologie.uni-goettingen.de