Rezension zu Jörg Baur, Am Ende: Gottes Wort. Predigten 1995 - 2002, Neuendettelsau (Freimund) 2002, 181 S.

Elke Axmacher

Kann und soll man Predigten rezensieren? Muß man einem solchen Unterfangen nicht die Frage stellen, mit der Baur die erste in dem Band abgedruckte Predigt beginnt: "Was gibt es da noch viel zu sagen?" (11) Predigten soll man hören, allenfalls - wie hier - lesen und sich zu Herzen nehmen. Sie erwarten die persönliche Beteiligung, letztlich die Entscheidung, nicht die kritische Auseinandersetzung. Ihre Redeweise ist appellativ und ihr Anspruch autoritativ, ihrem Selbstverständnis nach damit der distanzierten Prüfung und Beurteilung durch den nicht Betroffenen entzogen. Der gemeinte Adressat ist der Glaubende, nicht der Rezensent.

Diesem verständlichen Einwand kann nur durch eine differenzierte Argumentation begegnet werden. Zunächst ist darauf hinzuweisen, daß die gedruckte Predigt selbst bereits eine Ausprägung der Gattung ist, der wesentliche Merkmale der 'eigentlichen' Predigt fehlen: z.B. die Mündlichkeit und die Unmittelbarkeit der Anrede, weitgehend auch der unplanbare Situations- und Hörerbezug sowie vor allem die Einbindung in den Gottesdienst. Damit ist die Predigt ihrem Kontext entnommen, sie gewinnt Selbständigkeit als ein religiöser Text, der durch das Medium Buch einem breiteren Kreis von Menschen zugänglich gemacht werden soll. Die Loslösung vom Gottesdienst bewirkt eine Art von Literarisierung der Predigt, die der sachlichen und kritischen Betrachtungsweise der Rezension entgegenkommt. - Ferner ist zu bedenken, daß auch der Haltung, auf die jede Predigt eigentlich zielt, nämlich der gläubigen Zustimmung und Annahme, ein gewisser kritischer Zug ja nicht fehlt, insofern sie verstehende Annahme, einsichtiger Glaube sein soll. - Und schließlich fordern Baurs Predigten von ihrer Eigenart her selbst die kritische Auseinandersetzung, wie zu zeigen sein wird.

