Diakonisches Profil unternehmerischer Diakonie
in einer Zeit der Ökonomisierung -
Es ist Zeit für neue Ideen [1]

Jürgen Gohde

Sehr geehrte Damen und Herren,

herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Hundertjährige gibt es immer mehr. Was unterscheidet sie eigentlich von Dreißigjährigen? Sie denken ähnliche Gedanken, sie tragen ähnliche Kleidung. Vielleicht leben sie bewusster. Dazu kann dann ein Tag wie heute beitragen; über diakonisches Profil an einem Jubiläumstag nachzudenken macht Sinn. Wie wird die Diakonie in 10 Jahren aussehen, welche Zukunft hat sie? Das Motto des Tages ist eine erste Antwort: Entschieden für das Leben. Leben will der Mensch und geachtet sein. Nur wie?

Die Freiheit zu dienen als Erfolgskriterium sozialer Dienstleistung

Ich will meinen Ausgangspunkt nehmen bei einem Interview, das Hemjö Klein dem Wirtschaftsmagazin "brand eins" gegeben hat (Nr. 6/2004, 64-68). Sein Titel: "Die Freiheit zu dienen". Ohne ein einziges Mal von Gott zu reden, entfaltet er diesen einen Satz, - er, der frühere Vorstand von Neckermann, der Deutschen Bahn, der Lufthansa. Er beschreibt plausibel die Bedingungen für die Veränderung einer Dienstleistungsmentalität und steckt damit das Terrain ab, in dem sich unternehmerische Diakonie zu bewegen hat.

Er nennt die Voraussetzungen: den pfleglichen Umgang mit Kerntugenden - Disziplin, Verantwortungsbewusstsein, Zielstrebigkeit. Er zeichnet das Bild vom dienenden Staat, der den verbindlichen Rahmen für Vielfalt, Recht, Schutz und Freiheit schafft.

Der Leitsatz heißt: "Nicht tun zu müssen, was ich nicht möchte." Er ist die Basis von Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl.

Sein Ziel: die Veränderung der Dienstleistungsmentalität. "Nicht die Funktion, sondern der Mensch und sein Selbstbewusstsein sind entscheidend" (a.a.O., 66). Reden und Handeln, Leben auf Augenhöhe.

Auf die Frage, warum das so schwierig sei, kommt eine einfache Antwort: "Wir sind zwar Weltmeister im Leisten, aber nicht im Dienen. Dienen hat bei uns keine gesellschaftliche Relevanz und keine persönliche Attraktivität. Dienen gilt als etwas, was wir glücklicherweise überwunden haben" (66). Freilich: "Wer persönlich in der Lage ist, dienstbar zu sein, und wer das als eine erstrebenswerte Aufgabe ansieht, für den ist die Zukunft im Grunde ein Traum… Menschen dienlich zu sein, Freude zu bereiten, das ist nicht nur ein Beruf, das kann auch ein gesellschaftlicher Faden durchs Leben sein. Und Freude machen" (a.a.O., 66).

Ohne ein einziges Mal von Gott zu reden, - die Freiheit zu dienen. Kann das auch Leitbild für eine moderne Diakonie sein, die in einer Situation des wettbewerblichen Dialogs ihr Eigenes anbietet? Im Dialog mit Kostenträgern über Qualität und Preis? Im Dialog mit Bewohnerinnen und Kunden über ihre Zufriedenheit? Im Dialog mit den Mitarbeitenden, die sich eigentlich gar nicht mehr so verstehen dürften, sondern sich selbst als Mit-Unternehmer betrachten könnten?

Die Freiheit zu dienen, - nicht länger ein "weicher" Faktor, sozusagen das diakonische Sahnehäubchen, sondern ein Erfolgskriterium sozialer Dienstleistung, nicht soft sondern hard skill, anders gesagt: Managementverantwortung von Vorständen und Aufsichtsgremien.

Ich bin sicher, es würde unserer Gesellschaft insgesamt gut tun, in diese Richtung zu denken. Das in jeder Mangelsituation auftauchende Gerede über Pflichtdienste würde aufhören. Fordern und Fördern würde anders klingen. Dunkelkammerdiskussionen in Vermittlungsausschüssen wären nicht mehr nötig. Es wäre nicht notwendig zuzulassen, dass z.B. Pflege zum Schnäppchenpreis angeboten wird oder der Kunde zwar als König geködert wird, er aber sich das Notwendige nicht leisten kann. Reformen brauchen einen Mentalitätswechsel.

