Kommunikation über Grenzen

13. Europäischer Kongress für Theologie (Wien,
21. - 25. September 2008) - eine Nachlese

Friedrich Seven

Der Mensch ist nicht nur dazu bestimmt, in Grenzen zu leben, sondern zugleich so frei, über diese Grenzen zu sprechen.

Von dieser Freiheit wollte der 13. Europäische Kongress für Theologie, der in diesem Herbst an die dreihundert Theologinnen und Theologen, aber auch Wissenschaftler anderer Disziplinen in Wien versammelte, Gebrauch machen. Unter dem Leitwort "Kommunikation über Grenzen" setzten sie sich sowohl mit den Begrenzungen der eigenen Disziplin als auch, über die Grenzen hinaus, mit dem Anderen auseinander - wodurch nicht zuletzt der qualitative Unterschied in den Blick kam, von dem her die endliche Existenz des Menschen plausibel werden kann.

Obgleich der Kongress unter dem Anderen also zunächst und vornehmlich Gott verstand, war man doch stets bemüht, von diesem Gott nur im Zusammenhang mit dem Menschen zu sprechen. Auch waren sich die Referenten darüber einig, dass der Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf so wesentlich ist, dass alle Menschen, alle Religionen und alle Konfessionen darin verbunden sind, von diesem Gott verschieden zu sein. Christen teilen mit Nicht-Christen das Geschick, der Zuwendung Gottes zu bedürfen.

So fragte in seinem Vortrag "Dank, Kontingenz und Toleranz" Micha Brumlik (Frankfurt a. M.) für das liberale Judentum danach, ob nicht der Dank für das konkrete Leben, in das Gott jeden Menschen, stets unterschieden von anderen, gestellt habe, die verschiedenen Menschen, ihre Religionen und Konfessionen verbinden könne. Diese Verbindungen stünden allein unter der minimalen Zumutung, in Rechtsverhältnissen miteinander zu leben.

Christliche Theologie freilich thematisiert die Verschiedenheit zwischen Gott und Mensch von einem Grenzpunkt her und auf diesen hin, der durch die Geschichte von Jesus Christus inmitten der menschlichen Geschichte markiert ist. Den Glauben an diesen Herrn expliziert und begreift sie als den Viadukt, dank dem die Grenze zu Gott vom Menschen schon jetzt jeweils überschritten werden kann, ohne dass mit diesem Schritt der Unterschied selbst aufgehoben würde.

Ingolf U. Dalferth (Zürich) führte dazu aus, dass der Glaube insofern nicht, wie immer wieder vorgetragen, von der Vernunft begrenzt werde oder gar die Vernunft begrenze, vielmehr bleibe der Mensch im Glauben ein mit Vernunft begabtes Wesen. Gerade diese Begabung sei ihm eine Hilfe, seine Gegenwart zu erfassen.

Die Sektion ‚Praktische Theologie' stellte ihrerseits diejenigen Kategorien heraus, unter denen das religiöse Subjekt heute auf seine Wirklichkeit trifft. Das der Pädagogik entliehene Schlagwort "Mediatisierte Kommunikation" reflektiert die Erkenntnis, wie sehr die Menschen moderner Konkurrenzgesellschaften nach eng befristeten Kommunikationssituationen suchen, in die sie ihre unabgegoltenen Wünsche nach Gemeinsinn einbringen könnten. Konstitutiv für diese Art von Kommunikation sei es geradezu, dass mit ihr keine weiteren Verbindlichkeiten verbunden werden: Die Individuen kommunizieren über Gemeinsinn, ohne sich auf Dauer mit ihm gemein zu machen.

Darin aber vollziehe sich ein neuerlicher Strukturwandel im öffentlichen Leben. Formen der mediatisierten Kommunikation fördern, befördern den gesellschaftlichen Zusammenhalt, indem sie es den stark auf sich gestellten und sich in Milieus abschottenden Menschen erleichtern, es mit anderen auszuhalten, ohne die prinzipielle Verschiedenheit krampfhaft überwinden zu wollen.

In diesen Rahmen zeichnete Gerald Kretzschmar (Bonn) die These ein, dass Kirchengemeinden speziell mit ihren Gottesdiensten über Räume verfügten, in denen ein dergestalt begrenztes Miteinander möglich werden könne. Die Liturgie mit ihren Gebeten, Gesängen und Gesten böte Formen mittelbarer Kommunikation, die als solche Medien fungierten, auf die sich alle Teilnehmer zwar ausnahmslos beziehen, zugleich aber gestatten sie ihnen, in ihrer persönlichen Deutung wiederum ganz bei sich selber zu bleiben.

Dass der Kongress sich der Frage nach der Bedeutung und Nutzung der neuen Medien nicht stellte und seine eigene Teilhabe an der "mediatisierten Kommunikation" unreflektiert blieb, bleibt eine offene Frage an Veranstalter und Teilnehmer.

 


Dr. Friedrich Seven, Scharzfeld
E-Mail: friedrichseven@t-online.de


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