Der vorliegende Band, den Baur der 1996 erschienenen Sammlung "Wort im Zeitenwandel" jetzt folgen ließ, vereinigt 25 Predigten aus sieben Jahren, die in chronologischer Reihenfolge abgedruckt sind, abgesehen von den letzten drei, die als Kasualpredigten der Anordnung Trauung - Taufe - Begräbnis folgen. Die meisten Predigten sind mit markanten Titeln versehen, wodurch die Tendenz zur Literarisierung verstärkt wird. Drei Predigten sind in Kantatengottesdiensten gehalten worden. Allerdings ist der Bezug zu der jeweils aufgeführten Kantate nur sehr locker; ihre Texte werden allenfalls beiläufig in der Predigt berücksichtigt, so daß der Zusammenhang von Kantate und Predigt bedauerlicherweise nicht hergestellt wird. Von den kirchlichen Festen sind Karfreitag und Ostern, Epiphanias, Bußtag und Ewigkeitssonntag (gleich zweifach) mit Predigten vertreten; eine Art von Vollständigkeit ist in dieser Hinsicht also nicht intendiert. Der Zusammenhang zwischen den einzelnen Predigten entsteht auf andere Weise: durch die theologische Grundhaltung und durch die sprachliche Gestaltung. Um letztere zu charakterisieren, darf man wohl kein Lehrbuch der Homiletik befragen, sondern muß sich an die alten Regeln der allgemeinen Rhetorik halten. Die ungemein bildhafte Sprache läßt vergessen, daß von einer Anschaulichkeit im üblichen Sinne der Auflockerung durch konkrete Beispiele und aktuelle Bezugnahmen nicht die Rede sein kann. Die Predigten sind in metaphorische Sprache gekleidete und mit Emphase ausgeführte Lehrpredigten - was nur einer borniert antidogmatischen Haltung als negatives Urteil erscheinen kann. Die rhetorisch gut ausgearbeitete Lehrpredigt könnte, wenn sie zur allgemein geübten Praxis würde, dem Elend der theologischen Unbedarftheit unserer Gemeinden entgegenwirken und die Kluft zwischen akademischer Theologie und kirchlicher Religiosität überwinden helfen. Eben darum scheint es Baur zu gehen. Um das bestätigt zu finden, braucht man nur einen Blick in seine Aufsatzbände "Einsicht und Glaube" (I 1978, II 1994) zu werfen, die zwar dem Gattungsunterschied gemäß einen anderen Ton anschlagen, aber keinen grundlegenden Unterschied zu den Predigten aufweisen, was Inhalt, Sprache und Methode der Argumentation angeht. Nun sind freilich die meisten Predigten der vorliegenden Sammlung in Universitätsgottesdiensten gehalten (und vermutlich nachträglich überarbeitet) worden. Ich weiß nicht, wie sie in einer 'normalen' Ortsgemeinde aufgenommen worden wären. Denn die Sprache der Predigten ist nicht nur reich an Bildern, sondern auch an Sätzen wie diesem: "Ob von uns angenommen und akzeptiert, ob bestritten und verneint, ob in Übereinstimmung mit unserem Weltbild oder in klarem Widerspruch zu unserer persönlichen Überzeugung, die Stimme, die hier das Wort nimmt, das Ich, mit dem wir konfrontiert werden, der Wille, der sich hier bekundet, verschwimmt nicht im Ungefähren, verflüchtigt sich nicht im Gewoge religiöser Stimmungen, nicht in den Ahnungen der Sehnsucht." (154) So eindringlich die Häufung von Satzgliedern oft auch wirkt, im Übermaß gebraucht verwirrt sie den Hörer (mehr noch als den Leser) und ist überhaupt nur einem bildungsmäßig anspruchsvollen 'Publikum' zuzumuten. Baurs 'religiöse Reden' sind gewissermaßen an die Gebildeten unter ihren Anhängern gerichtet. Als solche aber sehen sie sich verpflichtet, mit allem Nachdruck, aller Emphase, deren ein rhetorisch geschulter Redner fähig ist (und er benutzt außer den erwähnten noch eine ganze Anzahl weiterer rhetorischer Mittel!), die nicht dem Zeitgeist angepaßte, aber neuzeitlich interpretierte lutherische Lehre von der Rechtfertigung des Sünders seinen Hörern und Lesern nahezubringen. Wie Luther kennt er nur ein einziges Thema der Theologie: Es geht in ihr um den sündigen und verlorenen Menschen und den rettenden rechtfertigenden Gott. Dieses in der Kirche heute nicht gerade viel beachtete und populäre Thema zieht sich in unzähligen Variationen durch alle Predigten hindurch. Es wird polemisch gewendet gegen den "Wahn vom im Grunde guten Menschen", der deshalb so verderblich ist, weil er den Menschen bei sich selbst festhält, ihn sich selbst überläßt und dadurch seine Heillosigkeit zum Mittel des Heilsgewinns umdeutet. In Wahrheit bei sich selbst sein kann der Mensch nur, wenn er nicht bei sich bleibt, sondern sich 'außerhalb' seiner selbst in der ihn tragenden Liebe Gottes und in dem ihm 'von außen' zugesprochenen Urteil des barmherzigen Gottes gründet. Baur hält diese 'Lehre' für durchaus vermittelbar und dem heutigen Menschen 'zumutbar', wenn dieser nur die Illusion von der Selbstkonstitution und der Möglichkeit des Selbstbesitzes durchschaut und davon abläßt. Gott allein ist Hilfe und Rettung für den Menschen, und die ist im Kreuz und in der Auferstehung Jesu verwirklicht. Baur kann diese dogmatischen Grund-Sätze ganz direkt und gleichsam ungeschützt vortragen, z.B. in der Osterpredigt (135-140). Aber hier warnt bereits der etwas zu 'laute' Titel "Sieg! Sieg!" vor der Gefahr einer im bloßen Behaupten bleibenden thetischen Theologie, einer Gefahr, die Baur sonst auch meist vermeidet. Seine große Stärke auch in dem neuen Predigtband liegt in der Vermittlung neuzeitlichen Denkens mit der reformatorischen Theologie, die dabei als eine überzeugende Interpretation und Antwort auf die Fragen des modernen Menschen erkennbar wird. Dies geschieht bei ihm ohne Abstriche an der überlieferten Lehre nur dadurch, daß er in den philosophischen Analysen des Menschseins und in den theologischen Bestimmungen des Menschen als der Vergebung bedürftigen Sünders Berührungspunkte aufweist und sprachlich plausibel macht und Gott als den verständlich macht, von dem der Mensch schlechterdings alles hat und ohne den er nichts ist, den Heiligen in der Überwindung alles Widerständigen und den Erbarmer nach seinem freien Willen zur Rettung seiner Geschöpfe. Gewiß, plausibel und überzeugend ist das alles nur für den, der selbst nach solcher Vermittlung fragt, aber für ihn ist es echte Lebens- und Argumentationshilfe.