Den meisten Menschen ist bekannt, dass die sozialen Sicherungssysteme nicht nachhaltig finanziert sind und deshalb angesichts der irreversiblen Risiken der Demografie und der beeinflussbaren des Arbeitsmarktes nicht ausreichend in der Lage sein werden, Sicherheit zu geben oder Armut auszuschließen sowie ein Leben trotz Pflegebedürftigkeit würdevoll führen zu können. Die Integration in den Arbeitsmarkt ist eine Wette auf die Zukunft. Nationalstaatliche Eingriffe sind angesichts der Globalisierung der Wirtschaft in ihrer Wirksamkeit beschränkt.

Es ist nicht länger Zeit für Selbstbeschäftigung und Stillstand. Es kann nicht angehen, dass Vorschläge, bis sie Entscheidungsreife erlangt haben, bis zur Unkenntlichkeit zerredet werden zwischen Zaghaftigkeit, Ängstlichkeit und eigenen Interessen. Wir brauchen eine transparente Diskussion. Wir haben uns auf Mangelsituationen im Reichtum einzustellen.

Es gibt weder eine Garantie für die zukünftige Gestaltung des Prinzips des bedingten Vorrangs der Träger der Freien Wohlfahrtspflege noch für bestimmte ausdifferenzierte Hilfeformen. In jeder Gesetzesnovelle - diesmal im Rahmen des SGB II - muss darum gekämpft werden. Es ist nicht Brüssel, das uns nötigen würde, das Prinzip aufzugeben. Zerstört wird es, indem die Partnerschaftsfähigkeit der Kommunen ausgehöhlt wird, und dadurch, dass wir uns selbst nicht vorrangkonform verhalten. Wer Autonomie will, muss erhebliche Anstrengungen zur Stärkung des ehrenamtlichen und freiwilligen Engagements unternehmen.

In allen gegenwärtigen Reformdiskussionen - gleichgültig, ob es sich um die Zusammenlegung der Arbeitslosen- und Sozialhilfe, um die Gesundheitsreformgesetze oder die Pflegeversicherung handelt - ist eine zunehmende Betonung von Selbstbestimmung und Eigenverantwortung wahrzunehmen, zugleich aber werden Spielräume eingeengt. Es sind allerdings nicht nur humanistische Anliegen, die in der gegenwärtigen Situation zu einer Veränderung asymmetrischer und bevormundender Hilfeverhältnisse führen, sondern das durchaus verständliche Interesse, Kosten zu sparen. Dieser Ziel- und Interessenkonflikt verlangt auf verschiedenen Ebenen eine sorgfältige Bearbeitung.

Erfolg im Wettbewerb

Wer im Wettbewerb erfolgreich sein will, muss sich inhaltlich und kommunikativ unterscheiden, unverwechselbar sein. Dazu aber ist es nötig, den diakonischen Auftrag jeweils neu zu "buchstabieren".

Unsere Aufgabe ist es, unproduktive Entgegensetzungen von z.B. anwaltschaftlicher und unternehmerischer Diakonie zu vermeiden. Beide haben ein und denselben Auftrag. Sie treffen sich in der Wahrnehmung des Wunsches nach Befähigung und Freiheit von Menschen. Gemeinsam sind beiden Respekt und Anerkennung der Person und der Versuch, lebensfeindliche Risiken zu begrenzen. Für beide gelten Bedingungen des Wettbewerbs mit einer unterschiedlich ausgeprägten Souveränität der Hilfesuchenden.

Wir können uns keine falschen Alternativen leisten

So müssen nicht nur die Grundorientierungen des Bundessozialhilfegesetzes wie Personalität, Subsidiarität, Solidarität und Gerechtigkeit von neuem bedacht werden, sondern auch z.B. das diakonische Motto "Stark für Andere". Dieses Motto ist keine abgrenzende Kampfklausel. Es sichert, dass wir nicht eigennützig und egozentrisch handeln; es hält den Einspruch Gottes gegen ungerechtes Leben wach. Es wird lebensfeindlich, wenn es entmündigend oder gegen unternehmerisches Handeln gestellt wird.

"Stark für Andere" kann nur heißen: Wir machen andere stark, ihre Freiheit zu gebrauchen, ihre Rechte zu nutzen und Verantwortung zu übernehmen.