Vorbildlich und von großem Nutzen ist auch die durchgängig in den Predigten geübte dialogische Redeweise. Baur läßt kaum eine Gelegenheit aus, Einwände gegen seine Behauptungen und Gedanken selbst geltend zu machen. Die Auseinandersetzung mit solchen Einwürfen ist für ihn eines der wichtigsten Mittel der Gedankenführung und damit des Aufbaus seiner Predigten. Besonders gut läßt sich das aufzeigen an der ersten Predigt vom Sabbat, der um des Menschen willen gemacht ist (Mk 2,23-28; 11 - 18). Aus der inneren Bewegung des Denkens heraus wird ein Gedanke nach dem anderen ausgeführt, stark gemacht - und in Frage gestellt: Hier wird zunächst der Sabbat als Symbol des Lebensrechts gegen von Menschen auferlegte Regeln und Gesetze verständlich gemacht; tiefere Einsicht macht dann aber das Recht und die Wohltat des Gesetzes als Eingrenzung der den Menschen gefährdenden Triebe, die Notwendigkeit seiner Beugung unter ein gültiges Maß geltend. Schließlich zeigt sich die Lösung des grundlegenden Konflikts in Jesu Herrschaft über den Sabbat: Seine ungebrochene Gottesbeziehung unterläuft die Alternative zwischen dem das Leben einengenden und dem es schützenden Gesetz und bedeutet Freiheit vom Gesetz. Sie gründet in Jesu Einheit mit dem Gott, der als Schöpfer des Menschen ihm die Ruhe des Sabbats gewährt (das Gesetz als Angebot!), die der Mensch doch verspielt hat (das Gesetz als Forderung). Jesus "steht gut" für "den Gott, der unser Leben will, den Großmütigen und Schenkenden". Jesus ist schließlich Herr des Sabbats in dem Sinne, daß er, "nicht geringer als der Geber des Sabbats, gleicher Gott und gleicher Ehren, Herr auch dieser Schöpfungsgabe" ist, auch im eschatologischen Verständnis (17 f.). Die Gedankenentwicklung, der man willig folgt, weil sie mit dem eigenen Fragen mitgeht, ist zu Ende. Dieses Ende ist oft, wie in diesem Fall, eine dezidiert christologische Aussage, allerdings nicht immer wie hier in der massiv behauptenden Form, die den dogmatischen Inhalt 'unübersetzt' läßt. Aber bis zu diesem Punkt bleibt das Denken in Bewegung, und das macht die Predigten zu einer anregenden Lektüre.

Nicht übergangen werden darf der mit dem eben geschilderten Verfahren, mit der Denkbewegung, zusammenhängende Vorzug, daß die Predigten nichts als reine Textauslegungen sind, aber so, daß sie den Text transparent werden lassen für das Überzeitliche, für das Heutige. Baur wendet die Texte so lange eindringlich um und um, bis sie ihren 'modernen' Gehalt ganz von selbst preisgeben, ohne daß der Interpret am Ende angestrengt eine ausdrückliche "Anwendung" auf 'uns heute' anhängen müßte. Baur bringt zur Sprache, ins treffende Wort, daß wir in den Texten vorkommen, daß immer schon von uns die Rede ist. So endet etwa die Paraphrase von Lk 13,22-30 (Ausschluß derer, die nur Herr, Herr gesagt haben, vom Himmelreich), die von der verpönten und doch notwendigen Buße handelt, für Baur in einer ganzen Reihe von Fragen, die ihn "aus unserem Predigttext an(springen)": "Auch das freundliche Gegenbild vom Aufbruch der Menschheit ins Gottesreich lässt sich für uns nicht erfreulich an. Wo wenden sich Völker und Gruppen zum Christus-Heil? Greift nicht fremder Gotteseifer nach eine anfälligen und unsicheren säkularen Kultur aus? Schlägt nicht viele eine vorgeblich ganzheitliche Spiritualität in ihren Bann? Ist der charismatische Aufbruch in Lateinamerika Zeichen der Hoffnung oder einer neuen Verwirrung? Und wie steht es bei uns und mit uns? Müssen wir nicht schmerzhaft lernen, wie Recht Luther hatte mit dem Wort vom 'fahrenden, weiterziehenden Platzregen des Evangeliums'? Sitzen wir nicht auf dem Trockenen?" (23)