Stark für Andere in diesem Sinn wird allerdings nur der Träger bleiben, der die Risiken der gegenwärtigen Lage annimmt. Wirtschaftliche Rahmenbedingungen und ethische Orientierung bedingen einander. Wir befinden uns in einem Laboratorium.

Neue Arbeitskonzepte entwickeln

Auf der Ebene des pädagogischen Konzepts muss geklärt werden, wie der Hilfebedarf des einzelnen Menschen gemeinsam mit ihm entwickelt werden kann. Eine ständige Frage ist die nach bezahlbarer Qualität, des Umfangs notwendiger Hilfen und belastbarer Rechtspositionen. Angesicht der Ressourcenverknappung kommt dem effizienten Einsatz verfügbarer Finanzmittel hohe Bedeutung zu. So haben Rehabilitationsträger in jüngster Zeit versucht, ihre Verantwortung für einen sparsamen und wirtschaftlichen Einsatz von Finanzmitteln über das Instrument von Ausschreibungen wahrzunehmen, - ein aus unserer Sicht hoch strittiger Weg. Ein Instrument, das im gewerblichen Bereich durchaus zu den gewünschten Ergebnissen führt, kann im Bereich der Eingliederungshilfe die Versorgungsstrukturen zu Lasten von Menschen mit Behinderungen zerstören.

Wo die Ausgestaltung eines persönlichen Budgets einerseits durchaus Ausdruck der in der Subjektstellung erkennbaren Freiheit ist und damit die Selbstbestimmung stärken kann, besteht gleichzeitig andererseits die Möglichkeit, wenn das Budget nicht einer Wahlentscheidung der Betroffenen entspricht, dass das sog. sozialrechtliche Dreieck aufgelöst wird (Prof. Dr. Volker Neumann). Solange Sozialleistungen indes im Rahmen des sog. sozialrechtlichen Dreiecks erbracht werden, kann zwar Wettbewerb zwischen Einrichtungen und Diensten bestehen, ein Markt allerdings besteht nicht. Die Strukturverantwortung haben die Rehabilitationsträger. Dies ändert sich bei der Anwendung Persönlicher Budgets als Regelform. Markt setzt jedoch gleichberechtigte Partner voraus und keine asymmetrischen Beziehungen zwischen Leistungsanbietern und Leistungsnachfragern. Die Chance, Anteil zu haben, oder die Befähigung, ein Leben so selbstbestimmt wie möglich zu führen, eigene Lebensentwürfe zu gestalten, Benachteiligungen und Barrieren zu beseitigen, sind wesentliche Aspekte eines sozial gerechten Gemeinwesens.

Soziale Gerechtigkeit muss ständig neu bestimmt, erkämpft und ausgestaltet werden mit neuen Ideen, Gestaltungswillen, Mut und Kreativität. Diakonie braucht den wettbewerblichen Dialog über Nutzen und Qualität ihrer Dienste. Das bloße Beharren auf bisher Erreichtem und dessen Sicherung, das Fordern von Mehr von dem Gleichen, führt in die Irre.

Über die Freiheit zu dienen können wir nicht ohne Gott reden

Lassen sie uns das ganz unbefangen tun. Diese Freiheit ist ein innovatives Modell. Man verliert in ihr alle Angst vor Perspektiven- und Rollenwechsel. Sie ist, wie Martin Luther gesagt hat, "die Summe eines christlichen Lebens". "Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan" (Von der Freiheit eines Christenmenschen, 1520). So Martin Luther in der Sprache seiner Zeit.

Was wir brauchen, ist eine in biblischer Perspektive entfaltete Freiheit des Dienstes, die das soziale Handeln und die Präsenz der Diakonie christlich macht und erhält. Diese Freiheit ist das Gegenteil von Beliebigkeit und Unverbindlichkeit. Sie freut sich an Gerechtigkeit und Frieden, sie bietet Ungerechtigkeit und Ausgrenzung die Stirn. Sie lässt sich selbst bestimmen durch den in den Fragen, Schmerzen und Freuden der uns begegnenden Menschen präsenten Christus. Damit ist klar, wem unser Leben gehört, - weder dem Markt noch anderen Zwängen.

Wie dient diese Diakonie dem Leben?

Sie wendet sich nicht von der Not konkreter Menschen ab, sieht in ihnen auch keine Daten einer Statistik. Diakonie wendet sich dem Menschen zu, auf Augenhöhe, und achtet seine von Gott geschenkte Würde und sein Recht zu leben, in allen Phasen seines Lebens. Dazu zählt eine Form des Zusammenlebens, die den beteiligten Menschen Zeit gibt und Zeit lässt und ihnen vertraut.