Die zitierte Passage macht auch etwas deutlich von der polemischen Seite der Predigten, die nicht sehr betont ist, aber immer sehr prägnant und scharf, freilich nur für den verständlich, der sich mit den kirchlichen und theologischen Kontroversen etwas auskennt. Natürlich wird die "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre" (GE) von dem streitbaren Lutheraner aufs Korn genommen (121, 126), aber auch Nihilisten, Idealisten, Pazifisten und Aufklärer, alle selbsternannten Menschheitsbeglücker und Ideologen sowie zeitgeistige Strömungen allgemein (102 f. 124 f., 160) müssen bei passender Gelegenheit Seitenhiebe einstecken. Freilich nimmt Baur auch die eigene evangelische Kirche von der Kritik nicht aus, wenn er sie das Erbe Luthers verschleudern sieht. (z.B. 123, 160). Diese treffsicheren, knappen polemischen Bemerkungen sind wie das berühmte Salz in der Suppe durchaus geschmackverstärkend. Man wende nicht ein, solche Töne passten nicht in eine Predigt: Die 'Widerlegung der Irrtümer' (usus elenchticus) war seit jeher Bestandteil der lutherischen Predigt.

Vorherrschend aber ist der Ton, den man von einer Predigt auch erwartet, der Ton der Freude und der Gewißheit, nicht der leichten und leichtfertigen, aber doch einer jubelnden und ganz uneingeschränkten, ewigen Freude, die schon hier das Leben des Christen bestimmen kann, hier allerdings noch gegen die Erfahrungen von Schuld und Leid, in denen sie als Trost erscheint. Aber nicht eine diffuse Freude, die allgemein zur Religiosität gehört, ist gemeint, sondern die Freude angesichts der "Herrlichkeit Christi", die die Herrlichkeit Gottes selbst ist. Der emphatische Lobpreis in immer neuen Ansätzen und Worten, besonders in der Osterpredigt und in der Epiphaniaspredigt, der letzten vor den drei Kasualpredigten, ist, auch wenn er manchmal etwas zu laut klingt, theologisch begründet. Die Freude des Menschen gründet in Gott und ist nicht von ihm ablösbar, auch nicht als sein Geschenk. Und so geht es diesen lutherischen Predigten zwar um den Menschen, aber um den Menschen als den, dem es um Gott und um seine "Ehre" geht. Damit wird der häufig gegen den Protestantismus erhobene Vorwurf des Subjektivismus und der religiösen Egozentrizität gegenstandslos, was diese Predigten betrifft.

"Am Ende: Gottes Wort": Dieser wortspielerisch mehrdeutige Titel, der typisch ist für Baurs Umgang mit der Sprache, erweist sich am Ende als eindeutige Affirmation: Nicht Gottes Wort ist am Ende, sondern das Ende von allem ist und am Ende bleibt Gottes Wort, das kein Ende hat: Verbum Dei manet in aeternum. Das ist die Quintessenz Lutherscher und lutherischer Theologie und Frömmigkeit, die in diesen Predigten überzeugend aufgenommen und für die heutige Zeit fruchtbar gemacht wird von einem Theologen, auf den das Wort Leonhard Hutters paßt. "Wie nämlich die Frömmigkeit nutzlos ist, wenn sie der Unterscheidung des Wissens entbehrt, so ist das Wissen nichts, wenn es nicht den Nutzen der Frömmigkeit hat."

 


Prof. Dr. Elke Axmacher, Bielefeld
E-Mail: elke.axmacher@uni-bielefeld.de


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