Diakonie schaut in die Nischen und Ecken mit scharfem Auge. "Streitbar, cool und gescheit" nennt die Zeitschrift "Brigitte" (09.06.2004) diese Haltung bezüglich der deutschen Richterin Renate Jäger, die an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte berufen wurde. "Ich weiß, wie es ist, wenn man sich zum Frühstück nur eines leisten kann, Joghurt oder Ei." Das kann sie wahnsinnig aufregen: wenn Politiker nichts von Armut wissen. Wenn auf einem Staatsempfang ein Minister zu ihr sagt, die Sozialhilfe sei doch recht üppig. "... und dann zeigt er mir sein leeres Portemonnaie, in dem er angeblich nie Geld hat." Da wird die Sozialdemokratin schon mal ziemlich direkt. "Sie können sich ja auch von den Häppchen bei den Empfängen ernähren." Streitbar, cool und gescheit - solche mutigen Frauen und Männer wünsche ich uns.

Ich kann es auch anders sagen: Gott ist Auge und Ohr für Menschen in Unterdrückung, kennt ihr Elend und ihre Klage. Nah ist dieser Gott zu den Menschen, empfindsam für Freude und Leid, Angst und Mut. So tritt der leidempfindliche Gott an die Seite des Obdachlosen; an die Seite des Menschen, der seine Erwerbsarbeit verloren hat und damit seine Anerkennung; er tritt an die Seite der Menschen, die sich überflüssig vorkommen. "Überflüssig wird heute leicht, wer nicht arbeitet, nicht kauft, nicht erlebt. Im Sog des Überflüssigwerdens sind die Alten, die Hilfsbedürftigen, die Sterbenden, die Behinderten, die Arbeitsplatzlosen, Kinder, die stören, Jugendliche, die keinen Platz im Leben finden, die Armen und Armgemachten" (Passauer Pastoralplan 2000: Gott und den Menschen nahe, S. 8). Aber wir glauben ja an die Kraft der Umkehr und die Möglichkeit zum neuen Anfang. Diakonie traut der Verheißung des Evangeliums, dass Barmherzigkeit möglich ist.

Sie denkt nach vorne, fragt nicht zuerst nach dem Zuschuss, sondern der eigenen Handlungsmöglichkeit, sie sucht Lösungen für die Zukunft des in Not Geratenen. Sie weiß, dass die Zukunft Gott gehört. Dieses Wissen ist die Quelle aller Zuwendung, die Geborgenheit und Schutz kennzeichnet.

Wir haben keine Zeit zu verlieren, Aufbruch ist angesagt

"Spute dich", heißt ein Gedicht von Rose Ausländer:

Die Schatten werden lang
Spute dich
Wir wollen zum Berg
Ehe der Blitz den Gipfel fällt.

Pack Kornbrot Kognak und Rübezahl
In den Rucksack
Vergiss nicht den Spruch
Der den Weg zeigt zum Bach
Wo Forellen springen.

Blick nicht zurück zur Bühne
Wo Faust den Erdgeist beschwört
Und sich mit Beelzebub verbrüdert.

Vergiss das Gerüst
Auf dem Männer die Luft begraben
Und eine Falle stellen
der Sonne…
Spute dich
es ist spät.

So schwer dieses Gedicht erscheinen mag, so einfach ist seine diakonische Botschaft.

Wer zum Berg will, wer Ausblick und Perspektive, gelingendes Leben anstrebt, muss den Spruch und den Weg kennen zur Quelle unseres Handelns. Leben mit dem Evangelium. Die Diakonie darf nicht zur Ruhe kommen.

Noch weniger darf die Diakonie Faust spielen, sich selbst als Mensch an Gottes Stelle setzen, die Weltformel ergründen wollen. Den Pakt mit dem Erdgeist schließen so viele. Das Leben lässt sich nicht machen oder ein für allemal vermarkten. Wo Liebe käuflich wird, ist es ein Problem. Und die Menschen in Europa ahnen, dass der Pakt mit dem Erdgeist eine Spirale nach unten freisetzt, bei der alle nur verlieren können. Lassen sie uns fragen nach dem, was die einzelnen Menschen brauchen. Im Mittelpunkt der Diakonie darf nicht der abstrakte MENSCH stehen. Es geht um den Einzelnen. Ohne das Wissen vom Menschen, wie er geht und steht, ohne Respekt vor seinem Leben, läuft jede Reform ins Leere. Sie geht das Risiko ein, das überschießende, befähigende, auch das Herausfordernde des wirklichen Lebens nicht zu sehen:

z.B. das Elend des vierzehnjährigen schwangeren Mädchens, das nicht verhütet hat und nicht ja sagen kann zu seinem Kind, weil ein kinderfreundliches Umfeld fehlt; oder die Sorge des Sozialhilfeempfängers, der weiß, was es heißt: Medikamente oder Frisör; oder die Frau, die trotz aller Anstrengung für ihr Kind keinen Krippenplatz findet.

Und was geschieht, wenn die Luft begraben wird, die wir zum Atmen brauchen, die Luft zum Träumen, mutige Entscheidungen zu treffen und der Sonne keine Falle zu stellen, sondern uns daran zu freuen, dass sie über Alte und Junge, Gesunde und Kranke, Behinderte und Kraftprotze scheint?

Spute dich, es ist spät…

Wir haben uns diesen Fragen zu stellen und die Arbeitsformen wie prinzipielle Ausrichtungen unserer Arbeit zu überprüfen und Strategien zu ändern, um zu verhindern, dass einfallsloses Einsparen zum Königsweg wird und alle soziale Motivation zerstört.

Es ist eine der entscheidenden Stärken unserer Arbeit, durch eine gute Betriebswirtschaft nicht zuletzt die Voraussetzung für eine effiziente, qualitätsvolle, überzeugende, glaubwürdige Arbeit mit den Mitarbeitenden unserer Häuser für Menschen in Not zu schaffen und für sie einzutreten.

Freiheit zu dienen heißt auch wettbewerbsfähige, gerechte Entlohnung und darum

zu kämpfen, dass wir junge Menschen für soziale Berufe interessieren. Sie brauchen Kontakt mit den Fragen und den Herausforderungen, die Menschen ganz fordern. Sie wissen sehr gut, was es heißt: Es kommt nur auf mich an. Freilich setzt das eine Verständigung voraus über ethische Orientierungen, denn es geht um die Gestaltung eines Lebensprozesses, in dem Vertrauen in einem sozialen Raum ausgebaut wird und auch die Bereitschaft zur Vergebung gepflegt wird.

Die Frage nach Gott

Unsere sozialstaatliche Diskussion krankt nicht nur daran, dass sie die ökonomischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht ausreichend betrachtet hat, sie krankt auch daran, dass sie den Sinnhorizont des menschlichen Lebens nicht erreicht. Sich diesen Herausforderungen zu stellen heißt, die Frage nach Gott zu stellen. Im Mai 2003 hat Norbert Blüm im "Tagesspiegel" geschrieben: "Ohne Suche nach dem Sinn des Lebens lassen sich keine sinnvollen Grenzen der Krankenversicherung finden. Die herkömmlichen Reformversuche der Kostendämpfung ähneln dem Wettlauf zwischen Hase und Igel. Der Glaube an die totale Machbarkeit des Menschen, die Utopie vom leidfreien Leben und die Erwartung des unbegrenzten medizinischen Fortschritts sitzt immer schon am Furchen-Ende, bevor die Kostendämpfer angehetzt kommen" ("Die letzte Reise", Tagesspiegel vom 18.05.2003, S. 7).

Diakonie ist kein Hase- und Igelspiel. Diakonie spielt auch nicht Faust. Ökonomische Fragen stellen sich nicht einfach mehr als ökonomische Fragen, sondern als Fragen nach Gerechtigkeit und Solidarität. Es geht um die Freiheit zu dienen, die Freiheit zu leben und die Freiheit zu gestalten. Diese ethische Qualität ist ein erstrangiger Wettbewerbs- und Erfolgsfaktor. Sie ist unsere Kompetenz der Hoffnung. Lassen Sie uns ohne Angst an die Arbeit gehen, wenn das Fest vorbei ist.

Herzlichen Dank.

Fußnote:

[1] Vortrag, gehalten am 18.07.2004 anlässlich des Hundertjährigen Bestehens der Evangelischen Stiftung Volmarstein in Wetter (Ruhr).

 


Dr. h.c. Jürgen Gohde, Berlin
E-Mail: mletzko@diakonie.de


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